AUSGELESENEN ERZÄHLUNGEN

Bereits Kuczoks erster Erzählband aus dem Jahr 1999 wurde sowohl von den Lesern als auch von den Kritikern äußerst positiv aufgenommen und unter anderem für den polnischen Literaturpreis NIKE nominiert. I der kritischen Rezeption der Erzählungen Kuczoks spürte man eine gewisse Erwartungshaltung, die ihren unmittelbaren Ausdruck in Kinga Dunins Skizze Warum Wojciech Kuczok einen Roman schreiben sollte fand. Diese Erwartung entstand aus dem Gefühl, dass Kuczok in seinen Erzählungen nach etwas suchte: erstens nach einem Thema, das ein wirklich eigenes Thema des Autors sein würde, und zweitens nach einer diesem Thema angemessen Sprache. Und tatsächlich – der Roman Der Scheisser, der zahlreiche Auszeichnungen erhielt, vom „Reisepass“ der Zeitschrift „Polityka“ bis zum NIKE, bewies eindeutig, dass Kuczok nicht nur ein eigenes Thema gefunden hatte – die familiäre Hölle – sondern auch eine eigene – groteske, mit dem Realismus liebäugelnde, doch keineswegs ästhetisch gleichgültige – Poetik voller raffinierter Konstruktionen, die bewusst durchbrochen sind, mal mit schlesischem Dialekt, mal mit primitiver Umgangssprache. Wenn also Der Scheisser den Höhepunkt seines bisherigen Schaffens darstellt, dann sind die in den Ausgelesenen Erzählungen versammelten kurzen Prosaformen, eine ausgezeichnete Beschreibung des Wegs, den der aus Chorzów stammende Autor zurücklegte, um schließlich seinen ersten Roman zu schreiben.
Vor allem erinnern sie an die Wurzeln seines schriftstellerischen Werks – die Werke Witold Gombrowiczs und die avantgardistische Prosa der 70er- und 80er-Jahre. Die Präsenz Gombrowiczs zeigt sich in den Ausgelesenen Erzählungen unter anderem in Kuczoks Neigung, seine Helden in Situationen darzustellen, die extreme Emotionen und geradezu atavistische Gebärden freisetzen. Oft entsteht aus diesen Situationen das für Gombrowicz so typische Absurde – die Ereignisse entziehen sich der Realität und gleiten über ins Ironische (fast möchte man unter Tränen lachen...). Doch der Autor von Ferdydurke wird auch dann in Kuczoks Werk sichtbar, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass diese Erzählungen – paradoxerweise – überaus sorgfältig konstruiert sind und für eine Erzählkunst stehen, die Krzysztof Uniłowski einst als „studierte Prosa“ bezeichnete.
Eine Beschreibung der kurzen Prosaformen Kuczoks wäre jedoch unvollständig ohne einen Hinweis auf den zweiten der oben erwähnten Einflüsse. Der Avantgardecharakter zeigt sich am deutlichsten im ästhetischen Experiment sowie in der Verwendung unterschiedlichster Ausformungen der gesprochenen Sprache – vom schlesischen Dialekt, über die Sprache der gesellschaftlichen Unterschicht bis hin zur Jugendsprache. Diese Vielfältigkeit erlaubt es, die Ausgelesenen Erzählungen nicht nur als eine Art Vivisektion existentieller Fallgruben zu lesen, sondern auch als Phänomen des Aufeinanderprallens von Sprachstilen, der sprachlichen Polyphonie und der Vielschichtigkeit unseres Bedürfnisses miteinander zu kommunizieren.

-Igor Stokfiszewski.

AUSZUG

Er schlief unterm Tropf. Ganz zugedeckt mit einer Decke, nur das Köpfchen ragte hervor, auf einem viel zu großen Kissen ruhend. Ich drückte meine Nase an die Scheibe der Isolierstation und schaute, ob er sich im Schlaf nicht zu unruhig umherwälzte, denn sonst könnte er sich noch das Hälschen brechen. Der Arzt kam, endlich frei, zog sich Handschuhe und Kittel aus und sagte beim Händewaschen: „Jaa, jetzt können wir uns ein bißchen unterhalten." Bevor ich mich zu ihm umwandte, beschloß ich bei einem letzten Blick auf meinen Mann, daß, egal, was noch passiert, bis er wieder gesund ist, oder auch nicht… , jedenfalls wollte ich, bis die Sache definitiv entschieden ist, so oder so, bei ihm bleiben, für ihn da sein, im Zusammenhang mit ihm da sein.
„Vor allem muß ich Sie beruhigen, davon wird Ihr Mann nicht sterben."
Endlich konnte ich mich hinsetzen, aus dem Fenster schauen und den Tag bemerken, die Wolke, den Baum, die Taube auf dem Fensterbrett, alles war für etwas da. Ich war für etwas da, er war für etwas da. Ziele. Ich konnte meinen Tränen Freiheit geben, ich brauchte sie nicht mehr.„Ich verstehe, Sie weinen vor Glück, doch ist die Sache nicht so eindeutig, wie wir es uns alle wünschen würden."Stehendes Bild. Selbst das Blut blieb in diesem Moment stehen und wartete auf die Nachricht, ob es sich lohnte, weiterzufließen.
„Ich nehme an, daß Ihr Kontakt mit Ihrem Mann seit einiger Zeit etwas erschwert war. Leider haben wir Grund zu der Annahme, daß sich in dieser Hinsicht keine Besserung einstellen wird."
Ich hörte zu. Ich hörte einfach zu. Die Taube flog davon. Rückwärts.
„Es ist eine seltene Krankheit. So selten, daß man sich bisher nicht getraut hat, ihr einen Namen zu geben. Wissen Sie, in der Medizin gilt das, was benannt ist, als beschrieben, gezähmt, verstanden. Eine Pathologie zu benennen ist der erste Schritt zu ihrer Bändigung. Diesen ersten Schritt haben wir im Falle dessen, was Ihrem Mann zugestoßen ist, noch nicht getan. Was aber die Genese der Krankheit und besonders ihren Verlauf angeht, besteht so gut wie kein Zweifel."
Er war beherrscht bis zum Gehtnichtmehr, wie es sich für einen Oberarzt gehörte; stets dieses Timbre eines Nachrichtensprechers, die untadelige Diktion, der tiefe Blick. Ich schaute mich suchend um, irgendwo mußte dieses „so gut wie kein", diese „seltene Krankheit" geblieben sein, irgendwo mußte er die Ungewißheit für die Zeitdieses Gesprächs hingestopft haben, ich suchte, ach ja, der Kugelschreiber, dieses banale, quasi standardmäßige Requisit der Entladungen des menschlichen Faktors, der Herr Doktor spielte mit dem Kugelschreiber, wandte ihn in den quasi Tremor-Händen hin und her, konzentrierte die ganze Schwäche aus den fernsten Winkeln seiner Privatheit, seiner Nicht-Oberarztigkeit nach Stunden in den Kugelschreiber, und als der arme Kerl sah, daß ich ihn ertappt hatte, beging er in einer weiteren Bewegungsfolge einen Fehler, und das Kugelschreiberchen fiel, prallte ungeschickt vom Schreibtisch ab und fiel tiefer, auf den Boden, unter das Tischchen, unter meine Füße. Er räusperte sich, lächelte nervös, plärrte „Entschuldigung", rückte sich die Brille zurecht, begann zu blinzeln und geriet dabei ins Stottern, und seine Selbstbeherrschung brach zusammen wie ein Feld von Radrennfahrern, die vom Sturz des Spitzenfahrers umgerissen werden. Er machte eine Bewegung, als wolle er sich bücken, aber dann winkte er ab, mit so einer halb ausholenden Bewegung, mit einer Miene, als wolle er „ach was" sagen, und ich spürte, wie sich seine ganze Distinktion doppelt gegen ihn kehrte, wie er sich in sich verlor, in seiner verlorenen Amtlichkeit-Ärztlichkeit, jetzt ruft er innerlich um Hilfe, Mama, Papa, die Wölfe, der dunkle Wald, rettet mich.
„Ich höre Ihnen zu", sagte ich zu ihm wie zu einem Studenten, dem die verkehrte Frage gestellt wurde und der jetzt auf ein Wunder, auf eine Zusatzfrage wartet.
„Jjja, richtig. Also Ihr Mann, äh, ist noch in einem frühen Stadium. Im übrigen, ach, äh, kommen Sie, folgen Sie mir bitte, dann werden Sie es selber sehen."
Ich bin in diese Einweihung gewaltig eingedrungen; hätte ich seiner Sicherheit nicht ein Beingestellt, hätte er mir nichts gezeigt, hätte er noch ein paar polierte Sätze benutzt und am Schluß mit gefalteten Händen etwas von Tapferkeit gesagt, daß ich tapfer sein muß. Als es ihm an Worten fehlte, als ich sie ihm weggenommen hatte, mußte er sich vertreten lassen, führte er mich einige Flure weiter, wir betraten einen verdunkelten Saal, er sagte etwas zur Krankenschwester, die Jalousien gingen hoch, Licht fiel herein, blendend, und nach kurzer Gewöhnung erblickte ich Reihen von Betten, in jedem dasselbe, überall lagen Kerle ohne Kopf.
Ganz ohne Kopf.
Er kam meiner Frage zuvor: „Ja, sie leben. Gestatten Sie bitte." Damit traten wir an einen von ihnen heran. Über dem Kissen war an einem Podest ein Mikroskop aufgehängt. „Schauen Sie bitte!" Ich sah in Vergrößerung den Kopf eines schlafenden Mannes im mittleren Alter, mit sympathisch angegrauten Schläfen, er schien ruhig zu schlafen, keinerlei Grimassen, so ein Gut-Aussehen-aus-dem-Schlaf.
„Das ist auch ein relativ frühes Stadium. Wenn er wach wird, können wir durch das Mikroskop die Bewegung seiner Lippen erkennen. Zu den meisten können wir keinen Kontakt mehr herstellen."
Ich bat, den Saal zu verlassen. Kann eine Terasse sein, oder ein Balkon. Wo es Luft gab, wo man für einen Moment aus der Klammer dieses Gebäudes herauskam. Denn in dieser Klinik sprach man (Wirklichkeit) in Klammern, ohne Zweifel.
„Wir wissen inzwischen, daß es so etwas ist wie das Paradoxon des Zenon aus Elea. Bei jedem Schub der Krankheit schrumpft ihr Kopf um die Hälfte. Sie verschwinden also nicht, obwohl sie unaufhörlich schrumpfen."
Endlich auf dem Balkon, an der frischen Luft, unten ein Garten. Normale Menschen in Schlafanzug und Morgenmantel mit Begleitern. Es schien, als fehle ihnen nichts. Der Doktor genehmigte sich ein Zigarettchen.
„Der erste ist vor fünfzehn Jahren zu uns gekommen. Und noch keiner der Patienten ist bisher gestorben, wissen Sie, eine sehr unklare Situation. Bei einem länger anhaltenden Koma werden die Patienten gewöhnlich von den lebenserhaltenden Apparaten getrennt, aber diese hier, äh, haben auch ein geistiges Leben, haben Bewußtsein, nur verlieren sie, wie soll ich sagen, irgendwann die Kontrolle über den übrigen Körper, man kann sich schwer vorstellen, in welcher Realität sich ein Patient nach dem dreihunderttausendsten Schub befindet, wir haben keine entsprechenden Geräte; jedesmal verringert sich der Abstand zwischen den Schüben um die Hälfte, so daß die ältesten - ich meine die, die am längsten krank sind - permanent mit einem Wahnsinnstempo regredieren, mit einer unvorstellbaren, immer noch wachsenden Geschwindigkeit schrumpfen, daher sind sie wahrscheinlich auch psychisch tot, das könnte kein menschlicher Verstand aushalten, tja, aber es ist, wie ich schon sagte, nureine Wahrscheinlichkeit, noch wissen wir nicht viel, alles bleibt im Bereich der Vermutungen, und die Ethik…"
Er quasselte, und je länger er quasselte, desto stärker wünschte ich, wieder auf der Isolierstation zu sein, desto schneller eilte ich durch die engen, mit allerlei Gerät zugestellten Flure, und er trabte hinterher und quasselte weiter, vielleicht wollte er einfach alles loswerden, sein ganzes Wissen und seine Ratlosigkeit auf mich abwälzen, da, Weib, hast du, was du haben wolltest, jetzt weißt du alles, und nun lauf zu deinem Burschen, so lange du ihn noch hast, er trippelte hinter mir her und qatschte:
„Noch kennen wir nicht die Genese, aber es besteht die Wahrscheinlichkeit, ach, wieder dieses Wort, daß es sich um eine Hypersomati-sierung einer Angstneurose handelt, denn sie alle hatten vorher ähnliche Symptome: herabgesetztes Selbstwertgefühl, Depressionen, Hypochondrie, schließlich eine Ehe- oder Beziehungskrise, und dieses Schrumpfen ist sozusagen eine exakte Reaktion, wissen Sie, die Metaphorik der Neurose, alles konzentriert sich dauernd auf den Kopf, aber rennen Sie doch nicht so, hören Sie mich überhaupt?" „Ich bin bei dir", sagte ich, als er erwachte. Ich beugte mich vor, damit er mir etwas ins Ohr piepsen konnte. Ich spürte auf der Wange den Kuß eines Käfers. Ich richtete ihm das Kopfkissen. Er hatte Angst. Er schaute. Zwei kleine Bohrer bohrten sich in mich hinein, suchten eine Antwort. Auf alle Fragen zugleich. Ich mußte Worte finden, die imstande waren, alle Löcher zu stopfen, durch die uns das Licht entwich.
„Ich hab' dir Zeitungen mitgebracht."

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese.