GLASHÜTTE

In der Erzählungssammlung Die Glashütte versteht es Daniel Odija von neuem, den Leser zu packen, indem er zu Themen zurückkehrt, die ihn in den Romanen Die Straße und Das Sägewerk beschäftigten. Man kann bei diesem Band nicht wirklich von einer ausgeprägten Dominante sprechen, aber auf gewisse Erzählstränge hinweisen. Odija schreibt wieder über die Probleme junger Menschen in der Provinz (das heißt im übel beleumundeten „Polen B", wie man diese rückständigen Gebiete in der Zwischenkriegszeit nannte), die keine Arbeitsplätze und keine Perspektiven, ja nicht einmal einen Sinn in ihrem Leben finden können. Er schafft eine Galerie verlorener, ausgegrenzter, freiwillig oder gezwungenermaßen an den wenig attraktiven Rändern der Wirklichkeit lebender Menschen. Meist handelt es sich um unglückliche Menschen, denen das Leben eine harte Lehre erteilt und ihnen ein paar einfacheRegeln, wie aus einem Militär-Reglement, ein-gebleut hat, wie etwa jene: „Es findet sich immer ein Stärkerer". Den letzten Erzählstrang in Die Glashütte machen Familiengeschichten aus, so etwas wie Mini-Sagas, in denen der Autor von Geburt und Tod erzählt; er spinnt Familiengeschichten und Urgeschichten und denkt über die Rolle des Zufalls nach, der eben diese und nicht andere Menschen für lange Jahre miteinander verbindet. In seinem neuen Buch zeichnet Odija neuerlich mit großer Konsequenz Prosabilder im Stil des schwarzen Realismus.
Obwohl in einigen Texten des neuen Bandes ein kleines Licht der Hoffnung aufschimmert, wie etwa die Liebe der Familie und der Freunde, die dem Helden Optimismus und Kraft für den Kampf gegen die Welt verleiht, ist die Aussage der Erzählungen unzweifelhaft pessimistisch. Die Welt präsentiert sich den Protagonisten Odijas als gefährlicher Dschungel, in dem ihr Leben ständig durch kleinere oder größere Katastrophen bedroht wird.
Sieht die polnische Wirklichkeit tatsächlich so aus? Das ist eine Frage, über die man diskutieren kann. Aber mit Sicherheit kann man dem Autor von Glashütte nicht absprechen, daß er es versteht, die dunklen Seiten unserer eintönigen Wirklichkeit mit großer Suggestionskraft zu schildern.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Der Zufall

Ich bin das Ergebnis eines Zufalls. Ein Zufall hat mich geschaffen. Im unkontrollierten Erguß, der sich in einer Milchstraße verspritzte, sank ich ins weiche Nest. Zu einem Bündel gerollt, dehnte ich mich aus, im Kopf jenen Rhythmus, der zu meinem Rhythmus wurde. Langsam aber zielstrebig wurde ich geformt. Man pumpte Blut und Kalk in mich hinein. Vitamine und Gifte durchströmten mich. Die ersten Aphrodisiaka und die letzten Linderungen. Zarte Gedanken schnürten sich zu Knoten. Ich wurde ermuntert, zu reagieren – meine Reflexe wurden kodiert.
Das uralte Schema: ein Kopf, zwei Arme und ein Paar Beine, fortbewegt durch ein zerbrechliches Rückgrat, wurde speziell für mich entworfen, für einen neuen Körper und Geist, die schon so oft aus dem Ei geschlüpft waren, und doch außergewöhnlich erschienen, weil sie einzig und allein mir gehörten. In genau diesem Moment wurde vom geballten Trieb gefordert, sich auf dieses eine Geschöpf zu konzentrieren, es zu erkennen und ihm nicht wiederholbare Merkmale einzukerben. Ist dieses Hervorheben eines von uns gegenüber den anderen nicht ein Geschenk? In welche Maße hängt das von uns selber ab? Ist es das Geschenk eines Feindes oder eines Freundes?
Auf der Suche nach sich selber. Außerhalb seiner selbst vorbereitet, für sich selber und indirekt auch für andere. Ein Versprechen, eine neuerliche Hoffnung – eine sinnvolle, so lang das Gehirn wächst, die Knochen und Muskeln härter werden, Wunden sich rasch schließen; eine enttäuschte Hoffnung, wenn die gerissene Haut für immer zerrissen bleibt, und einem, statt neue Worte zu lernen, sogar schon die alten abhanden kommen – und doch bin ich ordentlich gewachsen. Unverschämt und mit Hilfe von Kräften, die man nicht kennt.
Vielleicht ist unser Anfang gar nicht in uns selber zu suchen, sondern in der multiplen Ankündigung, die sich in Zeit und Raum zu dieser einen Möglichkeit fügt, aus der unsere Protoplasten entstehen? Obwohl mein Urgroßvater meine Urgroßmutter getroffen haben muß und sie im Verein meine Großmutter gezeugt haben müssen, mußten sie noch nicht unbedingt meine sein, und ich ergo dessen nicht der ihre. Und selbst wenn sie ein wenig an mir beteiligt waren, war mein Entstehen vermutlich doch vor allem auf die unbegreifliche Wendung des Schicksal und der Bestimmung zurückzuführen, auf diese spezielle Anstrengung, die man zur Errichtung jener Mini-Pyramide von Sinn und Unsinn aufwendet, die, mit der Spitze nach unten stehend, bei mir endet und sich über mir zu Mutter und Vater erweitert und dann zu jenen, die ich immer rascher vergesse und die nur mehr vergilbte, in alten Familienfotografien gefangene Gestalten sind. Nur manchmal gelingt es ihnen, sich in unseren Köpfen zu befreien und mit uns zu sprechen, nachdem sie den Verhau der Zeit und der Zersetzung überwunden haben. Selbst wenn wir sie nicht kennen, werden sie zu unseren Nächsten, die uns um so näher sind, je schwächer unsere Leiber werden und je höher das Fieber. Denn wenn wir den Körper vergessen, erringen wir die Gabe, auch die Zeit zu vergessen. Dann existiert mit einemmal keine Chronologie mehr, und jemand, der um zweihundert Jahre älter ist, kann plötzlich unser Enkel sein. Aber wir wollen uns wieder der Welt der Lebenden zuwenden, selbst wenn sie längst gestorben sind. Es hätte ja genügt, daß meine Urgroßmutter unter einen anderen gerutscht wäre, und schon gäbe es mich nicht. Oder daß mein Urgroßvater auf eine andere gefallen wäre, und schon gäbe es mich nicht.
Wenn wir bei der graphischen Darstellung der Pyramide bleiben, dann hatte ich vier Urgroßväter und vier Urgroßmütter, wie jeder andere auch, aber ihr müßt zugeben, daß das für die Erzeugung einer Person ziemlich viel ist. Natürlich ergaben sich unterwegs Großväter, Großmütter, Onkeln, Tanten, Cousinen, doch hier will ich mich nur mit mir selber befassen und, was damit einhergeht, mit euch. Drum stellt euch einmal vor…. Jeder meiner Urgroßväter mußte sich so festklammern und seine Säfte entsprechend mit der jeweiligen Urgroßmutter vermischen, daß die entsprechenden Kettenglieder, nämlich meine Großeltern, entstehen konnten. Und dann gab es wie immer Kriege, und es starben mehr Menschen als geboren wurden. Das war das nächste Sieb, durch das die Sperma meiner Großväter ihren Weg finden mußten. Das war der nächste Streß, der den Großmüttern nicht erlaubte, sich locker für das Vergessen zu öffnen. Und doch kam es irgendwie dazu, daß meine Eltern erwachten.
Und nun kam die nächste Zufallslotterie. Meine Mutter fuhr vom einen Ende des Landes ans andere, weil ihr Bruder an der Lunge erkrankt war, und die ganze Familie beschlossen hatte, ans Meer zu übersiedeln, damit die dortige Luft die Lungen heilen konnte. Das brachte meine Mutter dem Vater ein Stücke näher. Dabei waren diese Gebiete ein paar Jahre vor der Ankunft der Mutter noch deutsch gewesen – urdeutsch. Und wäre nicht der Krieg gekommen, dann hätten sich Vater und Mutter an diesem Ort nie getroffen, weil sie tausend Kilometer voneinander entfernt gelebt hätten. So aber hat es sie, aus dem Boden der Vorväter herausgerissen, ganz zufällig ins Gebiet ihrer Feinde verschlagen, wo sie zaghaft Wurzeln schlugen, wie diese Bäume, die zum Brennholz bestimmt sind. Auch ich kann, obwohl hier geboren, das Gefühl der Zufälligkeit nicht los werden, daß ich nicht dort bin, wo ich eigentlich hingehöre….
Aber zurück zu den Eltern. Sie begegneten einander schließlich, und das aus reinem Zufall. Zur Namenstagsfeier meiner Mutter sollte ein gewisser Junge mit einem Mädchen kommen, doch er erkrankte, und das Mädchen wollte nicht allein gehen und suchte nach irgendeinem Partner, weshalb es meinen Vater mitnahm, nur weil er den Kranken kannte. So tauchte also mein Vater bei der Namenstagsfeier meiner Mutter auf und verliebte sich auf der Stelle in sie. Doch beinahe wäre nichts daraus geworden, weil meine Mutter bis über beide Ohren in einen anderen verliebt war. Die Sache erschien aussichtslos, als ein Zufall zur Hilfe kam. Der Freund, den meine Mutter liebte, erwiderte, wie sich herausstellte, diese Gefühle nicht wirklich, und als er dann das Mädchen sah, mit dem mein Vater gekommen war, verliebte er sich auf der Stelle in sie. So vermischte, löste und verband sich das alles, worauf meine Eltern eine Woche später miteinander ins Bett sprangen, und das Weitere ist ja bekannt. Natürlich mußten sich seither viele günstige Umstände miteinander verflechten, so dünn wie die Adern eines Virus, daß am Ende ich herauskam. Aber irgendwie verflochten sie sich….
Denn alles ist Zufall. Selbst wenn man den präzisesten Plan des Entstehens und Vernichtens zeichnet und psychisch und physisch alle Möglichkeiten des Erbauens und Zerstörens berechnet, werden die Ergebnisse doch nie endgültig sein, weil sich immer diese eine Möglichkeit findet, die bewirkt, daß alles vom Zufall abhängt.
Warum sind wir einander in zwanzig Jahren nie begegnet, obwohl wir nur zweihundert Meter voneinander entfernt wohnten? Vielleicht lag es daran, daß viele Windungen zu uns führten und zahlreiche Querstraßen uns den Weg abschnitten? Doch eines Tages sahen wir einander ganz zufällig auf der Straße, im selben Moment. Dabei hätte ich es mir, das muß man bedenken, einen Augenblick vor unserer Begegnung anders überlegen und doch nach rechts abbiegen können; und Du hättest ebensogut etwas länger ins Schaufenster blicken können, dann wäre ich an Dir, die mir den Rücken zuwandte, vorübergegangen; oder jenes Auto hätte früher vorbeifahren können und Du wärst, um nicht überfahren zu werden, so lang stehen geblieben, daß ich ein paar Meter vor Dir in den Laden getreten wäre, nicht ahnend, daß wir bei einer unbedeutenden Verlangsamung meiner Schritte am Ende auf uns gestoßen wären… Alle diese Möglichkeiten möchte ich zu bedenken geben.
Noch dazu wäre trotz unserer zufälligen Begegnung nichts daraus geworden, wenn wir nicht zufällig dieselbe Person gekannt hätten. Beide übrigens nicht sehr gut. Doch eines Tages suchtest Du diese Person in einer Angelegenheit auf, und sie lag damals gerade mit einem mächtigen Kater in der Wohnung meiner Eltern, die seit einiger Zeit ihre Wochenenden am See verbrachten, so daß die Bude sturmfrei war, und….

Aus dem Polnischen von Martin Pollack