RIEN NE VA PLUS

Sollte ich Andrzej Bart mit irgendeinem westlichen Schriftsteller vergleichen, so wäre dies Thomas Pynchon. Zwischen Bart und Pynchon gibt es mindestens drei gemeinsame Merkmale: ihre Bücher erscheinen äußerst selten; beide stehen für eine raffinierte postmoderne Prosa, voller verrückter Einfälle und kultureller Anspielungen; und schließlich ist über beide Schriftsteller so gut wie nichts bekannt.
Sollte ich hingegen nach Inspirationen der Prosa Andrzej Barts (und vor allem von Rien ne va plus) in den Werken bedeutender polnischer Schriftsteller suchen, würde ich auf die Bücher Teodor Parnickis verweisen, dem großen Magier des polnischen historischen Romans. Im Gegensatz zu den ersten Rezensionen von Rien ne va plus, die sich vor allem auf die Motive der Dekonstruktion polnischer Mythen und auf die Anspielungen auf Literatur und Malerei konzentrierten, können wir heute nämlich kühn behaupten, dass Andrzej Barts Roman vor allem die Subjektivität aller historischen Schilderungen zum Thema hat. Bart erzählt mit subtiler Ironie – der Erzähler ist der Fürst d’Arzipazzi, der infolge eines unheiligen Paktes für alle Zeit in seinem eigenen Porträt eingeschlossen wurde – die Geschichte Polens (dorthin verschlägt es das Bild) vom 18. Jahrhundert bis zur Zeit des Kommunismus aus der überaus eingeschränkten Perspektive, die das Herabschauen von den Wänden der aufeinander folgenden Besitzer bietet. Die Erzählung des Fürsten ist somit voller Ungereimtheiten, offensichtlicher Fehler und auch amüsanter Missverständnisse – man darf nicht vergessen, dass d’Arzipazzi als Italiener nicht zwangsläufig sämtliche Nuancen der polnischen Seele versteht und seine Interpretationen oft im Widerspruch zu dem stehen, was von Polen als selbstverständlich angesehen wird. Auf diese Weise revoltiert Bart tatsächlich gegen die polnischen Mythen, er kritisiert und verspottet ihre gedankenlose Reproduktion. Am wichtigsten jedoch erscheint das Motiv der Erfindung von Geschichte und geschichtlicher Schilderungen, die – so scheint Bart zu sagen – keine objektiven Wahrheiten ausdrücken, sondern lediglich aus persönlichen Sichtweisen und eingeschränkten Sichtfeldern entstehen und von subjektiven Interpretationen abhängig sind.
Und doch kommt man nicht umhin zu bemerken, dass Rien ne va plus – wie jeder ordentlich konstruierte postmoderne Roman – sich nicht nur seine ernste Thematik auszeichnet, sondern auch durch eine ironisch verkleidete, mustergültig geschriebene Geschichte, die sogar die wählerischsten Liebhaber spannender Geschichten begeistert.

Igor Stokfiszewski

AUSZUG

Es ist eine kuriose Reisegesellschaft, die sich da wenige Jahre nach der Französischen Revolution auf den Weg von Ita-lien nach Polen macht: der asketische Pietro Baudi, für Papst Pius VI. in geheimer Mission unterwegs; die etwas zwielichtige polnische Gräfin Sophie Krummfinger, deren Er-zähltalent dem eines Barons von Münchhausen gleichkommt; und ein italienischer Adeliger, Spieler und Frauenheld. Dieser ist nicht nur der Erzähler des Romans, sondern auch seit einem Vierteljahrhundert eigentlich tot. Sein postumes Wei-terleben hat er dem dämonischen Maler Sol-terini zu ver-dan-ken, der ihn in seiner To-desstunde porträ-tiert und dabei nicht nur sein Kon-terfei, sondern auch sein Bewußtsein auf die Lein-wand über-tragen hat. Fortan schaut das erzählende Bild von den Wänden seiner im-mer wie-der wechseln-den Domizile wie aus einer Thea-terloge auf fast zweihun-dert Jahre polnischer (und euro-päischer) Geschichte herab. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive er-lebt es die dritte Teilung Polens, die polnischen Aufstände im 19. Jahrhundert, zwei Weltkriege und die stalini-stischen Nachkriegsjahre mit. In den gelegent-li-chen Ruhepau-sen zwi-schen den Stürmen der Historie ver-treibt es sich die Zeit mit Rückblicken auf sein abenteuer-liches erstes Leben, und es beobachtet und belauscht das Leben und Treiben sei-ner Besit-zer. Nicht alles, was er da im Laufe der Zeit zu sehen und zu hören bekommt, weiß der etwas eingebildete ita-lieni-sche Ari-sto-krat richtig ein-zuordnen, und sein Bewußt-sein hält nicht immer mit den sozia-len und po-liti-schen Ver-ände-rungen Schritt. Doch diese ironische Verfremdung macht gera-de den Reiz von Andrzej Barts hi-storischem Ro-man aus, der die große Geschichte wie die kleinen Ge-schichten, die mit ihr verwoben sind, gleicherma-ßen spannend erzählt - dabei leicht und fri-vol im Ton und voller überraschender Wen-dun-gen. Rien ne va plus Daß ich mich in einem so fernen Land wiederfand, war das Verdienst von Mae-stro Solterini. Dem näm-li-chen, der vor ei-nigen Jahrhunderten - noch unter dem Namen Bonifacio Bembo - dem Fürsten Francesco Sforza um den Preis seiner Seele zur größ-ten Mannes-kraft der damaligen Welt ver-holfen hatte. Die-ser gefragte Maler, Magier und Lehrer ließ mein Bewußtsein in einem Porträt weiterleben, das mich en trois quart dar-stell-te. Ich lag ihm auf dem Sterbebett Mo-dell, in einem alten Batisthemd und unter zwei Decken - der Maestro stellte mich in einem reich verbrämten Obergewand aus grünem Samt, in weißen Seidenhosen und einem Hemd dar, dessen Jabot und Man-schetten aus teuerster Spitze gefertigt waren. Das Grün des Samts war kein Zufall, denn Grün und Umbra waren die domi-nierenden Farben in der Palette des Meisters, und über sie hat Giorgio Mancini in seinem Traktat über die Kunst der Darstellung von Menschen, Tieren und Dingen ge-schrieben, daß sie ein Teppich sein könnten, der des Fußes Gottes würdig wäre. Wie sehr er sich doch geirrt hat - Solterini war der letzte, der irgend etwas mit Gott zu tun haben woll-te. Schließlich hatte er sein ganzes Talent dar-auf verwandt, die engsten Kon-takte mit dessen größtem Widersa-cher zu un-terhal-ten. Andrea Bartolomeo Solterini war also ein ungewöhnlicher Mann, doch selbst er, der mit Mächten im Bund war, die das einfache Volk als dunkel bezeichnet, ging, wie jeder Mensch, feh-l. Sein Fehler - auf Zerstreutheit oder die Be-nut-zung des falschen Pinsels zurückzu-führen - bestand dar-in, daß er mir in meiner zweiten, von der vorherigen so grund-ver-schiedenen Erscheinungsform das Gehör nahm.* Als ich nach dem letzten Pinselstrich starb, ging mein Bewußtsein auf die Leinwand über und klammerte sich wie eine Klette an dem nea-politani-schen Gelb, dem Bleiweiß und der gebrannten Umbra fest. Lei-der erwies sich dieses Bewußtsein als gebrechlich. Meine Denkungsart war nicht, wie es der Meister versprochen hatte, die des besten Mannesalters, sondern auf dem Ni-veau meiner letzten Lebensjahre geblieben. Doch was das Schlimm-ste war: Ich war nun taub, und das war wirklich ein Frevel, denn noch im Sterben hatte ich, mit einem ausgezeichneten Gehör geseg-net, in ei-nem entlegenen Flügel des Pala-stes zwei La-kaien strei-ten hören. Ich muß freilich zu-geben, daß die bei-den Ochsen ungewöhnlich laut schrien, ohne jede Ehrfurcht vor ihrem Herrn, der, zumindest für sie, gerade für immer dahin-schied. Schließlich hatte ich mein Leben aushaucht. Solterini ver-staute die Utensilien seines Berufs im Malkasten, nahm, was nicht im Vertrag stand, die prunkvolle Kleidung an sich, die beim Malen als Vorlage gedient hatte, und verneigte sich vor dem Leich-nam, neben dem die Dienerschaft Kerzen entzündete. Noch tie-fer verneigte er sich vor dem soeben vollendeten Porträt, und mir war, als blinzele er mir verschwörerisch zu. Für Beschwerden war es nun zu spät, und ich hatte auch gar keine, sondern war erst einmal glücklich über die Ver-wandlung, an der ich ein wenig gezweifelt hatte. Da ich schon immer mehr hatte sehen wollen, als man sehen kann, freute ich mich unbändig, selbst als ich gezwungen war, die mühsame Arbeit der Klageweiber und die gestikulierende Fami-lie zu beobach-ten, die sich in geschmacklose Erbstreitigkei-ten stürzte. * [Anm. d. Ü.: Sein Gehör gewinnt der Erzähler später wie-der.]

Aus dem Polnischen von Jan Conrad Andrzej Bart konnte erst 1991 den bereits sechs Jahre zuvor abschlossenen Roman Rien ne va plus veröffentlichen. Das Werk fand die Anerkennung der polnischen und französischen Kritik, es wurde auch mit dem Koscielski-Preis ausgezeichnet. 1999 erschien in Polen und Frankreich der Roman Reisezug. Bart schreibt auch Filmdrehbücher und dreht Dokumentarfilme. c/o Oficyna Literacka NOIR SUR BLANC Andrzej Bart Rien ne va plus