DER MANN IM SCHATTEN

Der Mann im Schatten ist ein spannender zeitgenössischer Roman, dessen Handlung zu Beginn der neunziger Jahre in Warschau spielt. Er hat auch eine umfangreiche rückblickende Ebene. Die Hauptfigur des Mannes im Schatten ist Aleksander Rański, ein Warschauer Notar in den Dreißigern. Er ist der Enkel eines Generals der „Weißen Armee“ und Sohn einer in Tschechow vernarrten Russin, die seit ihrem dreizehnten Lebensjahr in Polen lebt. Die verwickelte Geschichte von Rańskis russischen Vorfahren bildet eine eigene, in die Vergangenheit reichende Erzählebene des Romans. Eustachy Rylski ist als Autor gewissermaßen auf das „russische Thema“ spezialisiert, das er hier auf eine außerordentlich interessante Weise entwickelt. So werden bei dem polnischen Juristen, der die Sprache und Gebräuche der Russen bestens kennt, die lokalen Vertreter der russischen Mafia vorstellig. Zuerst geht es um eine gewöhnliche juristische Dienstleistung, mehr oder weniger legale Geschäfte betreffend. Doch bald machen die Gangster ihren Anwalt von sich abhängig und verwickeln ihn in ihre undurchsichtigen, perversen und doch reizvollen Aktivitäten. Zwischen Rański und dem finsteren Mafioso Pasławski beginnt nun ein seltsames psychologisches Spiel, das in einem düsteren Finale endet. Der Roman mit dem Titel Der Mann im Schatten besteht somit aus drei separaten Erzählungen, die wunderbar ineinander fließen: Eine historische, die im Milieu der russischen Emigranten, die sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Warschau niederließen, spielt, eine Sensationsgeschichte und ein Sittenroman (mit einer Fülle von Beobachtungen zum nach 1989 in Polen restituierten Kapitalismus).

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Mit großen Erwartungen begrüßte er die Wende im Jahr 1989 und trug wie jeder anständige Mensch bis zu einem gewissen Grad dazu bei.
Sein zurückhaltender, kühler Charakter ließ ihn vor radikalen oder riskanten Operationen zurückschrecken, doch seine Intelligenz, seine Eleganz und Reaktionsschnelligkeit hielten ihn auf einem gewissen Niveau des Anstands und trieben ihn, ob er wollte oder nicht, zu einem konsequenten Widerstand gegen die Gemeinheiten und Absurditäten des Regimes.
Den Vorstoß des Pöbels, dieses ganzen Haufens von menschlichem Unrat, der in der Wende die Richtung angab, hielt er für eine Kinderkrankheit der neuen Ordnung und erwartete, dass der Staat sie überwinden würde. Als er nach zwei Jahren des Hoffens zu der Überzeugung kam, dass der Staat, weniger aus Naivität oder wegen seines jugendlichen Alters, sondern in seiner ganzen Beschissenheit, so alt wie die Welt, diesen Zustand sogar unterstützt und zu dessen Treuhänder wird, dass der Staat dieses Gesindel nicht verurteilt, sondern sogar ermutigt, lobt und geradezu heilig spricht, dass er durch seine Institutionen selbst zu einem bestechlichen, von einer Wand zur anderen wankenden Lump wird, dass der um sich greifende, zwar an einzelnen Stellen mit dem Firnis der Westlichkeit polierte Pöbel nicht das Verhängnis dieses Staates darstellt, sondern seine Antriebskraft, sein Wagemut, da distanzierte er sich von jenem Gefüge. Doch von der Distanzierung zur Verachtung war es nur mehr ein Schritt. Diesen vollzog er, gestützt auf die kräftigen Schultern von Sebek Pasławski. Vor ein paar Monaten war es im gemieteten Appartement eines Warschauer Hotels, während einer der häufig stattfindenden Feten mit leichten Mädchen, zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Sebek und Rański gekommen, wobei ersterer schließlich aussprach, was er bis dahin, im Übrigen recht ungeschickt, kaschiert hatte: „Dir gefällt wohl mein Wanst nicht!“, hatte er gebrüllt und dabei Speichel gespuckt, „Dir gefallen meine quadratischen Schultern nicht! Mein verfressenes und versoffenes Maul! Meine fetten Finger und mein mit Brillantine eingeriebener Schädel. Na, dann sag ich dir mal, Herr Notar, dass fast alles, was du hier siehst, und alles, was hier noch sein wird, von diesen Händen hier kommt! Und von diesem Schädel hier!“Dann war Sebek zur Fensterfläche gelaufen und hatte mit der weit ausladenden Gebärde eines Gastgebers die schweren Vorhänge auseinander geschoben. Wie auf einer Bühne sah man die von einem Scheinwerfer beleuchtete Giebelwand des benachbarten Gebäudes, auf die eine Reklame für irgendeinen kapitalistischen Dreck gemalt war.
„Alles, wirklich alles!“„Dem hast du´s gegeben, Sebek“, ließ sich der Macker einer halbnackten Hure vernehmen, “sollen sie sich doch nicht so aufspielen.“Sebek wandte sich vom Panoramafenster ab, über das der Frühlingsregen rann, und fügte leiser, aber nicht weniger leidenschaftlich hinzu:„Du hast dich wohl getäuscht, Herr Notar. Wolltest klug sein, aber es fanden sich Klügere. Wolltest schlau sein, aber es gibt Schlauere. Wolltest voraussehen und bist an Leute geraten, die einen besseren Blick haben. Ihr habt wohl gedacht, dass das jetzt euer Revier sein wird, euer Gehege, euer Sandkasten, euer Polen, aber da hat sich, zum Teufel, rausgestellt, dass dieses Polen solchen wie mir gehört. Wie mir und meinen Kumpeln! Ob euch das gefällt oder nicht! Wir sind es, die Firmen gründen. Wir, die das Kapital herbringen. Und wir geben euch Arbeit und zahlen Steuern. Es sind meine LKWs, die durch ganz Europa von Spanien bis zum Ural fahren. Das sind wenige? Zugegeben, vielleicht sind´s wenige. Aber es werden mehr. Wann? Mit der Zeit, Herr Notar. Mit der Zeit.“Dann trat Sebek auf Armlänge an Rański heran und sagte ganz ruhig, geradezu freundschaftlich:„Spiel dich also nicht so auf und tanz mit Marzenka, wie es sich gehört. Lass sie doch nicht deine Verachtung spüren, denn sie hat sie nicht verdient. Sie nicht, und wir auch nicht.“Er lächelte, und in seinen kecken Augen blitzten Fünkchen von Gescheitheit und Charme, den Rański ihm in gewissen Situationen nicht absprechen konnte.„Nichts für ungut, Rański“, meldete sich der Macker, “aber wir legen euch rein, wie wir wollen.“Sebek fasste Rański um die Hüften und wiederholte:„Tanz mit Marzenka. Ich bitte dich.“Einige Zeit später fragte ihn Lubow Kirillowna, ob er getanzt habe.
Wen kann diese Hexe bloß meinen, fragte sich Rański im Geist und antwortete ihr, wobei er sein Gesicht hinter der hochgezogenen Schulter verbarg:„Selbstverständlich, Tante.“Seit ungefähr einem Jahr belog er Tante und Mutter.Er hatte nie mit ihr getanzt. Hatte sie nie umarmt, nie an sich gedrückt, nie geküsst. Er hatte ihr nie irgendeine Obszönität oder sonst eine Vertraulichkeit ins Ohr geflüstert, nicht einmal eine Liebenswürdigkeit, noch sonst etwas. Und natürlich hatte er nie mit ihr getanzt.Er war distinguiert, nett, immer korrekt, aber Leidenschaft hatte er gerade soviel, wie ein Zaunpfahl.Doch störte das niemanden. Diese Ehe war hinter seinem Rücken zugeschnitten worden, wobei man furchtlos seine Gleichgültigkeit in Augenschein nahm und seinen Befürchtungen gleichgültig gegenüberstand.
Von all dem abgesehen hatte er Angst, dass er in einer mehr oder weniger festen Beziehung, das Wort „Ehe“ kam nie über seine Lippen, das Schicksal seines Vaters wiederholte. Diese Befürchtung war nicht ganz aus der Luft gegriffen. Im Lauf der Zeit erinnerte er immer mehr an seinen Vater, und in Zosia Ronnert suchte er seine Mutter. Sie war ebenso schlank, wiegte sich ebenso in einem unsichtbaren Wind, gleich mädchenhaft und, was immer geschehen sollte, unschuldig. Sie war ihm zu nahe, als dass sie beide ein gemeinsames Leben hätten erwarten können. Welches gemeinsame Leben auch immer.

Aus dem Polnischen von Marlis Lami