FLASH-BACK

Das neue Buch von Sławomir Shuty, dessen Erzählband Cukier w normie [Zuckerspiegel] normal (2002) von der Kritik sehr wohlwollend aufgenommen wurde, ist eine geschickt konstruierte ethnographische Studie über die Sprache und Denkweise von Firmenangestellten – wobei die Firma in diesem Fall den „Bankensektor”, bzw. eine Filiale der Hamburger Bank meint. Dem Autor gelingt es auf metaphorische Weise, die Lebenssituation eines jungen Polen darzustellen, der in die Mühlen eines kapitalistischen Unternehmens geraten ist. Wir begegnen hier also dem üblichen Smalltalk unter Kollegen, einem jämmerlich ausgearteten Familienleben, Amtssprache, Straßenslang und Internetchat. Es gibt hier – Gott sei’ s geklagt – eine Begriffs- und Wertewelt, die den Menschen eingetrichtert wurde, Überlegungen zu einer Generation, die auf den Müllhaufen des Supermarkts und in die Jobbörse geworfen wurde; es gibt einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf, das Karussell der Sonderangebote, Schulungen, Zynismus und Heuchelei in großen und kleinen Dosen, Banalität und Leben, das mit leerer Geschäftigkeit ausgefüllt ist – alles, was das Herz begehrt. Dies alles wird mit bissigem Humor erzählt, einfallsreich pointiert und fügt sich so zum Porträt eines Menschen zusammen, der in der Falle sitzt und seine Menschlichkeit zu verlieren droht, ein Prozess, den uns bereits die Soziologen vergangener Zeiten prophezeit haben, als sie über Entwurzelung, entfremdete Arbeit und vorgefertigte Service People der postkapitalistischen Technologien schrieben. Die verrohte Sprache deckt die apokalyptische Kluft zwischen der Fassade des Lebens und der Untergrundwelt der Entmündigten und Erniedrigten auf, zwischen der Förmlichkeit und der Verzweiflung der „Verdammten dieser Erde“, deren grenzenlose Frustration und Ratlosigkeit, deren Zynismus und Hass sich nirgends sonst entladen können. Dieses Buch hat das Zeug dazu, zum Manifest einer ganzen Generation zu werden

Marek Zaleski

AUSZUG

Am Montag ist er gut bestückt, am Dienstag ist er wund beglückt. Basia kommt später. Sie konnte einfach nicht. Die Situation war eingetreten, in der sie nicht konnte. Obwohl sie es unbedingt wollte. Natürlich.
„Basia”, sagt Gosia, „warum rechtfertigst du dich, du konntest nicht, also konntest du nicht, punkt. Manchmal kann man eben nicht, schließlich weißt du selbst, dass ich manchmal auch nicht kann.”
„Schon gut, Gosia, nörgel nicht rum, sondern mach auf”, sagt Basia bereits entschieden ungeduldig.
Gosia öffnet und Basia kann rein. Es könnte sein, dass heute viele Kunden unsere Filiale besuchen. Warum? Keine Ahnung. Mein Bauch sagt mir, dass es so sein wird. Außerdem ist Dienstag. Die Leute haben Ameisen im, verzeihen Sie die Ausdrucksweise, Arsch. Genau, davon habe ich gerade gesprochen.
„Guten Tag”, sagt der Herr, damit man ihn in Ruhe lässt.
„Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen?”, ich erhebe mich von meinem Stuhl, um dem Kunden eine europäischen Standards entsprechende, professionelle und freundliche Bedienung anzubieten.
„Nein Danke, ich schaue mich hier nur um...”, er beachtet mich überhaupt nicht.
„Interessieren Sie sich für Festgeldanlagen?”, frage ich höflich und schiebe ihm ein Angebot rüber, als wäre es ein Teller Suppe.
„Ich werde es mir durchlesen, danke...”, er schüttelt den Kopf.
„Lassen Sie mich nur sagen, dass es am günstigsten ist, in kurzfristige Anlagen zu investieren, für einen Monat, und anschließend monatlich die Zinsen zu kapitalisieren, da kriegen Sie, schauen Sie bitte hier, mehr raus, als wenn Sie das Geld für ein halbes Jahr einzahlen würden...
Ich ziehe mein Ass aus dem Ärmel und der Herr schaut mich mit einem interessierten Gesichtsausdruck an.
„Mirek, bitte den Herrn doch in den Besprechungsraum”, sagt Basia, die sich strahlend lächelnd über ihren Bildschirm beugt.
„Darf ich Sie in den Besprechungsraum bitten, wo ich Ihnen unser Angebot in allen Einzelheiten vorstellen möchte”, ich stehe gerade und weise ihm den Weg.
„Na gut”, sagt er leicht resigniert.
Ich geleite den Herrn in den Besprechungsraum und breite vor ihm ein Panorama der Festgeldanlagen aus. Mit einem Textmarker weise ich auf sämtliche Kundenvorteile hin. Punkt für Punkt. Außerdem erzähle ich ihm von Kreditkarten, vom neuen und bequemen Bargeldzugang, vom außerordentlichen Service, und dem Vorteil eines Girokontos.
„Ein besseres Angebot finden Sie nirgends”, sage ich, selbst selbst hundertprozentig davon überzeugt. Aber der Herr faltet nur die Preisliste zusammen und bedankt sich im Hinausgehen.
„Ein besseres Angebot finden Sie nirgends”, werfe ich ihm zum Abschied hinterher, um ihn noch ausdrücklicher zu überzeugen. Basia beobachtet die ganze Szene mit verhaltenem Optimismus.
„Und”, fragt sie scheinbar gleichgültig, „eröffnet er ein Konto?”
„Nein, er war an Anlagen interessiert”, antworte ich, während ich die Wand anstarre.
„Hast du ihm nicht gesagt, dass wir gerade ein Sonderangebot für Privatkonten haben?”, fragt Basia gefasst.
„Habe ich ihm gesagt, aber er wollte keins, er hat ein Privatkonto bei einer Bank, ein zweites bei einer anderen Bank, benutzt aber keins von beiden”, antworte ich ihr, wobei ich derart nervös mit dem Kassiererstempel über den Schreibtisch fahre, dass auf der Tischplatte Kratzer zurückbleiben.
„Hättest du ihm vom Sonderangebot für EC-Karten erzählt, vielleicht hätte er sich überreden lassen”, sagt Basia unnatürlich strahlend.
„Habe ich ihm erzählt, ich habe ihm von der EC-Karte und von der Kreditkarte erzählt. Du hast doch gesehen, wie lange ich mit ihm gesprochen habe. Ich wusste schon nicht mehr, was ich ihm noch erzählen soll, ich habe alle meine Karten aufgedeckt”, etwas platzt in mir und ich lächle wie ein Kind.
„Ich hab’s gesehen”, sagt Jola, gleichfalls lächelnd, „Mirek hat geredet und geredet.”
„Man hätte ihm sagen müssen, dass er zu jedem Zeitpunkt die Anlage auflösen kann, ohne die Zinsen zu verlieren.”, sagt Gosia, die mir mit einem Lächeln auf die Schultern klopft.
„Ja, hätt’ ich machen können”, antworte ich ihnen allen lächelnd.
„Hört mal zu, wir haben... lasst mich mal schauen, bis jetzt fünfhundert eröffnete Konten, und bis zum heutigen Tag sollten wir siebenhundert haben”, sagt Basia plötzlich frei von der Leber weg. „In diesem Monat müssen wir mindestens tausend eröffnen, ansonsten können wir die Prämie vergessen. Macht was.”
Basia schaut vielsagend in unsere Richtung, denn sie, um Gottes willen, hat genug von dieser Eröffnerei, sie eröffnet die ganze Zeit, und wir nichts.
Die Prämie wird dem Angestellten in Abhängigkeit zuerkannt. Wenn wir achthundert Privatkonten eröffnen, die Girokonten genannt werden, wir Leuten von der Straße, die so was meist überhaupt nicht wollen, vierzig silberne EC-Karten und vier goldene EC-Karten verkaufen, sowie zwölf Personen versichern, dann erhalten wir eine Prämie für jeden dieser Einzelposten, aber nur für den Fall, dass die Gesamtgröße der eröffneten Girokonten beibehalten wird. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt wird, erhalten wir keine Prämie, selbst dann nicht, wenn wir hundert goldene EC-Karten verkaufen würden. Die Höhe der Prämie, auf die einzelne Arbeitskraft umgerechnet, wird prozentual berechnet und, was am wichtigsten ist, sie hängt von der Zustimmung des Filialleiters ab, was heißt, dass dieser Prozentsatz zu Ungunsten des Angestellten verändert werden kann. Erreichen wir in diesem Monat das höchste Prämien-Bewusstsein? Wer weiß.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk