HEROIN

Wenn es wegen Tomasz Piąteks Buch Heroin zu keinem Skandal gekommen ist, es keinen Wirbel gegeben hat, dann sieht man, wie schwer es ist, uns noch zu erschüttern. Das literarische Debüt des jungen Werbefachmanns ist eine erschütternde Studie des Seelen- und Geisteslebens eines Drogenabhängigen und unterscheidet sich von allem, was bisher zu diesem Thema geschrieben wurde. Der Autor, vor Jahren selbst heroinabhängig, liefert uns nicht etwa eine weitere detaillierte Beschreibung des kalten Entzugs und seiner Qualen. Ganz im Gegenteil: Mit bewundernswerter Ehrlichkeit erzählt er von Zuständen, die in der gewöhnlichen Welt unerreichbar sind... von der Glückseligkeit, die ein Kügelchen Heroin verheißt. Anfangs drängt sich gar der Eindruck auf, daß wir es hier mit einer Apotheose der Drogensucht zu tun haben – derart häufig fallen Ausdrücke wie „Wollust”, „Wonne” oder „absolutes Glück”. Die Welt des Flashs ist bunt und fröhlich. Wollte der Autor zeigen, was uns ohne Drogenkonsum entgeht? Das Gegenteil ist der Fall. Indem er versucht, die Gründe näher zu beleuchten, weshalb so wenigen der Ausstieg aus der Sucht gelingt, demaskiert Piątek das vermeintliche Paradies als Illusion. „Sag nicht: ich schniffe. Denn dort wo ‘ich schniffe’ ist, gibt es kein ‘ich’. Das Schniffen tötet den Menschen. Das, was schnifft, bin schon nicht mehr ich”, sagt einer der Helden, ein bekannter Fernsehmoderator, der sich zu seiner einstigen Drogenabhängigkeit bekennt. Piąteks Roman hat kein Happy-End, obwohl seine persönliche Lebensgeschichte optimistisch stimmt. Wie alle, die mit Heroin näher Bekanntschaft gemacht haben, ist sich auch der Autor bewußt, daß er sich für den Rest seines Lebens vor der Droge schützen muß.

Justyna Kobus

AUSZUG

„Leg dich hin”, sagt Robert, der einen Anzug trägt, als er die hintere Seitentür des Autos öffnet. „Hier auf den Boden, vor die Sitze.”
„Wozu das, Robert?”
Er packt mich am Ohr und verdreht es.
Zum Glück war da etwas, was keinen Schmerz empfindet und aus nichts sich etwas macht, von der gestrigen Drachenjagd noch übriggeblieben. Man muß eine Menge Scheiße durchgemacht haben, um so etwas in sich zu finden. Ich lege mich auf den Boden.
„Wenn du zuhörst, wirst du’s erfahren”, fügt Robert hinzu und deckt mich mit alten Handtüchern und irgendwelchen anderen Sachen zu. „Rühr dich nicht und sei still. Hör einfach zu, was passiert.”
Dann beginnt das Auto fürchterlich über eine holprige Piste zu rattern. Wenn man auf dem Boden liegt, ist es ganz und gar nicht mehr der stoßfreie Geländewagen. Aber in dieser Dunkelheit ist es nicht so furchtbar schlimm. Ich schließe die Augen, um mich darauf zu konzentrieren, was in mir noch stoned ist. Und es klappt, denn es wird mir wieder leicht und wohl, nur daß ich völlig das Interesse verliere, an dem was passiert. Wie das halt nach Äitsch so ist, suche ich nur nach jemand nettes und gutes, obwohl ich natürlich unter den Fetzen im Auto niemanden finden werde. Und so geht es mir bis das Auto plötzlich hält.
„Guten Tag”, höre ich Roberts freundliche, warme Stimme, ganz der höfliche und liebenswürdige Geschäftsmann.
„Guten Tag”, antwortet ein verlegener, etwas heiser klingender Mann um die Vierzig.
„Bitte steigen Sie ein”, sagt Robert mit gedämpfter Stimme. „Wissen Sie, je weniger man von der Transaktion sieht desto besser.”
Der Typ scheint zu zögern. Er hat Angst. Und er weiß, daß er kein Heroin bekommen wird, wenn er nicht einsteigt.
„Vielleicht möchten Sie gleich etwas rauchen”, fragt Robert. „Ich habe nämlich Alufolie dabei.”
Die Türen knallen zu, das Auto schaukelt. Der Typ, der gerade einsteigt, muß seine Füße in Deodorant gebadet haben, denn selbst durch die Handtücher kann man das Parfum riechen. Er scheint nicht übel zu schwitzen.
„Was meinen Sie, wieviel bräuchte ich, um über das Wochenende zu kommen?”, fragt er schließlich.
„Das erste Mal haben Sie vor zwei Wochen geraucht, nicht wahr?”
„Ja.”
„Och, dann sollte ein halbes Gramm völlig ausreichen. Aber ich sehe, daß Sie nervös sind. Haben Sie bitte keine Angst. Hier stört uns niemand. Wir verstehen es, unseren Kunden völlige Sicherheit zu garantieren.”
Schweigen.
„Sind Sie nervös? Haben Sie Schuldgefühle?”
Schweigen.
„Sie wissen ja, daß das kein Haschisch ist?”
„Ja”, der Typ stöhnt beinahe.
„Sie haben Angst. Sie denken, daß Sie die stärkste Droge nehmen, die auf dem Markt ist. Sie sollten sofort mit dem Zeug aufhören, Schluß damit machen. Was hält Sie davon ab?”
„Ich dachte, Sie verkaufen das Zeug”, sagt der Typ äußerst verwirrt.
„Keine Panik, sie bekommen es sofort. Aber darf ich Sie vorher bitten, mir eine Frage zu beantworten? Warum flüchten Sie nicht? Warum haben Sie sich mit mir verabredet, als ich Sie anrief?”
Schweigen.
„Ich will es Ihnen sagen. Weil Sie nie zuvor in Ihrem Leben einen solchen Genuß erfahren haben. Alles andere läßt sich auch nicht annähernd mit dem vergleichen, was Sie erleben.”
„Stimmt”, antwortet der Typ. „Es ist absolut unglaublich. Es ist wie etwas, was man am meisten braucht und doch nie bekommt. Um ehrlich zu sein, ich mußte es natürlich meinem Sohn verbieten. Er ist siebzehn. Ich habe ihn in eine Entziehungsklinik geschickt. Aber mir selbst kann ich es nicht verbieten.”
„Na also. Man kann ohne das Zeug nicht leben. Aber man stirbt davon. Sie wissen nicht, was man da tun kann?”
„Nein.”
„Dann will ich es Ihnen sagen. Rauchen Sie nur am Wochenende. Nur einmal in der Woche. Höchstens einmal in der Woche. Wenn ihre Frau wegfährt oder in der Nacht, wenn sie schläft. Wenn Sie es schaffen, während der Arbeit, an den Wochentagen, nicht zu rauchen, dann werden Sie überleben.”
„Und haben Sie jemals von jemandem gehört, dem dies gelungen ist?”
„Ich kenne viele solche Typen. Zum Beispiel meine Wenigkeit.”
Das ist ein Lüge. Robert raucht überhaupt nicht. Er hat niemals Folie geraucht.
„Und alle meine Kunden.” lügt er weiter. „Ich verkaufe nicht an Rotzbengel, weder ich noch meine Leute. Ich habe Kontakt zu denen, die das machen. Und über die habe ich von Ihnen erfahren. Aber sie können ganz beruhigt sein, niemand wird etwas über Sie erfahren, falls Sie mein Angebot annehmen. Ich schlage Ihnen vor, sich nur noch bei mir zu versorgen. Denn ich möchte nicht, daß meine Kunden sterben. Das ist Business, kein Mord. Ich werde Ihnen nur einmal in der Woche die entsprechende Menge verkaufen. Selbst wenn Sie mir sagen, daß Sie mehr möchten, um eine Party mit Freunden zu schmeißen, werde ich Ihnen nichts geben. Sie sollten keine Vorräte anlegen, auch keine Partys mit Freunden machen, denn niemand soll wissen, daß Sie es machen. Ich möchte, daß Sie ein normales Leben führen und keine Probleme bekommen. Denn ich möchte, daß Sie so lange wie möglich mein Kunde bleiben. Auf diese Weise werde ich viel Geld verdienen ohne Sie dabei zu töten. Wenn Sie einverstanden sind, werden Sie damit leben. Und Sie werden den reinsten und besten Stoff haben. Nehmen Sie das Angebot an?”
Schweigen, und dann so etwas wie ein leises „Ja”.
„Schlagen Sie ein. Danke. Wenn Sie unsere Abmachung nicht einhalten, werde ich Sie natürlich nie wieder beliefern. Ich möchte mit ihrem Tod nichts zu tun haben. Und jetzt geben Sie mir hundert Złoty und ich gebe ihnen ein halbes Gramm.”

Aus dem Polnischen von Andreas Volk