EIN STÄDTCHEN MIT MENSCHLICHEM ANTLITZ

Stellen wir uns vor, der komplizierte Apparat habe versagt, die Zeitmaschine, mit der wir uns in eine vorgeschichtliche Epoche begeben wollten, habe die Reise gleich nach dem Start beendet. Wir gelangten auf diese Weise statt zu Dinosauriern und Mammuts in eine Welt, die zumindest der Hälfte der polnischen Bevölkerung wohlbekannt ist. Wir befinden uns in einer Kleinstadt wie aus dem Traum, einem polnischen Freilichtmuseum, dessen Einwohner, der Plackereien des beginnenden 21. Jahrhunderts überdrüssig, beschlossen haben, die Europäisierung, das Großkapital, die Privatisierung und die liberale westliche Demokratie zu vergessen. Kurz, sie haben beschlossen, die Uhr zurückzudrehen und auf die zivilisatorischen Errungenschaften zu verzichten, um zumindest im Maßstab der Kleinstadt in die Zeit der verblichenen Volksrepublik zurückzukehren. Die Traumstadt wird von einem Alptraum heimgesucht: statt der Dinosaurier lugen aus allen Winkeln die Relikte einer durchaus nicht fernen Vergangenheit hervor. Sie dringen in das Leben der Kleinstadtbewohner ein und wecken obendrein recht gemischte Gefühle. Sie setzen die letzlich in uns allen steckenden Schichten der Sentimentalität, der zärtlichen Erinnerungen, der Nostalgie in Bewegung. Bei der Wiederherstellung der Fassade kommt auch die Politik an die Reihe. In einer der komischsten Szenen wird der Held gezwungen, einen Brief an den ehemaligen Ersten Sekretär der Partei zu schreiben, und der Hinweis, dieser sei doch schon tot, hilft ihm nichts. Der Brief wird abgeschickt, und was das Sonderbarste ist, es kommt eine Antwort. Marek Sieprawski hat ein ungemein witziges Buch geschrieben, das, wenn es im Verlagswesen mit normalen Dingen zugeht, ein todsicherer Bestseller werden müßte. Schon lange habe ich kein Buch gelesen, das mit solchem Charme verfaßt wurde, das ebneso witzig wie auch auf seine Weise ernst ist.

Jan Tomkowski