SEE DER RADIKALEN

Der See der Radikalen hat, ähnlich wie Michalskis vorangegangener Debütroman, am meisten mit einem Essay in Erzählform gemein. Am wichtigsten ist hier das diskursive Element, die Anekdote hingegen ist nur ein Vorwand und bleibt unverbindlich. Wir sehen also einen knapp vierzigjährigen polnischen Stipendiaten, der zur Belohnung für seine Arbeit zugunsten der Partei der Mittelklasse in die Schweiz geschickt wird. Der Ort, an dem der Roman spielt, erscheint als Anspielung: Es ist die Gegend um den Genfer See, das Lieblingsgebiet der polnischen, von sich selbst und der Welt der „Ideenfreunde“ enttäuschten Romantiker. Einer von ihnen ist jener Stipendiat, der an den Gewässern des Lac Léman, der im Roman See der Radikalen heißt, mit seiner eigenen Biografie abrechnet. Dabei assistieren ihm Róża und Karl, Altersgenossen des Helden und, als Erben eines großen Vermögens, Vertreter der deutschschweizer Elite. Der Autor untersucht aus einer europäischen Perspektive die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden in den Erfahrungen (in geistigen wie intellektuellen Abenteuern) innerhalb ein und derselben Generation. Auf der einen Seite haben wir alsdann den 1963 geborenen Polen, dessen Geschichte von typologischer Bedeutung ist, auf der anderen Seite beobachten wir die verzärtelten, verdorbenen Schweizer, die gleichwohl dieselben Bücher gelesen und über mehr oder weniger dieselben Probleme der Kultur des modernen Westens nachgedacht haben. Den See der Radikalen füllen eine ganze Reihe kontroverser Debatten politischer und weltanschaulicher Natur. Deren Resultate sind wenig erbaulich: Alle befinden sich, ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Milieus, in einem ideologischen Vakuum und sind außerstande, in einer Welt zu leben, auf deren Aussehen sie keinerlei Einfluss haben.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Ich kann es mir kaum verkneifen, noch eine Geschichte aus der Stadt T. zu erzählen. Mit ihrer Hilfe lässt sich ihr genius loci besser verstehen. Wir schreiben das Jahr 1987 und in Polen gewinnen die Parteireformer wieder die Oberhand. Sie versuchen uns Demokratie beizubringen, organisieren ein Referendum, das erste seit vierzig Jahren. Das Beibringen der Demokratie fällt ihnen nicht ganz leicht, denn wir wollen nicht lernen. Als ob wir glaubten, dass sie uns wer weiß wie lange erlauben würden, die Klasse zu wiederholen. Just gegen Ende jenes Jahres beschließt eine Tochter, einziges Kind ihrer Eltern, nach Deutschland zu gehen. Vorher hatte man sie dafür festgenommen, dass sie die Teilnehmer des Referendums zählte, die das Wahllokal betraten. Die Schule, in der man die staatliche Kommission untergebracht hatte, war während des ganzen Tages von gerade mal elf Personen besucht worden. Das deckte sich entschieden nicht mit den von der Regierung bekannt gegebenen Daten zur Wahlbeteiligung.
Baśkas (so wollen wir sie nennen, denn ich kam letzten Endes nicht dazu, sie zu fragen, ob ich ihre Geschichte erzählen dürfe) antireformistisches Engagement war die Antwort auf einen Aufruf, den der Anführer des Untergrunds höchstpersönlich erlassen hatte. Derselbe Anführer sollte später das Abzeichen seines Gewerkschaftsverbands in einer wohltätigen Auktion feilbieten, die von der Ehefrau jenes Geheimdienstgenerals, der ihn vorher verfolgt hatte, organisiert wurde. Der Held des Untergrunds nahm das ganz einfach übel, berechtigterweise. Außerdem trug sich das Jahre später zu, während des sogenannten Kriegs an der Spitze. Damals waren schon alle zu allem berechtigt, insbesondere dazu, einander etwas übel zu nehmen, die Intellektuellen, die Geistlichen, die Arbeiter, sogar die Helden.
Am Tag nach ihrer Aktion fand sich Baśka auf der Kommandatur wieder. Sie wurde von zwei Herren in Zivil verhört. Diese Herren mochten keine Studentinnen, drohten damit, sie zu vergewaltigen, nein, sie drohten nicht einmal, sondern gaben es ihr eindeutig zu verstehen. Als sie rauskam, war da niemand, dem sie ihr Leid hätte klagen können, ihr Freund, der einer chronischen Oppositionsdepression zum Opfer gefallen war, versuchte, den Verlauf dieser unheilbaren Krankheit in den Armen einer anderen Kollegin aus dem Untergrund zu lindern. Da kam Baśka zu dem Schluss, dass sie es satt hätte, Konspiration zu spielen, und es noch mehr satt hätte, weiter in Polen zu leben.
Sie bricht also ihr Studium, es war eine gute Studienrichtung (vorher ein Maturazeugnis mit Auszeichnung), ab. Nach wochenlangem Weinen und Streiten finden sich ihre Eltern mit dem Unvermeidlichen ab. Am letzten Tag, wenige Stunden vor der Abfahrt ihres Zuges, führt die Mutter sie ins andere Zimmer. Der Vater hatte für einen Augenblick die Wohnung verlassen und war, wer weiß zum wievielten Mal an diesem Tag, Zigaretten holen gegangen.
Die Mutter bittet sie, sich zu setzen, öffnet eine Schublade, in die sie zuvor noch nie in Anwesenheit ihrer Tochter einen Blick geworfen hatte. Sie holt einen alten Ausweis hervor, gibt ihn Baśka und sagt: „Das wird dir behilflich sein, wenn du schon da hin musst“. Baśka nimmt den Mitgliedsausweis ihrer Mutter vom Bund Deutscher Mädel behutsam in ihre Hand und betrachtet die Fotografie eines jungen, lächelnden Mädchens, fährt mit dem Finger die Konturen des Adlers entlang, der ein Hakenkreuz in den Klauen trägt. Sie kennt dieses Abzeichen gut aus den Fernsehserien.
„Wir hatten die zweite Gruppe“, sagt ihre Mutter, „nicht die dritte, wie alle hier, wir waren keine gewöhnlichen Volksdeutschen. Wir waren Tivolideutsche, so hat man uns genannt, weil die Deutschen die Freiwilligen für die zweite Gruppe im Kino Tivoli registrierten. Die Großeltern standen dort Schlange. Wenn du das zeigst, geben sie dir vielleicht schneller die Staatsbürgerschaft, wenn du schon unbedingt musst…“
Eine Methode wie jede andere. Mein politisches Asyl in Frankreich, das man mir am selben Tag gewährte, an dem die Regierung von Tadeusz M. vereidigt wurde, unterschied sich nicht sonderlich von Baśkas deutscher Staatsbürgerschaft. Dieselben Anrechte, einen finanziellen Zuschuss für ein paar Monate und eine Arbeitsgenehmigung, was aber das Wichtigste war, die Sicherheit, dass dich niemand zur Rückkehr wird zwingen können. Falls du irgendwann einmal Lust haben solltest zurückzufahren, wirst du allein darüber entscheiden, auf eigenes Risiko. Und du wirst es dir später nur selbst verübeln dürfen und nicht irgendeinem Gott oder Herrn über dein Schicksal. Was gibt es im Übrigen sich hier zu schämen, für welche Ehre denn zu kämpfen, für welche Unabhängigkeit? Leben wir nicht alle im Zeitalter der Globalisierung, taten das nicht auch unsere Großeltern, unsere Urgroßeltern und alle Polen so ungefähr seit der ersten Teilung?
Ich bin mir nun nicht sicher, wem der beiden Rohanów-Geschwister ich diese ganze Geschichte erzählt habe. Sie nimmt sich wie eine aus, die wie für Karl geschaffen ist, so nihilistisch. Doch hätte ich sie aus Versehen auch Róża erzählen können. Sie verstand sich darauf, immer irgendeine Moral zu entdecken, sogar als sie die allerunmoralischste von meinen Erzählungen angehört hatte. Ich erinnere mich nur nicht, was sie sagte, als ich Baśkas Geschichte zu Ende erzählt hatte.

Aus dem Polnischen von Marlis Lami