LETZTE GESCHICHTEN

Letzte Geschichten sind drei Erzählungen: von einer Großmutter, einer Mutter und einer Enkelin. Sie ergeben einen Roman, ohne dass die drei Schicksale ein Ganzes bilden. Denn wir haben es nicht mit einer Familiengeschichte im Sinne einer emotionalen Beschreibung enger Beziehungen zu tun, sondern eher mit einer Anti-Saga, mit einer Erzählung von zerrissenen Familienbanden, zerrütteten Beziehungen und dem Unvermögen, sich in den einzelnen Gliedern der familiären Generationenkette wiederzufinden. Zwischen den wichtigsten Heldinnen Praskowia, Ida und Maja gibt es keine tiefen Bindungen und nicht einmal schlichte Sympathie. Wenn sie irgendetwas miteinander verbindet, dann Pflichtbewusstsein, ein Gefühl der Fremdheit und der Schuld. Letzte Geschichten versuchen zu zeigen, woher die unerträgliche Wiederholbarkeit dieses Musters rührt. Erst sucht eine Frau ihre emotionale Erfüllung in der Beziehung zu einem anderen. Darauf folgt die Erfahrung der Unfreiheit. Also brechen die Protagonistinnen auf, lechzend nach Gefühl, nach Anerkennung und Akzeptanz der eigenen Einmaligkeit, verlassen ihre Männer, ihre Eltern, ihre Verwandten und tauschen ihre Sesshaftigkeit gegen nomadenhaftes Herumziehen. Jede der drei Frauen lebt immer weiter vom unerreichbaren „guten Ort“ entfernt, dem Zuhause: Die Älteste, Praskowia, wird während des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat fortgejagt, ihre Tochter Ida ist Reiseleiterin und führt Reisegruppen durch fünf europäische Länder, deren Tochter Maja reist als Verfasserin von Reiseführern in der ganzen Welt herum. Während Praskowia in der Ehe gefangen war, sind Ida und Maja frei. Trotzdem haben sie an ihrem Leben keine Freude. Ist die „Männerwelt“ daran schuld? In gewisser Hinsicht ja, denn nicht ohne Grund fehlen in diesem Roman die Männer: sie hinterließen eine ungerechte und schlecht organisierte Wirklichkeit, gescheiterte Beziehungen, und bleiben verschwunden. Zurück bleibt Leid. Trotzdem kann man nicht sagen, daß Olga Tokarczuk einen Roman über die Geschlechterfrage geschrieben hätte. Es ist vielmehr ein Roman über ein unüberwindliches, existenzielles Fremdsein, über die Nichtanpassung ans Leben generell, über den Preis, der für die Illusion bezahlt wird, man könne im Leben Erfüllung finden. Das ist nicht nur eine Desillusionierung der männlichen Welt, sondern auch eine Desillusionierung der Familie. Ein Kind muss, auch wenn es „von einer Frau geboren“ wurde, dieser keineswegs dennoch die Treue halten. Der Mensch ist, auch wenn er sich ein ideales Leben zu erträumen vermag, keineswegs zu jenem Leben berufen. Es gibt kaum ein Buch in der polnischen Literatur des letzten Jahrzehnts, das ebenso traurig wie hypnotisch wäre.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Das Bild erscheint zögernd, träge, erst schimmert das Rechteck des Fensters gräulich vor dem gleichförmigen Dunkel des Zimmers, dann leuchtet es silbern und kalt wie ein aus der Lethargie erwachender Bildschirm, auf dem alsbald eine Projektion beginnen wird. Ida kann den Moment, in dem sie aufgewacht ist, nicht bestimmen. Sie weiß aber undeutlich, was geschehen wird, es scheint ihr, als ob dieser Morgen die Wiederholung eines anderen Morgens wäre, ja sogar vieler anderer.
Was Traum und Wachsein unterscheidet, ist die Intensität der Gedanken — unsterbliche, ausdehnbare Atome der Welt, surrende, zitternde Saiten, ohne Anfang und Ende, Geschosse, die mit Lichtgeschwindigkeit durch den Kosmos jagen wie Samenkörner von unbekannten Wesen. Dann lassen sie sich in den Köpfen nieder und fügen sich zu endlosen Ketten von separaten Einzelheiten, Assoziationen und Analogien. Und eigentlich weiß man nicht, wie sie sich aneinanderfügen, was sie zusammenhält, welches Ordnungsprinzip darin herrscht, sie wissen es selbst nicht, sie brauchen keine Ordnung, sondern fingieren diese nur, bilden für einen Augenblick wunderschöne, logische Konfigurationen, märchenhafte Schneeflocken, formieren sich spaßeshalber zu Zügen, für die es eine Veranlassung oder Begründung gibt und die ein Resultat haben, um sie dann unversehens aufzulösen und zu sprengen, zu durchbrechen, oben und unten zu vertauschen, nach vorn zu stürmen, doch immer auf verschlungenen Wegen: im Kreis, als Spirale, im Zickzack, oder im Gegenteil: hinzuschwinden, abzusterben, in einen Zustand der Betäubung überzugehen und dann ganz unerwartet zu explodieren, lawinenartig einzustürzen. Da kann man sich aufs Geratewohl an einen klammern, ihn wie die Leine eines Papierdrachens packen, sich fortreißen lassen oder auch einen Augenblick innehalten, genauer hinsehen und ihn beiseite legen, um anderen, noch verworreneren und aufdringlicheren, Platz zu machen. Im Wachsein heucheln sie Ordnung und täuschen, doch der Traum befreit sie von Trug. Nachts führen sie ein Luderleben.
Sobald das Licht durch das Fenster fällt, werden sie immer aggressiver und immer weniger verschwommen, stellen sich in trügerischen Formationen auf und stürmen zur Eroberung des Tages, indem sie diesen zwischen sich ausbreiten, ihn einweichen und in kleine Streifen schneiden. Die Denkmaschine setzt sich in Bewegung.

Einer der Gedanken ist besonders stark, drängt die anderen zur Seite und hat im Bruchteil einer Sekunde die Oberhand über den Rest. Dieses Bild: Es ist Mai, Frühling. Ida erkennt den Duft der Erde, die schon die ersten Knospen getrieben hat und nun einen Augenblick ausruht. Die Sonne fällt durch die kleinen, zerkratzten Fensterscheiben, verleiht dem Haus Würde, verwandelt es in ein ganz anderes Gebäude, größer und heller. Die beinahe horizontalen Lichtstrahlen machen die Struktur des Putzes an den Wänden sichtbar, ihre verborgenen Flecken und Wasserspuren, befördern frühere Farbschichten ans Licht. Die Sonne ist eher ein schlauer Händler mit den Kunstwerken der Welt als deren Schöpfer.
Ida ist acht Jahre alt, lernt zaubern, verbringt ganze Nachmittage mit dem Herstellen von Mixturen, die ihr Zauberkraft verleihen sollen. Sie ist in ihrem Zimmer, oben. Sie tritt ans Fenster und sieht, dass die Sonne irgendwoher einen Schmetterling zutage gebracht hat. Er liegt auf dem Fensterbrett, schmutzig, staubbedeckt, gewiss vom letzten Jahr. Seine Flügel sind ausgebreitet, mit einem wunderschönen, symmetrischen Muster. Das ist kein gewöhnlicher Schwalbenschwanz, sondern ein ganz seltenes Exemplar. Auf seinen graubraunen Flügeln zeichnen sich die Konturen zweier Augen ab. Die Illusion ist vollkommen, in der Mitte der mandelförmigen Augen ist eine graugrünliche Iris und eine schwarze Pupille. Der Schmetterling verharrt regungslos, wie ein schöner, geheimnisvoller Gegenstand, wie ein feines, unwirkliches Schmuckstück. Ihr kommt es so vor, als ob seine Flügelspitzen bebten. Die kleine Ida schiebt vorsichtig ihre Hand unter ihn und legt ihn in deren Mitte, da, wo sich die Papillarlinien kreuzen, wo die vertikale Schicksalslinie die Herzlinie und gleich daneben die Lebenslinie durchschneidet. Ida spielt manchmal mit ihrer Mutter Wahrsagen aus der Hand, daher weiß sie das. Sie schließt die Augen und stellt sich vor, dass Leben spendende Schwaden aus der Mitte ihrer Hand strömen. Der Schmetterling ist ganz in sie getaucht, die Schwaden waschen den Winter und den Staub von ihm ab, beleben ihn wieder. Ihre Aufregung steigt, bis sie schließlich eine Bewegung spürt, ein leichtes, nervöses Zittern, und als sie die Augen öffnet, sieht sie, dass sich die Flügel tatsächlich bewegen, sich noch weiter ausstrecken, die ganze Breite umfassen wollen. Der Schmetterling beginnt, unbeholfen über ihre Hand zu spazieren, trippelt vor und zurück, dreht sich auf seiner Landebahn im Kreis. Ida bewegt sich vorsichtig, hält den Atem an. Sie öffnet das Fenster und streckt ihre Hand mit dem Schmetterling aus. Frische Luft, ein leichter Windhauch strömt herein. Der Schmetterling lebt auf, spürt die sonnendurchflutete Weite und die Wärme des Tages, beginnt mit den Flügeln zu flattern. Idas Herz pocht, sie hält den Atem an. Die Augen klettern ihren Mittelfinger hinauf und prüfen einen Augenblick lang die Streifen der Luft, wie ein Paraglider, der auf einen günstigen Moment wartet, um zu starten. „Flieg, flieg“, sagt sie zu ihm, aber er sträubt sich, seine Flügel surren, mit seinen dünnen Beinchen klammert er sich noch an die Haut des Fingers, trotzig. Schließlich löst er sich unwillig, zögerlich von seiner Rampe und fliegt los, sackt zuerst ab, schwebt aber sogleich nach oben – Ida sieht ihn auf der Höhe der Dachkante – er zieht dort ein paar Kreise und fliegt dann in Richtung Schornstein davon. Das kleine Mädchen bemerkt aus den Augenwinkeln von links einen kleinen Schatten. Alles geht sehr schnell. Ein brauner Vogel von der Größe eines Sperlings, mit orangefarbenem Schwänzchen, nähert sich dem von seinem Flug berauschten Schmetterling und schnappt ihn sich ganz weich, als ob er ein vom Wind davongewehter Fetzen Papier wäre. Er verschwindet hinter dem Haus.
Sie steht da, verblüfft, die Hand in den Wind gestreckt.

Aus dem Polnischen von Marlis Lami