CASTORP

Paweł Huelle hat seinen neuen Roman von einer, einen einzigen Satz umfassenden Bemerkung abgeleitet, die der Autor des Zauberbergs einmal über seinen jungen Protagonisten machte: Hans Castorp, der sich auf den Beruf des Schiffsbauingenieurs vorbereitete, hätte bereits vier Semester an der Technischen Hochschule Danzig hinter sich. Huelle hat einen Roman über die Danziger Zeit des zukünftigen Kurgastes des Berghofs geschrieben.
Huelle formt den Lauf der Geschehnisse so, dass sie eine Vorgeschichte zu den Ereignissen bilden, mit denen Castorp es in Manns Berghof zu tun haben wird. Sein Roman ist gleichsam der Zauberberg im Keim. Doch Huelle schreibt seinen Roman nicht nur, um Thomas Manns Schatten zu gefallen, sondern auch, um uns zu überzeugen, dass die Danziger Zeit im Leben seines Protagonisten nicht bedeutungslos war, dass dieser Ort vielmehr zu einem Ort einer bedeutungsträchtigen Begegnung werden konnte und sollte. Für seinen Onkel, Konsul Tienappel, der Hans Ratschläge und Warnungen zuteil werden lässt, ist „der Osten“ ein schwarzes Loch und die Versuchung für das Chaos. Für die Danziger, die Castorp kennen lernt, sind die Polen Nachbarn ohne Gesicht, sie werden als feindselig und bedrohlich empfunden. Zur Verkörperung der polnischen Wesensart wird für Castorp die ihn faszinierende, unbekannte Schöne, Wanda Pilecka, Großgrundbesitzerin aus dem Osten des „ehemaligen Polens“, die sich in Sopot diskret mit ihrem russischen Liebhaber trifft. Huelle nimmt an, dass die Verbindung zwischen dem deutschen „naiven Idealisten“ und der geheimnisvollen, in Versuchung führenden Polin sich als ebenso glücklich erweisen könnte wie auch die Hochzeit von Kadmos mit Harmonie, wie Blakes Hochzeit von Himmel und Hölle, fruchtbar und glücklich waren. Stets bleibt es bei der nicht verwirklichten Chanc, dem Wissen, dass das, woran uns am meisten liegt, immer außerhalb unserer Reichweite bleiben wird.

-Marek Zaleski.

AUSZUG

In den rasch aufeinander folgenden Septembertagen, als an der Esplanade schon die Kastanien reiften und über den Dächern der Börse und dem Haus der Hanse wahrhaft herbstliche Kumuluswolken erschienen, hatte der mit Reisevorbereitungen beschäftigte Hans Castorp keine Zeit, in Gedanken auf dieses Gespräch zurückzukommen, wenn er sich auch sehr wohl bewusst war, welch ungewöhnlichen Umbruch es in den Gewohnheiten Konsul Tienappels darstellte. Die Korrespondenz mit Frau Wibbe, bei der er ein möbliertes Zimmer mieten wollte, die Vervollständigung des Wäschevorrats in den besten Geschäften, die Ergänzung der Garderobe, mit der bisweilen zweimal täglich Besuche beim Schneider verbunden waren, schließlich die Einrichtung eines Kontos bei der mit Bedacht gewählten Getreidebank in Danzig sowie das Erstellen einer Liste dringend benötigter Toilettenartikel, an denen es ihm in der fernen Stadt nicht mangeln sollte – all das nahm Hans Castorp restlos in Anspruch. Zudem war er in einem Dilemma, von dem wir nachsichtig sagen können, dass es ein jugendliches war und größtenteils mit seinem nüchternen, jedoch auch dem Sentimentalen nicht abgeneigten Gemüt zusammenhing. Auf welchem Wege nämlich sollte er die Reise zurücklegen? Der zukünftige Schiffbauer zweifelte keinen Moment daran, dass unter diesen Umständen das Passendste der Seeweg wäre, am besten ein Handelsschiff mit nur wenigen Kajüten für Passagiere. Andererseits konnte er, wenn er an die Bahnverbindungen dachte und aufmerksam die Fahrpläne studierte, nicht umhin, sich einer bestimmten Erinnerung zu überlassen, die sich unverhofft einstellte, als er sich eine gute Stunde vor dem Einschlafen über die Landkarte beugte. Sein Vater und seine Mutter standen auf dem von Gaslaternen hell erleuchteten Bahnsteig des Berliner Bahnhofs, an dem schon der Zug zu einem Kurort an der Ostsee wartete. Der Tag, den sie in der Hauptstadt verbracht hatten, war von Sonne erfüllt gewesen, von sprudelnder Limonade, von den Klängen eines Militärorchesters, dem Rattern des Hotelaufzugs und dem Stimmengewirr der Gespräche, die sein Vater mit einigen wichtigen Kaufleuten auf der Terrasse des Cafés geführt hatte. Hans Castorp sollte nie erfahren, ob sie damals aus geschäftlichen Gründen, in Sachen der Firma seines Vaters, über Berlin gefahren waren, oder aber um Professor Landauer zu konsultieren, den weltberühmten Arzt, der seiner Mutter exotische Tropfen verschrieb. Diese Ungewissheit verblasste jedoch angesichts der starken Eindrücke der Reise. Der Schlafwagen, vom schwachen Licht eines elektrischen Lämpchens erleuchtet, schob sich wie ein geheimnisvoller Koffer durch die Nacht. Aus dem Dunkel traten Bilder hervor, die ihm für immer in Erinnerung bleiben sollten: die Fenster der Stadthäuser mit den wie aus schwarzem Papier geschnittenen Figürchen der Menschen, die leeren Bahnsteige der Provinzstationen, die einsamen Bahnwärterhäuschen und schließlich der morgendliche Nebelschleier, der in der Erinnerung jedes Mal in das blendende Weiß der Sanddünen überging, zwischen denen der kleine Hans Castorp damals die glücklichsten Sommertage verbracht hatte.
Die Wahl war also nicht leicht: Für die Schiffsreise sprach ein unbestimmtes berufliches Pflichtgefühl, die Bahn dagegen bot dem zukünftigen Schiffbauer die ganz konkrete Annehmlichkeit, in die Vergangenheit einzutauchen. Er wählte schließlich die erste Möglichkeit, und so schritt er, nachdem er sich eine Fahrkarte der Norddeutschen Schifffahrtsgesellschaft Lloyd besorgt hatte, am 28. September über das Fallreep der Merkur, die, von einer modernen Dampfmaschine der Marke Fabricius betrieben, Kurs auf Danzig nahm, indem sie mit der Geschwindigkeit von elf Knoten die grauen Wellen der See durchmaß. Als hinter dem Heck des Frachtschiffes die letzten Kräne des Hamburger Hafens verschwanden, empfand der an die Reling gelehnte Passagier eine ihm bisher unbekannte Art von Rührung. Zum ersten Mal verließ er seine Heimatstadt nicht wegen eines Winter- oder Sommerurlaubs, sondern um Veränderung in sein Leben zu bringen. Daran dachte er, während er schaute, wie die mächtige Kraft der Schiffsschraube unablässig schäumende, dunkle Wassermassen auswarf. Das aufgewühlte Kielwasser erstreckte sich noch viele Meter hinter dem Heck der Merkur und verschwand schließlich ganz in der Ferne, vom Meer verschluckt. In dieser Bewegung war etwas beunruhigend Gleichbleibendes, eine durch höchste Konzentration von Veränderung erzielte Unbewegtheit; letztendlich sah das Wasser eine halbe Meile hinter dem Schiff mitnichten aus, als hätten es kurz davor mehrere Hundert Tonnen Stahl durchkämmt. Diese, wenn auch offenkundige Beobachtung beunruhigte Hans Castorp. War es mit den menschlichen Dingen nicht ähnlich? Plötzlich, an einem unbestimmten Punkt des Horizonts, erstirbt die unablässige Bewegung ohne eine Spur zu hinterlassen – das ist alles. Die Pastoren rufen in solchen Fällen zwar die Ewigkeit zu Hilfe, die Philosophen die Erinnerung, die Familien stellen Grabsteine auf und gedenken der Toten; all das dient jedoch pragmatisch gesehen den Lebenden und ändert die Sache nicht wesentlich. Wir gehen spurlos dahin, unwiederbringlich. Dergestalt in Gedanken versunken, bemerkte der junge, an die Reling des Linienschiffes gelehnte Reisende nicht ohne eine gewisse Überraschung, dass der dunkle, pessimistische Ton, der ihm zwar nicht unbekannt war, ihn aber noch nie länger beherrscht hatte, jetzt in sein Gemüt einzog. Es erinnerte an ein musikalisches Motiv in Moll: von einem unbekannten Autor an einem unbekannten Ort vom Echo zurückgeworfen, kehrte es wieder wie eine Welle. Und noch etwas entdeckte Hans Castorp, nämlich, dass er eine Art Gefallen daran fand; und er versuchte dieses Motiv nicht etwa zu verdrängen, ganz im Gegenteil – er lauschte ihm mit Vergnügen.
„Ziehen Sie bitte eine Pelerine an!“ Die dröhnende Stimme traf den jungen Passagier gewaltiger als das Rauschen der Wellen. „Diese Tröpfchen kann man weder sehen noch spüren, aber man ist in kurzer Zeit bis auf die Wäsche durchnässt, und die Lungenentzündung ist perfekt. Und wir sind hier kein Krankenhaus.“

-Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.