ALLE SPRACHEN DIESER WELT

Der Erzähler mittleren Alters, Zbigniew Hintz, schildert in diesem unterhaltsamen Roman einen Tag aus seinem Leben, wobei er häufig in seine Kindheit und seine jungen Erwachsenenjahre zurückblendet. Im Mittelpunkt stehen dabei die Beziehung zu seinen Eltern und der starke Einfluss, den sie auf ihn hatten. Die Geschichte spielt sowohl im kommunistischen Polen als auch nach der Wende. Dennoch sind die wichtigsten Themen des Romans universaler Natur, wie beispielsweise die Schwierigkeiten, mit den eigenen Verwandten zu kommunizieren und Erfüllung im Leben zu finden. Im Grunde genommen ist es eine Komödie, die lustig aber zugleich ergreifend ist und viel über den menschlichen Charakter verrät. Die einfache Handlung, in der eigentlich nicht viel passiert, ist voll gepackt mit jenen kleinen Ereignissen, aus denen der Alltag besteht und die uns allen vertraut sind. Die Rückblenden liefern uns eine Vielzahl von amüsanten Nebenhandlungen und -figuren.Die Haupthandlung spielt in Warschau während 12 Stunden am 17. Januar 1997, fast zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. An diesem Tag hilft Hintz seinem verwitweten Vater, eine Abschiedsfeier in dem Krankenhaus auszurichten, in dem er fünfzig Jahre gearbeitet hatte. Während Hintz diesen Tag beschreibt, erinnert er sich daran, wie er dabei versagte, die Hoffnungen, die seine Mutter in ihn gesteckt hatte, zu erfüllen. Sie selbst war eine gescheiterte Künstlerexistenz und mit dem Leben allgemein unzufrieden - niemand konnte es ihr Recht machen. In Rückblenden in die trostlose Wirklichkeit des kommunistischen Polens zeigt der Erzähler, wie er mit jedem neuen Versuch, die von der Mutter gewünschte Karriere einzuschlagen, kläglicher scheitert als zuvor. Nicht weniger tragikomisch sind die Versuche seiner erweiterten Familie, in dieser absurden und frustrierenden Umgebung ein bedeutsames Leben zu führen.Hintz hat verschiedene Obsessionen, denen er mit unterschiedlichem Erfolg nachgeht. So ist er mit seinen Börsenspekulationen wesentlich erfolgreicher als mit seinen Versuchen, Fremdsprachen zu erlernen, obwohl er von diesen und der Kraft des gesprochenen Wortes fasziniert ist - beides sind nicht zuletzt Themen, die sich durch den ganzen Roman ziehen.Dieser wunderbar geschriebene, amüsante und zugleich anrührende Roman mit seiner tiefsinnigen Botschaft fesselt den Leser bis zur letzten Seite.

-Dorota Krawczyńska.

AUSZUG

Der Traum war entsetzlich.
Anfangs konnte ich mich nicht darin zurechtfinden, wusste nicht, was ich eigentlich träumte, wovor ich mich fürchtete, was diese Fetzen rohen Fleisches waren, die - in einen blutigen Haufen verwandelt - immer noch Lebenszeichen von sich gaben.
Erst nach einer Weile, nachdem das aus dem Chaos entstandene Bild schärfer wurde, sah ich unzählige menschliche Zungen, die Toten und Lebenden herausgerissen wurden, Zungen, aus denen unsichtbare Hände ein Gebilde in Form einer Pyramide entstehen ließen; oder aber einen bis zum Himmel reichenden Scheiterhaufen.
Ich sah mit Entsetzen, wie die Zungen immer mehr wurden: rotbraune, bläuliche, beinahe schwarze; und ich hatte das Gefühl, dass jemand über sie herrschte - denn sogar dann, wenn sie sich ineinander verhedderten, bildeten sie eine amorphe Masse, die nur Baumaterial war. Doch nicht einmal dann wurden die Zungen still, sie bewegten sich in fiebrigen Zuckungen, als ob die ganze verletzte Menschheit, als ob die ganze Welt - unsere Welt - um Hilfe schrie… fragte… fluchte... betete… um Gnade winselte?
Seltsam war nur, dass ich trotz des ganzen Grauens nicht schreiend, zu Tode verängstigt oder schweißüberströmt aufwachte. Nein, ich schlug einfach die Augen auf und lag da in meinem Bett; mein Atem ging ruhig und tief, mein angeborener Herzfehler machte mir keine Probleme, es war ein ganz ruhiges Aufwachen.
Ich war in meiner Heimatstadt Warschau, in der Wohnung im ersten Stock eines der kleineren Häuser an der Henryk-Siemiradzki-Straße. Henryk Siemiradzki war ein Künstler, der vor hundert Jahren symbolische Wandbilder auf die größte Leinwand der Welt, einen Theatervorhang, gemalt hatte.
Der Wintertag wurde nur langsam munter, es war noch finster und nur aus dem Gedächtnis konnte ich die Titel der Bücher in den Regalen entziffern, die mich umgaben. Ich hob den Kopf, um die Uhrzeit am Display meiner Sony-Stereoanlage erkennen zu können. Die Digitaluhr zeigte 6:00, aber in Wirklichkeit war es erst fünf. Nach der Zeitumstellung hatte ich die Anzeige immer noch nicht verändert. Eine Weile habe ich versucht, mich an die Bezeichnung für die Winterzeit zu erinnern, in die wir jeden Herbst wechselten: ost-, west-, oder mitteleuropäisch? Ich glaube, osteuropäisch, aber ich kann mich auch irren. Oder doch westeuropäisch? Ach, egal.
Seit der Heilige Geist herabgekommen ist und das Antlitz der Erde erneuert hat - unserer Erde-, seit die Kommunisten ihre Macht verloren haben, seit die Mauern eingestürzt sind und das Imperium zerfallen ist, sind mir die Zeitumstellungen egal. Als Kind habe ich ihnen noch, naiv wie ich war, eine Bedeutung beigemessen.
Es war fünf Uhr. 6:03, laut der Digitalanzeige.
Ich wusste, es würde nicht mehr lange dauern, da wäre meine Nachtruhe zu Ende. In einer Stunde würde an dem alten Mietshaus gegenüber, wo sie für die Angestellten einer amerikanischen Bank das Dachgeschoss zu Mansarden-Wohnungen ausbauten, der Betonmischer anfangen zu rattern, und der Lastenaufzug in einem Stahlschacht hinauf und hinunter geschickt werden.
Raaauf!
Ruuunter!
Raaauf!
Ruuunter!
Raaauf!
Ruuunter!
Raaauf!
Ruuunter!
- würden sie brüllen.
Ich hätte noch mindestens zwei Stunden schlafen können, aber ich war nicht mehr müde. Ich lag mit offenen Augen da, hörte meinem Herzen beim Schlagen zu; zum ersten Mal seit langer Zeit spürte ich keine Arrhythmie, nicht die leiseste Störung, lag nur da und überlegte, was mir der kommende Tag bringen würde.
An diesem Tag sollte mein Vater mit 82 Jahren zum letzten Mal arbeiten gehen, in die Apotheke des Städtischen Krankenhauses für Infektionskrankheiten. Und ich hatte ihm versprochen, dass ich ihm helfen würde, die Torte und die Plätzchen für die Mitarbeiter hinzubringen und eine kleine Abschiedsfeier auszurichten.
Mein Vater, der Zögling einer Kadettenschule, späterer Leutnant der Infanterie, geriet im September 1939 in deutsche Gefangenschaft, kehrte nach fünf Jahren im Lager Woldenberg nach Polen, in ein völlig anderes Polen, zurück, legte die Uniform ab, heiratete und wurde Apotheker. Er fing an, in der Apotheke seines Schwiegervaters zu arbeiten; und als kurz darauf die Kommunisten die Apotheker enteigneten, wechselte er auf eine Beamtenstelle und versuchte, jeden Monat mit dem mageren Gehalt auszukommen.
Im Städtischen Krankenhaus für Infektionskrankheiten, das vor dem Zweiten Weltkrieg der Familie Baumann gehört hatte, versäumte mein Vater in all den Jahren keinen einzigen Arbeitstag und verspätete sich auch kein einziges Mal. Er hatte gearbeitet. Gearbeitet, alles gegeben, und nach 25 Jahren, zum Tag der Arbeit am 1. Mai, das Bronzene Verdienstkreuz und eine Aktentasche aus künstlichem Schweinsleder bekommen. Die Zeitung des Berufsverbandes für die Mitarbeiter des Gesundheitswesens brachte einen Artikel mit Foto. Als meine Mutter die Zeitung in die Hand nahm und die Überschrift las, fing sie hysterisch an zu lachen: „Vom Degen zur Pille, ich fass es nicht, Vom Degen zur Pille… "
Mutter lachte Tränen, schüttelte ungläubig den Kopf und las den Artikel laut vor: „Vielleicht schlummerte in seinem Ranzen der Marschallstab, aber Rudolf Hintz entschied sich für einen anderen verantwortungsvollen Posten, um seinem Vaterland zu dienen, der Polnischen Volksrepublik…"
Sie las zu Ende. Dann erstarrte sie mit offenem Mund, als ob sie beim Aussprechen eines Wortes stumm geworden wäre, schließlich schmiss sie die Zeitung auf den Boden und begann, darauf herumzutrampeln. Ich sah zu, wie das Konterfei meines in einen weißen Kittel gekleideten Vaters in Stücke zerfiel.„
Diese Bastarde! Bastarde!" - die Zeitung wurde in immer kleinere Stücke zerfetzt - „So einen Unsinn habe ich noch nie im Leben gelesen. Warum schreiben sie nicht, was er verdient und wie er damit seine Familie durchbringen soll?"
In dem Moment dachte ich, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. Vater sah Mutter mit zusammengekniffenen Lippen an, und versuchte, die Zeitung wieder zusammenzusetzen. Seit ich denken konnte, war das Zusammenleben meiner Eltern nicht sonderlich harmonisch.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz.