SOWEIT DIE GEISTER REICHEN

Soweit die Geister reichen ist ein Band mit Erzählungen, die sowohl in thematischer als auch in formaler Hinsicht eine außergewöhnliche Einheit bilden. Er besteht aus fünf längeren Texten, die von kürzeren Impressionen und Bildern unterteilt werden. Diese bilden wiederum ein zusammenhängendes Ganzes, das aber nicht sofort erkennbar wird. Der Autor ist, wie schon in seinen früheren Erzählbänden, fasziniert von der Erfahrung des Unheimlichen und eines merkwürdigen Grauens. In den meisten Texten des Bandes lässt sich eine vergleichbare Situation ausmachen: Gewöhnliche, tief in den Alltag eintauchende Episoden verwandeln sich unter einem geheimnisvollen Impuls zu einem faszinierenden Schauspiel. So ist es in der Erzählung, die den Band eröffnet (Adams Rippen), in der die zufällige Begegnung eines jungen Geschäftsmannes mit einem Bettler von der Straße zum Beginn einer „inneren Revolution“ wird, zur Entdeckung dessen, was vorher unterdrückt war. Soweit die Geister reichen ist zweifellos der poetischste und melancholischste Prosaband von Wojciech Kuczok. Dieser neuen künstlerischen Qualität wird auch die Titelerzählung voll und ganz gerecht. Sie besteht aus einem ungewöhnlichen Dialog zwischen Liebenden, die sich jeweils übereinander, aber nicht miteinander unterhalten. Auffallend dabei ist die stilistische Raffinesse: Es gibt hier eine Fülle von literarischen und musikalischen Anspielungen, intelligenten Wortspielen, ausgefallenen Sprachspielereien, verblüffenden Umformungen und anderen „Erfindungen“ dieser Art.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Als wir uns sattgeliebt hatten, wickelte sie sich wie ein Kokon in das Leintuch, ohne mir etwas anderes als Federbett oder Decke zu lassen, ich musste auf der rauen Oberfläche des Sofas liegen, denn in das Federbett oder die Decke konnte ich mich nicht wickeln, dafür war es zu heiß, das waren heiße Zeiten, sehr heiße. Als sie gänzlich und restlos weggeküsst war, als sie sich schon fest eingewickelt hatte, blickte sie mich beschämt an, als wenn ihre Nacktheit, die sich ohnehin im Halbdunkel verlor, sie erst jetzt beschämte (die Brille, wo habe ich sie wieder, irgendwo unters Bett habe ich sie gelegt, keine Lust sie zu suchen, morgen früh dann, man muss Acht geben, damit man nicht drauftritt, dass ich es auch nie lerne, sie gut sichtbar wegzulegen). Als sie also so eingehüllt wartete, bis ihr Blut wieder gleichmäßig kreisen würde, wusste ich, dass in jenes Leintuchgefilde einzudringen mir nicht gestattet wäre, dass sie sich nun von neuem an sich selbst gewöhnen muss, spüren muss, dass sie von den Brüsten bis zu den Fingerspitzen, von der Leiste bis zur Stirn, inwendig und hautmäßig, sich selbst gehört, dass das, was sie mir als Beute überlassen hatte, jetzt wieder zu ihr zurückkehrt und sich für seine Abwesenheit entschuldigt, für seine Untreue, seine Grobheit, sie um Vergebung bittet, ihr ganzer zusammengerollter und in das Leintuch gepackter Körper kehrt demütig zurück, damit nur ja keiner (das heißt ich) denke, dass die Liebe ein Dauerabonnement auf seine Zuwendung gäbe.
Er war aufmerksam, wusste, welche Fragen besser nicht zu stellen waren, wann er zu schweigen, wann er mich zu berühren hatte, wann er da sein und wann er verschwinden sollte, er wusste das besser als ich, ach, bei ihm war ich sicher, dass ich nichts in der Art hören würde wie „Ist es so gut? Sag schon, ja? Oder besser anders?“, dass ich nicht danach hören würde „Na, und wie war´s?“ oder noch schlimmer „Wieviele hast du vor mir gehabt?“, dass er nicht anfangen würde, mir lästig zu werden, dass er bis zu jenem Grad da sein würde, dass ich ihn neben mir spürte und mich gleichzeitig nach ihm sehnte. Er war einfach aufmerksam, ja, das ist die beste Bezeichnung. Auf einfühlsame Art aufmerksam.
Als die Vögel draußen allmählich deutlich wurden, und klar war, dass wir die Nacht nicht zur Gänze schlafend verbracht hatten, dass sich die Schatten gleich auflösen würden, bewegte ich mich sachte, ganz sachte, damit nur nicht ein Viertel Sprungfeder irgendwo unter uns ins Stottern käme, näherte ich meine Nase ihrem Hals und prüfte, ob sie schon nach Schlaf duftete. Als sie danach duftete, prüfte ich behutsam, ob wohl wirklich alles an ihr schliefe, denn der Schlaf muss einen, um sich zur Gänze und satt auszuschlafen, umfassend überwältigen. Darauf achtete ich, wie ich nur konnte, betrachtete ihr über das Kissen gestreute Haar, ob es nicht bloß einen Moment lang unter meinem Blick erstarrt war, aber im Grunde keine Lust zu schlafen hatte und eine Kissenwanderung unternähme, ich schaute genau hin, und wenn ich es bei einer Unrast ertappte, streichelte ich es glatt, strich ihm ein Schlummerlied, auf dass es sich mit dem Schlaf verflechte. Als auch ihr Haar nach Schlaf zu duften begann, prüfte ich, ohne ihr Morgenlinnen zu lösen, jede einzelne Partie ihres Körpers mit meiner Hand, jeden Muskel, ob er nicht eine Anspannung verriete und damit an ihrem Schlaf Verrat beginge, und wenn sich einer ertappen ließ, lockerte ich ihn durch meine Berührung, löste ihn und wiegte ihn in den Schlaf. Als ich dann wusste, dass alles an ihr fest schlief, musste ich das Programm ihres Schlafes finden, musste ihm den entsprechenden Beigeschmack verleihen, damit keinerlei Alp sich auf ihre Brust setze, ihr keine Flüche ins Ohr flüstere, damit er sie nicht als Sprachrohr benutze und nicht anfinge, seine gestammelten Entsetzlichkeiten im Schlaf hinauszuschreien, was nur zu Schweiß, Tränen und Sich-von-einer-Seite-auf-die-andere-Wälzen führt. Da nahm ich das Schicksal ihres Schlafes in meine Hände, versiegelte mit der letzten kosenden Bewegung über ihre Brust den Umschlag des guten Schlafs, mit einer kosenden, wenn auch geduldigen Bewegung, denn ich hörte erst auf, als jener Wächter sanfter Träume auf ihren Lippen einkehrte: ein unbewusstes Lächeln.Ich weiß nicht, wann er einschlief, es gelang mir nie, erst nach ihm einzuschlafen oder vor ihm aufzuwachen. Jedes Mal, wenn ich aufwachte, war er bei mir, und – das ist wichtig, das war mir wirklich wichtig – nie kam es vor, dass er mir im Bett den Rücken kehrte. Ach, ein einziges Mal nur habe ich ihn schlafend gesehen. Ich hatte das Treppenhaus nicht verlassen können, eine seltsame Geschichte, denn noch nie war ich unten vor der verschlossenen Tür gestanden, offensichtlich begann man in unserem Block, neue Sitten einzuführen, angeblich weil es ja schon eine Mittelklasse gibt, das heißt, noch nicht dem Einkommen nach, aber wenigstens schon mental, also hat jeder Bewohner einen Schlüssel zur Eingangstür zu haben, also kommt keiner ohne Erlaubnis des Hausverwalters hinein oder hinaus. Ich kehrte um, klingelte, aber er machte nicht auf (er machte sonst immer auf, als ob er schon an der Tür gestanden hätte, eigentlich war es so, als ob ich, wenn ich den Klingelknopf drückte, gleichzeitig ein Signal in Bewegung setzte oder einen vollautomatischen Pförtner, niemals wartete ich auch nur einen Augenblick – sicherlich sah er mich einfach vom Fenster aus, das würde bedeuten, dass er Ausschau hielt), also dachte ich, vielleicht hat er sich ein Nickerchen gestattet, weil er sicher war, dass er mich jetzt längere Zeit nicht sehen würde und ich ihn nicht schlafend sehen würde, ich nahm also die Schlüssel raus und machte auf, das musste alles ziemlich Lärm gemacht haben, das Geschepper der Schlüssel, das Klappern meiner Absätze, mein Herumwuseln im Vorraum, bis ich in seiner Jacke den richtigen Schlüsselbund fand, dann sah ich in den Augenwinkeln durch die angelehnte Zimmertür ein Stück Federbett. Ich ging hinein und hätte vor Schreck beinahe aufgeschrien – er lag mit offenen Augen auf dem Rücken, nahm mich nicht wahr, sah aus, als ob er tot wäre, sogar im Schlaf hatte er also die Augen geöffnet, und wenn sich die Decke nicht deutlich im Rhythmus seines Atems bewegt hätte, wäre ich sicher gewesen, dass er tot war. Ganz sicher, tot.

Aus dem Polnischen von Marlis Lami