HARRAR

Harrar entsteht aus zahlreichen retrospektiven Bildern, die sich der Ich-Erzähler zum Zwecke der Selbsterkenntnis und Selbsttherapie ins Gedächtnis ruft. Dieser erwachsene und doch noch junge Mann spricht – wenn auch nicht direkt – von seiner Andersartigkeit und Überempfindlichkeit. Er informiert den Leser über die verschiedenen, größtenteils eingebildeten Ängste, die ihn seit seiner Kindheit lähmen, über die ihm widerfahrenen Verletzungen an Körper und Seele. Fast scheint es – zumindest bis zu einem bestimmten Moment – als pflege der Held seine vielgestaltigen psychischen Obsessionen; er ist ein Sammler von quälenden Erinnerungen, für die alles (Schule, Zuhause, Hinterhof) und jeder (Lehrer, Familie, Spielkameraden) verantwortlich zu sein scheinen. Diese von Schmerz und Trauer gekennzeichneten Erinnerungen verbinden sich zu einer melancholischen Geschichte von gesellschaftlicher Unangepasstheit und dem Zerfall der Persönlichkeit. Doch es gibt auch einen Kontrapunkt zu dieser düsteren, depressiven Geschichte. Zunächst kaum merklich, doch gegen Ende des Romans immer deutlicher, entwickelt sich die Geschichte einer Liebe. Es stellt sich heraus, dass der überempfindliche Neurotiker, dem wir in Harrar begegnen, von einer Frau gerettet und – allem Anschein nach – durch Liebe und Vaterschaft vollständig geheilt wird. Kobierskis Roman zeichnet sich durch einen makellosen Stil, sprachliche Virtuosität und poetischen Zauber aus. Harrar ist ein außergewöhnlich suggestiver und stimmungsvoller Roman, der sich ganz zweifellos von den anderen literarischen Debüts der vergangenen Jahre abhebt.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Anfang Mai schickte man mich zur Kur in ein Sanatorium. Die entsprechende Weisung erteilte mir eine Gruppe von Spezialisten, die immer dann einberufen wurde, wenn zu entscheiden stand, ob einer in der Lage war, methodisch und konstruktiv über sein eigenes Leben zu entscheiden. Eine Gesellschaft von verhältnismäßig gesunden Menschen, soll heißen ein Gerichtsarzt, ein Psychologe und der Chef der Personalabteilung wiesen mich also an, aus gesundheitlichen Gründen in Urlaub zu gehen und ich frage, woher diese Sicherheit, dass ich derjenige bin, der krank ist, und bekomme zu hören: zunächst müsse festgelegt werden, anhand welcher Kriterien der Zustand eines Patienten zu beurteilen sei, und anschließend ob ich mich damit einverstanden erkläre, dass die objektive Wahrheit das ist, was die Mehrheit als solche anerkannt hat. Also antworte ich, dass, würde diese Methode durchgängig und mit aller Konsequenz angewandt, sie nicht das wären, was sie sind, sondern sich doch allerhöchstens für ein Leben im Urwald qualifizierten.
Im Grunde jedoch wusste ich, dass es aussichtslos war, mein Schicksal als Bibliothekar hatte sich entschieden und es gab keinerlei Aussicht auf eine andere Tätigkeit. Selbst mit besonderen Qualifikationen wäre es ein Wunder gewesen, wenn man mich irgendwo eingestellt hätte.
Man wies mich an, und diese Tatsache war trotz meines zunehmenden Aufruhrs ein ganz natürlicher Bestandteil meines Lebens, die traurige Konsequenz einer lebenslangen Reihe von Weisungen, denn wenn ich auch gewisse Entscheidungen allein getroffen hatte, so lagen diesen Entscheidungen doch meist die Entscheidungen anderer zu Grunde, immer hatte ich zwei unterschiedliche Wünsche zu vereinbaren, meinen eigenen Wunsch, ich selbst zu sein, und den Wunsch irgendeines anderen, ich möge seine in mich gesetzten Hoffnungen nicht enttäuschen. Ich stand auf der Schwelle der Bibliothek, meiner eigenen kleinen Welt, die ich nicht hatte aufrechterhalten können. Überhaupt hatte ich nie etwas länger als einen Augenblick aufrechterhalten können, früher oder später verlor ich alles, zu dem ich eine Zuneigung fasste. Vielleicht war es gerade diese übermäßige Zuneigung, die Art, wie ich all die mit ihr einhergehenden Gefühle äußerte, welche dazu geführt hatte, dass mir die Welt unablässig aus den Händen glitt und mich mitten auf dem Weg zurückließ, mit dem ganzen Gepäck meiner bis dahin unerschöpflichen Naivität, mit all den Dingen, die mir so plötzlich wieder zurückgegeben worden waren.
Diese Zuneigung war, wie mir heute scheint, zu erdrückend, zu gierig. Ich versuchte, die anderen mit meiner Gegenwart zu umgeben, engagierte mich über die Maßen und erwartete über die Maßen, doch auf lange Sicht erträgt niemand eine Situation, in der er über die Maßen geben muss, selbst wenn es nur als Erwiderung auf die Gaben eines anderen geschieht. Und je mehr ich registrierte, wie sich die, denen ich gab, von mir abwandten, umso mehr neigte ich dazu, sie aus Angst vor dem Verlust mit meiner Gegenwart zu erdrücken, und je mehr ich sie erdrückte, umso mehr und unwiderruflich verlor ich sie, als trüge ich eine Existenz als Opfer meiner selbst, als Opfer meiner Gefühle, wie eine Art versteckten Kode in mir, als benötigte ich unterbewusst eben diesen Verlust, um mich ein weiteres Mal als Opfer zu fühlen und lauthals meine Einsamkeit zu beklagen.
Ich stand auf der Schwelle der Bibliothek, die mir jetzt noch kleiner erschien, als sie in Wirklichkeit war, mir schien, als betrachte ich sie aus weiter Ferne, als müsse ich einen weiten Weg zu ihr zurücklegen, während sie sich immer weiter von mir entfernte, die Distanz vergrößerte, die großen Bücherregale wurden zu einer Ansammlung von Punkten, die irgendeinem fernen Ziel zustrebten, dem Schnittpunkt aller geraden Linien, am Rande des Horizonts.
Noch am selben Tag packte ich meine Sachen und fuhr zum Bahnhof. Ich hatte niemanden, den ich von meiner Abreise benachrichtigen konnte, Telegramme wurden in meine Welt nicht mehr übermittelt, Telefonansagen teilten mir mit, eine solche Verbindung könne nicht hergestellt werden, mir war bewusst, dass dies nur eine Illusion war, eine jener häufigen Visionen, in denen sich die Welt genau dort befand, wo sie sich befinden sollte, eben an ihrem Ort, und ich derjenige war, der sich von ihr entfernte.
Innerlich stimmte ich nämlich mit all jenen überein, die behaupteten, ich hätte Unrecht, und das keineswegs nur, weil ich meine Ruhe haben wollte, denn die hatte ich in Wirklichkeit nie gehabt, nein, schließlich konnte ich den Menschen, für die Sinnhaftigkeit und Ordnung die Grundlage aller Dinge war, nicht gut einzureden versuchen, eine solche Sinnhaftigkeit und Ordnung gebe es nicht, wo doch auf Schritt und Tritt zumindest manche von ihnen den Beweis lieferten, dass diese Sinnhaftigkeit existierte, oder dass man sie doch zumindest finden könne.
Es war mir unmöglich, aus meinem Sichtfeld heraus, das lediglich aus einem Schreibtisch und einem Fenster bestand, die ich tagelang anstarrte, das weite Sichtfeld ihrer Beobachtungen und Erfahrungen zu ermessen, während sie wiederum nicht imstande waren, mich davon zu überzeugen, dass sich das Leben nicht auf die Beschränkung beschränken dürfe, auf den Rückzug in einen immer enger werdenden Raum, in der Hoffnung, dies möge einem die ersehnte Ruhe verschaffen. Ich wusste, dass es nichts Unsichereres gab, als eine so verstandene Sicherheit, nichts Beunruhigenderes, als eine solche Ruhe.
Und doch war ich nicht in der Lage, die Bewegung anzuhalten, die mich von allem entfernte, die mich auf eine sichere Distanz brachte, bis zu jenem Ort, an dem alles genauestens erkannt und beschrieben ist, an dem nichts anderes geschehen kann, als das, was man erwartet.
In Wirklichkeit brauchte ich die Beschränkung, auch wenn ich nach außen hin etwas anderes demonstrierte. Ich ertrug keine Enge, wechselte ständig den Ort, wechselte unablässig die Menschen, konnte keinen Augenblick lang still sitzen, still stehen, ich ertrug keine Städte mit ihrer geplanten Endlichkeit, Vorhersehbarkeit, keine Gebäude, die den Blick auf den Horizont verstellten, sondern liebte offene Räume, weite, grenzenlose Ebenen, sie waren ein Ausdruck meiner Sehnsucht, ein Spiegelbild meines inneren Wunsches nach Weite. Doch selbst diese Räume wurden schon nach kurzer Zeit zu etwas Beschränktem, und so zog ich weiter, überall den inneren Zwang mit mir herumtragend, oder hinter mir herschleppend, unter ständiger Aufsicht zu stehen.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau