SCHWARZE OZEANE

Obwohl der Autor von Schwarze Ozeane klassische Motive der Science-fiction-Literatur wiederbelebt, verdankt sein Roman viel dem Stil der Cyberpunk-Prosa und den weitreichenden Fragestellungen, die diese thematisiert, also einem Genre, das sowohl der Faszination für die neuen Technologien wie auch den Ängsten im Informationszeitalter entspringt. Schon jetzt leben wir in einer Welt, die von Superkomputern beherrscht wird. "Was passiert, wenn diese dem Wahnsinn verfallen?", fragt Jacek Dukaj in seinem Roman. In Schwarze Ozeane findet auch der anspruchsvollste Fantasy-Leser das, was er für gewöhnlich sucht und was in keinem Buch dieser Art fehlen darf: Verschwörungen und Kriege, wissenschaftliche Experimente, die außer Kontrolle geraten sind, aber auch Spekulationen über Möglichkeiten und Beschaffenheit des menschlichen Geistes. In die schnell ablaufende und stringent erzählte Handlung hat Dukaj geschickt theoretische Erörterungen eingeflochten, deren Themen aus Politik, Ökonomie oder Psychologie stammen. Schwarze Ozeane gehört zweifelsohne zur gelehrten Strömung der polnischen Science-Fiction-Literatur und knüpft an die besten Traditionen dieser Gattung an – mit Stanisław Lem als deren Spiritus rector.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Sie hatte über Senator Tito den Kontakt zu ihm aufgenommen. Damals sprach man noch nicht von Hunt-Gruppe, nicht einmal das Kontakt-Programm existierte. Sie hatten die Hälfte eines Stockwerks im Gebäude der Washingtoner Filiale der NSA zur Verfügung. Den Großteil der Fläche hatten sich natürlich die Post-PDP-Superkomputer unter den Nagel gerissen, die mit ihren Quasi-Genalgorithmen die DNAM-Terrabite-Datenpakete Millionen US-Bürger zermalmten. Hunt leitete eine Gruppe, die aus einem guten Dutzend Informatikern und Technikern bestand; zusätzlich arbeiteten zwei vereidigte Genetiker halbtags für ihn, die sich auf diese Weise zu ihrem Universitätsgehalt etwas dazuverdienten. Und nicht zu vergessen Krasnow. Krasnow war von Anfang an dabeigewesen. Eine außergewöhnliche Kreatur. [...] In der Welt der offiziellen Wissenschaft war er fast unbekannt – hier aber, im Schattenreich, ist der Zitierungskoeffizient gewöhnlich umgekehrt proportional zur Summe der jährlichen Dotierungen. Das zuletzt von Krasnow verfertigte Elaborat mit dem Titel „Das Genchaos: die Dynamik des amerikanischen Genoms” sicherte ihm ein warmes Pöstchen, ein nicht unbescheidenes Gehalt und – was am wichtigsten war – einen recht prominenten Platz unter seinesgleichen, in der Hierarchie der herrenlosen Samurai der Wissenschaft – mindestens für ein Jahr, potentiell sogar für fünf Jahre, denn Krasnow machte sich in Hazienda gleich daran, eine Resolution zurechtzubasteln, die die Notwendigkeit, die Forschungen auf die gesamte Erdbevölkerung auszuweiten, postulierte.
Diese finanzierte die Abteilung für Verteidigung und das war auch der Grund, daß es Hunt dorthin verschlagen hatte. Eine gescheiterte Salonintrige (als eine solche betrachtete er es gerne) zu viel – und schon war er entlassen. Als er seine Sachen aus dem alten Büro holte, registrierte er die trocken lächelnden Mienen einiger Mitglieder des Personals: Seht ihr diese blutigen Stümpfe? Das ist ein offener Karrierebruch , unheilbar.
De facto war er ein toter Mann; und er fühlte sich wie ein Zombie. Eine leitende Stellung bei einem Projekt vom Typ des Krasnow-Programms – seien wir doch ehrlich – ist schon Zeichen eines jenseitigen Lebens, wie es die politischen Makler in Washington nach ihrem Tod führen. Die Zeit verlangsamt sich hier, die wirkliche Welt, die Welt der Macht und des Geldes treibt davon, gerät außer Reich- und Sichtweite. Greise in ihren Dreißigern treffen sich während ihrer überlangen Mittagspausen in Bars und tauschen Erinnerungen aus, ohne es irgendwohin eilig zu haben, an Leben, die frühzeitig und tragisch endeten.
Vassone rief Tito an, Tito rief Hunt an.
„Es gibt da eine, hat schon früher etwas für die Regierung gemacht, Vassone, Marina S. Vassone, sie bat mich, verstehst du, ein Gefallen, könntest du, Nicholas, so freundlich sein und...”
„Und was weiß sie? Hat sie überhaupt Zugang?”
„Hat sie, hat sie, darüber mußt du dir keine Gedanken machen. Es scheint, daß sie daß ihr Hinweise darüber in die Hände gefallen sind, womit gestoßen ist, womit ihr euch dort jetzt beschäftigt, was auch immer das ist, denn, begreifst du, ich hab keine Ahnung worum es geht, wiederhole nur ihre Worte, also sie bemüht sich auch um Kohle für irgendwelche Forschungen und teilweise überschneiden die sich wohl mit euren, das heißt, was weiß ich, es geht auf jeden Fall darum, daß sie einen Blick auf die Details werfen kann, das FBI hat sie schon durchleuchtet, dein guter Wille, ich schulde den Leute was, die bei ihr in der Kreide standen, verstehst du...”
„Okay, mir soll’s recht sein, gib mir ihre Nummer.”
Sie wollte es nicht am Telefon besprechen, sie kam persönlich vorbei. Schon das deutete unzweideutig auf den Grad der Vertraulichkeit des Themas hin. Hunt empfing sie in seinem neuen Büro, in Wirklichkeit ein erbärmliches Loch. Hinter den Wänden hört man die Kühlsysteme der pausenlos arbeitenden NSA-Superkomputer mit ihrem tiefen Brummen. Hunt war zufrieden mit diesem Besuch, der eine gehörige Portion Abwechslung in das tägliche Einerlei seiner vorgetäuschten Arbeit bringen würde. Und außerhalb dieser Arbeit stand es ja auch nicht zum Besten: Charlotte hatte einen neuen Tiger gefunden; Mutter war wieder auf Entzug; die Aktien, in die mehr als die Hälfte seiner Ersparnisse geflossen waren, fielen und fielen, und er stieß sie nicht ab, denn falls sie sich nach dieser Rettungsaktion durch irgendein Wunder erholt hätten, würde er das psychisch nicht verkraften. Es war soweit gekommen, daß er auf seiner Flucht vor der Depression an seinem Dienstterminal düstere Politthriller mit alkoholgetränktem Zynismus schrieb, deren Hauptfigur ein medaillenverdächtiges Vorzeigemodell eines jungen Washingtoner Arschlochs war, schlecht bis in die letzten Windungen seiner DNA, und dem obszönerweise alles gelang, da er auf nichts und niemanden Rücksicht nahm. Irgendwann beim vierten Kapitel bemerkte Hunt, daß er dieser Figur unwillkürlich immer größere Sympathien entgegenbrachte und ihr mehr und mehr seine eigenen Charakterzüge verlieh. Er rief den On-line-Psychoanalytiker an. Der Psychoanalytiker riet ihm weiterzuschreiben, und im Showdown des Buches seinen finsteren Zwilling zu demütigen und zu vernichten. Hunt zeigte ihm den Stinkefinger und fluchte heftig, wobei er sich der Phraseologie seines Romanhelden bediente. Dann löschte er aus den Kristallen sein Werk. In diesem Moment war Marina Vassone eingetroffen.
Die makellose Schönheit der Gemeißelten verriet trotz der fehlenden Anzeichen des Alterns ihre vierzig Jahre, vielleicht waren es ein paar weniger, vielleicht ein paar mehr. Genetische Moden sind schließlich nicht rückgängig zu machen. Die letzte Generation (oder vielmehr die vorletzte, da ja die Entscheidung bei den Eltern liegt) huldigte bereits einem anderen Schönheitsideal: asymmetrische Gesichter, Disproportionalitäten und scheinbare Disharmonien ihrer Elemente, individuelle, charakteristische Gesichtszüge, die von teuer bezahlten Assistenten der genetic sculptors, der Meister des Designs ungezeugter Körper, projektiert wurden. Marinas Eltern hingegen hatten sich der Mode unterworfen, die zu ihrer Zeit geherrscht hatte, und daher die Komputerperfektion der Figur und des Gesichts der Frau: der Schädel ganz und gar ägyptisch, die Bögen der Augenbrauen wie mit japanischer Tusche gezogen, glasklare Haare und Augen. Im breitärmeligen und hochgeschnittenen Anzug aus schwarzer Polyseide sah sie eindeutig wie eine Geschäftsfrau oder Rechtsanwältin aus und hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Wissenschaftlerin wie sie sich Hunt prototypisch ausgemalt hatte – sie war das physische Gegenteil des verwahrlosten Krasnow. „Wenn ich Sie richtig verstehe, interessieren Sie sich rein beruflich für die von uns durchgeführten Arbeiten”, sagte Hunt, nachdem er eilig die Mikrophone und Kameras der Rechtsversicherung eingeschaltet hatte, sein Gesicht zu einer ausdruckslosen Maske gefroren war und er die Begrüßungsrituale nach den NEti-Regeln abgehalten hatte. „Unterdessen heißt es hier, daß Sie von ihrer Ausbildung her Neurophysiologin sind, was auch immer das bedeuten sollt. Professorin in Boston, Abteilung für Kognitivistik und Neuralsysteme, Zentrum für Adaptivsysteme. Mmm, hier steht auch: Psychatrie, Mathematik... Diese Mathematik – woher kommt die?”
„Neuronennetze”, antwortete sie lakonisch. „Analogien des Gehirns.”
„Wie auch immer, was hat das mit uns zu tun?”