NACH IHR

Nach Ihr ist ein äußerst gelungener und künstlerisch eindrucksvoller später Debütroman, der als modernes Apokryph bezeichnet werden kann: Es ist die spannende Erzählung einer fast hundertjährigen Frau, die sich an ihren, unter tragischen Umständen jung verstorbenen Sohn erinnert. In ihrem Haus in Nazareth erscheint ein namenloser griechischer Biograph, der sich für das Leben und die Taten des von den Römern ermordeten Jehoschua interessiert. Im Verlauf der Lektüre wird sich der Leser bewusst, dass ihm die Geschichte des jungen jüdischen Arztes, die wir aus dem Munde der Erzählerin erfahren, nicht zufällig bekannt vorkommt – Jehoschua ist nämlich niemand Anderes als Jesus selbst. Zwar wurde er nicht in Betlehem geboren und ist nicht der Sohn eines Zimmermanns, sondern eines Sattlers, aber trotz einiger Details, in denen diese Biographie von der biblischen Version abweicht, drängt sich diese Assoziation förmlich auf. Nach ihr ist ein vielschichtiger Roman. Er beschränkt sich nicht nur auf die Biographie Jehoschuas, die in vielen Punkten mit dem Leben Jesu übereinstimmt, sondern schildert auch die Schicksale einer Reihe von Personen aus der Umgebung des Heilers von Nazareth. Dieses Apokryph ist vortrefflich an die Realien seiner Zeit angepasst und ist auch bezüglich jüdischer Religiosität und jüdischen Brauchtums eine wahre Fundgrube. Wichtig ist, dass Maciej Nawariaks schönes Apokryph religiöse Gefühle weder verletzt noch stärkt. In dieser Hinsicht ist es ein neutrales Werk. Man kann in ihm den ehrlichen und ernst gemeinten Versuch sehen, einen neuen Zugang zum Thema zu finden, beziehungsweise für eine „Belebung” des Themas zu sorgen.

Dariusz Nowacki