STÖRCHE ÜBER DEM BEZIRK

Piotr Szewcs Texte stellen eine Einzelerscheinung in der polnischen Prosa dar. Fast zwanzig Jahre nach dem Erscheinen seines ersten Buches legt der Autor nun seinen dritten Roman, der wie die beiden vorhergehenden nur von einem einzigen Tag in einer Stadt handelt. Ein Tag - immer vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit, immer mitten im heißen Hochsommer -, das heißt ein gutes Dutzend Stunden im Leben des polnisch-jüdischen Städtchens Zamość und sei¬ner unmittelbaren Umgebung, dem sogenannten Bezirk, und zwar in der Vorkriegszeit. Es ist ein besonderer Tag, und zwar paradoxerweise gerade deshalb, weil sich nichts Besonderes ereignet, und alles an seinem Platz ist und seinen Sinn ergibt. In Störche über dem Bezirk scheint der Autor noch tiefer in die kleinsten Elemente der Wirklichkeit einzudringen und sich in jedes winzige Detail zu vertiefen. Der ganze Genuß dieser Prosa liegt im Detail, in der Nuance, in der subtilen Zwiespra¬che zwischen den einzelnen Versionen in diesem unvergleichlichen Werk. Die alltäglichen Helden (kleine Kaufleute und Krämer, die Schneiderin und das Mädchen, das in der Kneipe putzt, sind hier mit alltäglichen Dingen beschäftigt, jeder ist an seinem Platz, im Frieden mit der Welt und sich Selbst. Von Zeit zu Zeit erscheint der kindliche Held des Werkes, Lolek, der allmählich die weni¬ger angenehmen Aspekte der Existenz entdeckt, ihre Zerbrechlichkeit, Unbeständigkeit, Flüch¬tigkeit. Störche über dem Bezirk ist - wie auch die beiden früheren Romane von Piotr Szewc, ein Werk von großem sprachlichem Reiz, fein ziseliert und in jeder Hinsicht mit großem hand¬werklichem Können ausgearbeitet. Der Autor lädt uns zum Besuch eines Kleinstadt-Paradieses ein, er möchte uns den Genuß von Schläfrigkeit und Festigeit einer Stadt und einer Gegend vermitteln, die es nicht mehr gibt, die nur noch in seinen Er¬zählungen leben.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Wege, Zäune und Steine verharrten in schweigender Aufmerksamkeit. Als erwarteten sie etwas, das unweigerlich eintreten würde, etwas, von dem sie bereits wußten, daß es ihr Dasein verändern würde. Es schwiegen das Hufeisen und der zerbrochene Dachziegel, ohne Bitte, ohne Beschwerde. Es schwiegen die Wagenspuren und die Furchen. Doch der Morgen tönte. Die der nächsten Augenblicke ungewissen Tropfen auf den Blättern läuteten. Die Vögel zwitscherten und pfiffen. Der Hügel, der allmorgendlich konzentriert auf diese besondere Musik mit ihrem nicht ganz einheitlichen Rhythmus lauschte, erkannte die Instrumente, die sie erzeugten. Sie waren nicht sichtbar. Denn auch die Vögel, von denen es am Stadtrand eine Fülle gab, hielten sich in der Morgenkühle noch verborgen. Sie erwachten erst. Die immer näher kommende Sonne weckte sie auf: sieh an, da schiebt sie sich schon in die Mühlenstraße. Wenn sich ein Vogel meldete, erwiderte ihm ein zweiter und verkündete, daß er wohlbehalten den neuen Tag erblickte. Hier, wo die Krasnobrodzkastraße mit der Mühlenstraße zusammenstieß, meinte man, den Atem der Łabuńka zu hören. Vielleicht hatte die lebhafte Strömung der Nacht die Łabuńka angestrengt, und jetzt, da die Sonne durch die Wagenspuren sickerte und an die Erdschollen stieß, wollte sie sagen, daß sie müde war. Doch nicht der ganze Hügel vernahm sie: Raunen und Seufzer versanken im Nebel, wurden zu etwas, das nur zur Hälfte wirklich war und zur anderen eine Einbildung derer blieb, die sie hörten. Die Blätter schienen, beglückt über die Berührung, zu flüstern. Sie kannten diese Berührung: sie warteten nicht darauf, daß der Tau trocknete, sie richteten sich auf, strafften sich, wandten sich dem Licht zu. Alle gleichzeitig strafften sie sich und wandten sich dem Licht zu, entgegen ihrem Wunsch, es getrennt zu tun. Denn jetzt, da sie zum Leben erwachten, waren sie glücklicher als zu jedem späteren Zeitpunkt, und dieses Glück teilten sie nicht gern. Auch in Zunkunft wollten sie das Licht nicht teilen. Deshalb wandten sich die Blätter mit dem gemeinhin vom Neid diktierten Eifer auch keinen Augenblick von der Sonne ab: Sie drehten sich, strebten zu ihr, wenn sie sich gegenüber der Heiligkreuzkirche, gegenüber der Bäckerei Unterrecht und der Morandastraße befand. Ihre Bewegung - in der man zu Recht etwas von Anbetung erkannte - erinnerte an einen Ausdruck der Treue, wie sie Liebenden eigen ist.
Obwohl es von ihrer Wohnung im ersten Stock des Hauses an der Wierzbowa-Straße bis zum Hügel weit war, hörte die Schneiderin Emilia Kuczyńska die Vögel, die dort sangen. Aber auch hier an der Wierzbowastraße, die so schmal war, daß sich die Kronen der auf beiden Straßensei-ten wachsenden Nußbäume über der Fahrbahn schlossen und einander entgegenkommende Fuhrwerke nur mit Mühe aneinander vorbeikamen, war eine Fülle anderer Vögel zuhause. Und auch diese sangen, schwatzten, überschrieen einander, machten einander ihre Mitteilungen. Wie bei allen in der Gegend, stand auch bei Emilia Kuczyńska das Fenster ein wenig offen. Hinter den Bäumen, auf der anderen Seite der Hrubie-szowskastraße, irgendwo über den Wiesen an der Uferstraße, vibrierte das Morgenlicht. Hinter den Feldern, Bäumen und Dächern drang es hervor, erreichte die Wierzbowastraße, ergoß sich über die Gärten, Tore und Höfe, bog die Blütenblätter der Geranien auf den Fensterbänken auseinander, bewegte sich voran wie ein Lebewesen. Durch den Fensterspalt drang die kühle feuchte Luft, Frau Emilia hatte nichts dagegen. Die Luft hinterließ auf ihrem Hals und ihren Armen eine Spur wie der ungeduldige Atem des Schmieds und Hauswirts Adam Ostrowski. Jetzt, da sie alleine war, tat ihr das wohl. Sollte sie sie mit ihrem Atem umhauchen, lecken und kosen. Und es brauchte ihretwegen nicht aufzuhören - lieber hatte sie etwas, wovon sie sagen konnte, daß es etwas war, als nichts zu haben. Frau Emilia hatte wie üblich kurz und schlecht geschlafen, das war jetzt immer öfter so, wenn niemand da war, an den sie sich schmiegen konnte. Und niemand, auf dessenAtem und Schlaf sie lauschen konnte, während sie selber einschlief. So zart es ging, berührte sie das Kissen. Ihre Finger schoben sich hierhin und dorthin, aber fanden nicht, was sie suchten, sie wurden enttäuscht. Sie zog sie zurück. Die Fingerspitzen fühlten sich taub an. Frau Emilia zog die Beine an. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals so einsam gewesen zu sein.
Aber sie irrte sich: Jeder Augenblick, in dem ihr die Einsamkeit so klar geworden war, könnte als der schmerzlichste gelten, und gewiß war jeder solche Augenblick schmerzlicher als der vorhergehende. Frau Emilia dachte nicht darüber nach, denn wenn sie das nächste Mal Einsamkeit empfinden würde, würde das unweigerlich schmerzlicher sein als das vorhergehende Mal. Es war ja möglich, daß sich die Einsamkeit, die von Tag zu Tag größer wurde, ausbreiten würde wie Efeu, ein Eigenleben führen würde, auf das sie, Frau Emilia, keinen Einfluß haben würde, so sehr sie es auch versuchen und wünschen mochte. Es abzuwerfen, von den Schultern, der Brust, dem Rücken. Nicht zulassen, daß die Einsamkeit sie stets begleitete.
Über den Hängen des Hügels, an seinen Pfaden, Wegen und Unwegsamkeiten, bis über die Wiesen an der Südseite und die Młynarskastraße an der Westseite, stiegen Düfte auf. Es war eine von Fülle schwere, mit dem Nebel verwebte Mi-schung. Die Erde duftete, und darauf das Getreide. Die Blumen dufteten, sie waren ungeduldig, wollten lieber heute als morgen ihre Samen verbreiten, die Kornblumen, Mohnblumen, Disteln. Vom Fluß her roch es nach Schlamm, von den Wiesen her nach den flachen Tümpeln, in denen die Sonne nach dem Weichen des Nebels stundenlang stehen und das Bild der Stadt trüben würde. Gerüche sickerten aus den Gärten hinter den Zäunen und den nach eigener Lust und Laune wachsenden Hecken. Aus den Ställen, Pferchen und Verschlägen. Von den Klee- und Lupinenweiden. Durch Risse und Furchen speisten sie sich aus der Erde. Sie entfernten sich und kamen näher. Sie zitterten. Vielleicht zögerten sie - wohin, woher sollten sie ziehen? Sie waren in Bewegung wie das Licht. Manche Gerüche versprachen noch voller zu werden. Andere waren nicht mehr als eine beiläufige oder unbewußte Andeutung ihrer eigenen Existenz. Ihretwegen war diese mit dem Nebel verwebte Mischung keine dauerhafte Erscheinung mehr: Morgen würde die Dämmerung sie wieder auf eine neue Probe stellen. Ähnlich war es mit dem Licht, das dem Anschein nach dieselben Formen und Farben offenbarte, nichts unterlag einer Routine: Mit wachsamem Blick umgab das Licht alles, was als neuer Umriß oder neue Farbschattierung hervortreten wollte. Unter diesem Blick neigte sich die Akazie vor Pesach Forems Haus mit jedem Tag mehr, doch das Licht ließ die Krone, die sich über die Węgierskastraße breitete, noch nicht sichtbar werden. Die Akazie blühte noch immer, und wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich wenige Wochen später wieder in weiße Blüten gehüllt. In den schräg vom Gipfel des Hügels fallenden Strahlen wandelte sich - mal verblassend, dann wieder kräftiger werdend - das Hellgrün der Wiesen und taubedeckten Weiden am Fluß. Farben und Formen fanden sich erst noch. Die kleinste Veränderung, ja nur eine An¬deutung einer möglichen Veränderung, fanden sich in diesem minutiösen Register verzeichnet. Das Licht erfüllte sein Werk, als gehe es dabei um mehr als eine Pflicht, das Werk wurde zu einem erhabenen Ritual, von dessen Bedeutung sich der Takt, mit dem es sich täglich vollzog, am besten Zeugnis ablegte. Und das Licht wurde zu einem an keinerlei Routine gebundenen Priester.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky