DIE SCHÖNEN ABENDE

Die schönen Abende, das sind von Ironie und warmherzigem Humor erfüllte moderne Geschichten von Liebe, Einsamkeit und Nichterfüllung. Die Zigaretten, die beim Warten auf bessere Zeiten geraucht wurden, die beiläufigen Gespräche, die nichts mehr ändern können, die Flucht vor sich selbst, die Erinnerungen an verpasste Chancen und die Verkettungen der unausweichlichen Notwendigkeiten – das alles muss nicht von tragischem und erhabenem Charakter sein, denn so etwas passiert jedem und nicht nur den Auserwählten. Jeder gelangt an sein Ende der Welt, sucht am Ende des Tages einen Moment der Entspannung. Abends verliert die Realität ihre scharfen Konturen. Das Wichtige verliert ein wenig von seinem Gewicht. Dinge, die man in Gang gebracht und denen man eine Richtung gegeben hat, treten in den Hintergrund. Die Trauer wird komisch, die Sehnsucht erweist sich als vergeblich, die Leidenschaft als vergänglich. Stattdessen findet sich Platz für die Melancholie und einen Hauch von Groteske. Abends fällt es einem leichter, mit der Welt seinen Frieden zu machen, doch bedauerlicherweise gewinnt die Welt dadurch keineswegs an Wert. Sie bleibt, wie sie ist.„Es wimmelt in Die schönen Abende von Menschen – und ihnen gehört die größte Sympathie des Autors –die in der Realität von heute keinen Platz für sich finden können, die überzeugt sind, dass nicht sie verrückt geworden sind, sondern die Welt von Melancholikern, Eigenbrötlern und Missionaren des Unpraktischen und Überempfindlichen.Auf der Stelle verfilmt zu werden verdient die umfangreiche Geschichte „Nachtschicht“, das literarische Tagebuch eines an Schlaflosigkeit leidenden Intellektuellen, der nachts Pizza ausfährt und dabei eine ganze Menagerie von Menschen beobachtet: unglückliche Liebhaber, Frauen, die sich nach Zärtlichkeit sehnen, kleine Schlaumeier und gewöhnliche Ganoven. Schön ist auch die Geschichte von der slowakischen Kneipe, in der sich jeder der Gäste mit einem der Stars von „Real Madrid“ identifiziert, und die in zwei Erzählungen auftretende Gestalt des erfolglosen Exhibitionisten Przewałka ist ein Meisterstück. Unter diesen sechzehn Texten ist übrigens nicht ein einziger schwacher. Ich sage mit voller Überzeugung, dass Kofta seine Schriftsteller-Prüfung mit Eins bestanden hat und sich mit Recht Schriftsteller nennen darf.

Marek Mikos

AUSZUG

Das Städtchen W. verließ ich an einem frühen Mainachmittag. Der Bus schraubte sich auf schmaler Straße das Tal hinauf. Ich trug eine frisch gekaufte Schachtel Zigaretten in der Tasche und dachte nur an das eine — wie es sein würde, wenn ich endlich ausstieg, die Gebirgsluft einsog und die Banderole von der Packung riss. Wir fuhren durch ein Dörfchen, in dem, so schien mir, ein gewisser, sehr berühmter Priester geboren worden war, meine Nikotingier nahm mich jedoch zu sehr in Anspruch, als dass ich mich mit dieser Tatsache näher befassen konnte. Mühsam schleppte sich der Bus schließlich ganz bis ans Ende des Dorfes, umrundete einen kleinen asphaltierten Platz und hielt. Ich schulterte den Rucksack und folgte langsam einem morastigen Weg am Bach entlang, während ich Wolken bitteren Rauchs ausblies. Nach einer Weile bog ich ab auf einen spärlichen Pfad, der steil bergauf klomm, einem Buchenwäldchen entgegen. Über Steine setzend, brannte ich mir die nächste Zigarette an, denn nichts auf der Welt ist angenehmer, als eine durch etwas Tabak belebte Kraxeltour. Summend, was mir so in den Sinn kam, erreichte ich den Wald. Die Sonne fraß sich durch die Zweige und das junge Laub, und es herrschte eine Art lichter Halbdämmer, diese stille Mischung aus Helle und Dunkel, wie man sie in manchen Kirchen und in alten Buchenwäldern findet. Vom Tal wehte ein kühler Wind herauf, ich ging vor mich hin, durch die Abdrücke meiner alten Schuhe den Weg markierend.
Nach einer, vielleicht auch anderthalb Stunden gemächlichen Marschs machte ich Rast auf einem umgestürzten Baumstamm. Ich überlegte hin und her, zu welchen Mitteln ich noch greifen konnte, um mein Herz zu besänftigen. Lange Reise, Kraxelei, Zigaretten, Buchen, monotoner Schritt, das hatte ich nun gehabt. Im Prinzip blieb nur noch Schnaps oder Lesen. Zum Lesen fehlte mir die Lust, weil ich mich schon frühmorgens im Zug von billigen Illustrierten hatte benebeln lassen. Also der Schnaps. Ringsum stieg der Geruch fermentierter Waldstreu auf, ich befand, das sei ein passendes Ambiente. Ich holte die Flasche slowakischen Sliwowitz und den Plastikbecher aus dem Rucksack. Gegen den morschen Stamm gelehnt, trank ich in kleinen Schlucken den Schnaps und schloss die Augen, während er mir ölig in den Magen hinab floss.
Darauf goss ich mir erneut ein und trank, mir die bescheidene Menge in viele Portionen einteilend, den Becher noch einmal leer.
Nur um diese Jahreszeit besaß der Wald jenes vert de chartreuse und waren die Blätter so zart, dass sie in Sekunden zwischen den Fingern welkten. Unter den Fußsohlen knirschten Tannenzapfen, die die Eichhörnchen massakriert hatten, die Ameisen auf dem Weg veranstalteten ihre totalitären Turniere, die Mistkäfer drehten Mistpillen, die Heupferdchen besprangen sich im Gras. Alles war an seinem Platz.
Bis zum Übergang mochten es noch an die fünf Kilometer sein, ich aber kroch voran, schwerfällig wie eine Galapagosschildkröte, und schnappte dabei nach den entschwindenden Sekunden des Lebens. Ich vergnügte mich mit ihnen, prüfte sie auf ihren Geschmack, warf sie in die Luft, mitunter dehnte ich sie. Die Sekunden sind gemeinhin kaum elastisch, doch wenn einer strebend sich bemüht, kann er sie dazu bringen. Meine Zeit bemaß mir die Frühlingsonne, die sich mit höchster Kraftanstrengung noch immer über den Spitzen der umliegenden Hügel hielt, obwohl sie jeden Augenblick in die Tiefe stürzen konnte. Hier, in etwas größerer Höhe, hatte der Mai den Wald noch kaum gestreift, die verwilderten Obstbäume setzten gerade mal Knospen an, und die Blätter waren klein und schrumplig wie Neugeborene. Es wurde auch kühler, der Schnaps kreiste nicht mehr in meinen Adern, ich fühlte, wie angenehme Schauer über meinen Körper wanderten, die sich an allerlei unverhofften Stellen als Gänsehaut zeigten.
Schließlich, auf einer weiten Lichtung unterhalb des Gipfels, erblickte ich die Baude — nicht groß, grün gestrichen, halb Holz, halb Stein. Aus dem Kamin stieg grauweißer Rauch auf, vorm Haus stand ein russischer Geländewagen, ein trübsinniger, frustrierter Hütehund unbestimmbarer Rasse trottete an seiner Kette herum. Ich ging hinein. Am Schalter mit der Inschrift „Essensausgabe“ bestellte ich ein Bett für eine Nacht, Bigos und ein Bier. Auch eine Schachtel „Caro“ kaufte ich. Während ich das saure und fette Bigos aß, brach die Dunkelheit herein. Ich schleppte meinen Rucksack in den Schlafsaal, holte das Handy aus der oberen Tasche und pfefferte den Rucksack in die Ecke. Das Bierglas fest im Griff, trat ich vor die Baude. Vom Tag war nicht eine Spur geblieben, überall herrschte Nacht. In der Luft hing der Geruch von Kräutern, verbranntem Holz und Petroleum. Ich machte die Schachtel „Caro“ auf. Setzte mich auf eine Bank, nahm einen Schluck vom Bier. Auf der Nachbarbank quälten sich zwei Burschen mit einer Flasche Schnaps ab. Sie hatte einen Portionierer, der ihnen das Trinken aus dem Flaschenhals erschwerte, und so prusteten und spuckten sie. Sie stellten sich als „Jungs aus Lublin“ vor, was mir vollständig genügte. Wir machten etwas Konversation über das Bezwingen von Portionierern. Irgendwann empfand ich das Bedürfnis, allein zu sein. Ich entfernte mich auf einem mir bekannten Pfad, der am Hang entlang durch eineAufforstung führte. Vorsichtig tappte ich durch das Dunkel und erreichte die Lichtung, auf der, aus Steinen aufgeschüttet, ein Triangulationspunkt stand.
Ich hockte mich ins Gras und rauchte. Der Himmel war wolkenlos, ich konnte die einzelnen Sternbilder ausmachen. Irgendwelche winzige Fliegen sirrten agonal im Gebüsch, eigentlich herrschte vollkommene Stille. Eine Stille, wie sie nur in der Phantasie existiert.
Ich spürte, mir war eine Ameise in die Hose gekrochen und wanderte mein Bein hinauf. Als sie am Knie anlangte, zögerte sie. Vielleicht spürte ich auch gar nicht die Ameise, sondern nur so etwas wie einen spezifischen Lufthauch, der entstand, wenn sich die Ameise zart in mein Beinhaar krallte. Schon war ich drauf und dran zu glauben, ich hätte sie mir nur eingebildet, da biss sie plötzlich zu. Automatisch riss ich das Bein hoch, die Ameise verschwand spurlos, bald darauf auch ihr Biss. Die Luft war leicht und dunkel. Zum erwarteten Zeitpunkt piepte das Handy.
Ich hob es an die Augen. In dem grün leuchtenden Fensterchen flimmerte das Briefkuvert.
Ich drückte die Taste, und es erschien eine Nachricht. Ich drückte die Taste noch einmal, und ich las:

„NEIN“.

Ich schaltete das Handy aus und legte mich rücklings ins Gras. Ich liebe die schönen Abende.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann