AUS DEM KOPF

Der Titel des neuen Buches des Prosaisten und Dramatikers Janusz Głowacki ist vieldeutig, doch er gibt den Inhalt ausgezeichnet wieder. Der Autor spricht „aus dem Kopf”, ohne ein vorgefertigtes Konzept, aus dem Gedächtnis, vor allem über sich selbst, also über den Kopf (so nennen ihn seine Freunde auf polnisch: „Głowa”), um endlich den Kopf frei von der eigenen Biographie zu bekommen. Głowacki erinnert sich an sich selbst und an jene, die ihm mehr oder weniger nahe standen, scheinbar chaotisch, voller Anekdoten, und doch sind die kurzen Geschichten, aus denen sich das Buch zusammensetzt, sorgfältig konstruiert, mit präzisem Rhythmus und klaren Pointen. Głowacki geht es jedoch nicht nur darum, die Geschichte seines eigenen bewegten Lebens zu erzählen. Aus dem Kopf ist auch ein Buch über die absurde Realität der Volksrepublik Polen und über die Licht- und Schattenseiten der Emigration (Głowacki wanderte in den 80-er Jahren in die USA aus), über die Erfolgreichen und – häufiger – über die Verlierer (zum Beispiel Jerzy Kosiński). Der Autor schreibt über sich und andere voller Witz, doch gleichzeitig auch klar, kompromisslos und ohne Illusionen. Sein Stil ist voller Ironie, auch gegenüber sich selbst. Manchen Lesern mag Głowackis Buch zynisch erscheinen, ich persönlich halte es einfach für schonungslos ehrlich.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Am Abend des 18. Dezember 1981 drängte ich mich durch Scharen von Pilzen, Engeln, Weihnachtsmännern und Zwergen zu meinem Auftritt in der meistgesehenen Weihnachtssendung im englischen Fernsehen. Das klingt nicht schlecht und es hätte auch gar nichts daran auszusetzen gegeben, wären da nicht die besonderen Umstände gewesen.
Zehn Tage zuvor hatte ich in meiner Wohnung auf der Bednarski-Straße in Warschau meinen verzierten Schweinsledergürtel um meine schwarzen Ausgehhosen aus feinstem Struck geschlungen, meine Schuhe blank geputzt, so dass sie nach was aussahen, und mich, getrieben von der Gier nach Reichtum und Ruhm, nach London aufgemacht, zur Premiere meines Stückes Cinders, Aschenkinder, im Royal Court Theatre. Hinter mir ließ ich Streiks, Verhandlungen, Gummiknüppel und ein allem Eindruck nach schon stark ins Wanken geratenes kommunistisches Regime, aber auch meine Mutter, meine zweieinhalb Jahre alte Tochter Zuzia, der ich versprochen hatte, eine Puppe aus London mitzubringen, sowie meine damalige Verlobte und spätere Ehefrau Ewa Zadrzyńska, die sich keine Illusionen über das sittliche Niveau dieser Geschichte macht und sich deshalb ausgebeten hat, dass ihr Name in diesem Buch kein einziges Mal auftauchen wird. Ich habe es ihr versprochen, jedoch ohne mein Wort zu halten, was übrigens auf die Mehrzahl der Versprechen zutrifft, die ich ihr und anderen Frauen gegeben habe.
Selbstverständlich hatte keiner meiner Warschauer Freunde, denen ich voller Stolz verkündet hatte, dass eines der besten Londoner Theater mein Stück aufführen werde, mir auch nur einen Augenblick lang geglaubt. Sicher, sie hatten höflich genickt und mir gratuliert, sich jedoch hinter meinem Rücken viel sagende Blicke zugeworfen. Da ich ein Rückflugticket für den 22. Dezember hatte, nahm ich nur einen leeren Koffer für Geschenke, ein Paar Jeans, zwei Hemden und fünfundzwanzig Pfund in bar mit.
Zu Beginn schien es, als käme ich damit genau hin.
Ich wohnte umsonst im Holiday Inn Hotel und hatte sogar noch zusätzliche Einkünfte, da man mich für meine Besuche bei den Proben – anders als in Polen, wo man Autoren nur widerwillig ins Theater lässt – bezahlte. Die Schauspieler waren tadellos, der Regisseur Danny Boyle, der aus Trainspotting, auch. Bereits nach der ersten Probe war ich überzeugt, dass Cinders, anders als Aschenkinder, nach dessen polnischer Aufführung ich mir geschworen hatte, nie wieder für das Theater zu schreiben, ein richtig gutes Stück war. Und die drei polnischen Konsuln in London, Herr Kopa, Herr Słomka und Herr Mucha hatten sogar im Theater anrufen lassen und sich für die Premierenfeier angekündigt. Ich fühlte mich geschmeichelt, denn bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich nur einen einzigen polnischen Diplomaten (und zudem einen ehemaligen), nämlich den Konsul in Glasgow. Seine schwache Seite war ein völliger Mangel an Fremdsprachenkenntnissen. Seine starke eine gut aussehende Ehefrau, eine Schauspielerin. Ihretwegen verbrachte der Herr Konsul seine Urlaube im Warschauer SPATiF, dem Restaurant des polnischen Schauspielerverbandes, und nach ein paar Schnäpsen war er gerne bereit seine Zuhörer am diplomatischen Leben teilhaben zu lassen. Der Job – sagte er – sei im Grunde ganz angenehm, nur leider komme alle naselang irgendein Engländer angewackelt und wolle irgendwas von ihm. Das wäre ja auch gar nicht so schlimm, wenn er wenigstens verstehen könnte, was der Mann da erzählte.
Abends nach den Proben ging ich mit den Schauspielern auf ein Guinness in eine der Kneipen auf dem Sloan Square. Jaruzelski und Breschnew, Wałęsa, Kuroń und Michnik waren immer weiter weg, ich war mächtig stolz und wartete geduldig auf die Premiere.
Doch am 13. Dezember, genau an dem Tag, als meine damalige Verlobte Ewa in die 8-Uhr-Maschine steigen, London besichtigen, sich etwas zum Anziehen kaufen und an der Premierenfeier teilnehmen sollte, weckte mich um sieben Uhr morgens das Telefon. Nina Smolar, eine Freundin von mir, rief an um mir mitzuteilen, dass General Jaruzelski das Kriegsrecht verhängt hatte. Sie fügte hinzu, dass sie das erste Flugzeug ja vielleicht noch starten ließen und in diesem Fall solle ich Ewa sofort zur BBC bringen, wo Ninas Mann Gieno Smolar Leiter der polnischen Sektion war.
– Ist gut – antwortete ich mit einer vom Guinness der letzten Nacht verzögerten Reaktion. Erst nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, setzte ich mich starr, wie ein Vampir in einem Werner-Herzog-Film, auf das Bett.
Sie ließen das erste Flugzeug nicht starten. Und ich verwandelte mich dank der Aktion General Jaruzelskis und dem Leid des polnischen Volkes schlagartig von einem unbekannten Provinzschriftsteller zu einer absoluten Berühmtheit.
Die Herren Konsuln Słomka, Kopa und Mucha kamen nun zwar nicht mehr zur Premiere, dafür spielten sich auf dem Platz vor dem Theater tumultartige Szenen ab. Die Journalisten standen Schlange und die Rezensionen betonten einmütig den antitotalitären Charakter und den düsteren, kafkaesken Humor von Aschenkinder.
Und aus eben diesem Grund durchschritt ich am 18. Dezember einen großzügigen, mit Teppichen ausgelegten und mit Bildern behängten Korridor und bahnte mir meinen Weg durch Pilze, Engel, Zwerge und Weihnachtsmänner um in der meistgesehenen Weihnachtssendung des englischen Fernsehens aufzutreten. Am Revers meines Jacketts aus der Barbara-Hoff-Kollektion im Kaufhaus Junior hatte ich ein „Solidarność”-Abzeichen befestigt. Ich wurde abwechselnd schneller und langsamer und schämte mich fürchterlich für die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Sie lauteten ungefähr so: Welcher Teufel hat dich geritten hier aufzutreten? Gut, sie zahlen in Pfund, aber so viel ist es nun auch wieder nicht und der Prestigegewinn ist schnell wieder dahin. Und wenn ich sage, was ich wirklich über den Kriegzustand denke, dann sieht meine kleine Tochter die Puppe, die ich ihr versprochen habe, ihr Leben lang nicht. Gut, man könnte vor der Kamera beteuern, dass einen die Politik nicht interessiere, dass es einem nur um die Kunst gehe. Aber das wäre dann doch furchtbar peinlich. Und wie könnte ich nach so etwas noch jenem Patrioten ins Gesicht sehen, der auf mich eingeredet hatte, ich solle einen Lastwagen mit Waffen für die „Solidarność” über die Grenze bringen. Er würde mir doch, obwohl er selbst für die Staatssicherheit arbeitet, vor allen Leuten ins Gesicht spucken. Und überhaupt, wer hat eigentlich dem vom Fernsehen meine Nummer gegeben. Bestimmt irgendein missgünstiger Pole, der mich fertig machen wollte. Und noch ein Problem: wie soll ich mit meinem miesen Akzent vom tragischen Schicksal meines Volkes berichten? Und wenn mir nun, gottbewahre, ein grammatischer Fehler unterläuft?
Dies waren meine Gedanken, als ich durch den Korridor schritt, angeschoben von einer hübschen englischen Schauspielerin und seit kurzem Dolmetscherin, für die ich in diesem Augenblick dennoch keinerlei Sympathie empfand, denn schließlich hatte sie mir das alles eingebrockt.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau.