NICHTS

Bieńkowski ist einer der eindringlichsten Beobachter der verworrenen Schicksale heutiger Polen. In seinem Debütroman Ist beschrieb er junge Menschen, die während des Kriegszustands, zu Beginn der 80er Jahre, aufwuchsen. In Nichts stellt der Autor – im Spiel mit dem klassischen Modell des realistischen Romans – die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen im Polen der 90er Jahre und zu Beginn des neuen Jahrhunderts dar. Bieńkowskis vielsträngiger Roman fügt sich aus der erlebten Rede mehrerer Figuren zusammen, die mit Erzählerkommentaren durchsetzt ist. Der Schriftsteller schuf so eine Galerie von Helden, die verschiedene Generationen, Milieus und Geisteshaltungen vertreten. Zu ihnen gehören Mitarbeiter der französischen Fastfood-Kette Positive, aber auch Musiker und ein Dichter aus der Warschauer Bohème. Die Haupthandlung des Romans Nichts zeichnet die Entwicklung des Positive-Imperiums in Polen nach. Bieńkowski porträtiert einen Kapitalismus mit unmenschlichem Antlitz, richtet die Aufmerksamkeit vor allem auf die Schicksale der Menschen, die zu willenlosen Rädchen in der Konzernmaschinerie werden, die einzig und allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Nichts ist jedoch nicht nur eine Anklage der großen Konzerne. Der Schriftsteller führt vor, bis zu welchem Grade der Übergang, bei dem die polnischen Gesellschaft nach 1989 durch die Mangel gedreht wurde, Menschen vernichtet, sie zur stufenweisen Preisgabe ihrer Träume und Ideale zwingt. Letztendlich bleibt ihnen einzig ein großes NICHTS, innere Leere, Abgestumpftheit gegenüber sich selbst, anderen und der Welt insgesamt.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Ein paar Worte für den Anfang.

Der Ort, an dem die nachfolgende Geschichte spielt, ist ein Land mitten im Mitteleuropäischen Tiefland, einer ausgedehnten Ebene, die sich von Paris bis an den Ural erstreckt. Über diese tischglatte Ebene zogen wieder und wieder große Armeen. Jegliches Militär konnte sich hier bewegen, ohne auf größere natürliche Hindernisse zu stoßen, so marschierten sie mal in diese, mal in jene Richtung und hinterließen Schutt, Asche und Leichen.

Die Zeit, in der unser Roman spielt, sind die Jahre, die gerademal ein knappes halbes Jahrhundert von besonders intensiven Militärmärschen durch jenes Tiefland entfernt liegen. Große Armeen waren in den Osten gezogen, dann wieder in den Westen und hatten eine Verwüstung hinterlassen, die sogar die auf dieser an Verheerungen gewöhnten Erde seit vielen Jahrhunderten nicht ihresgleichen fand. Obwohl das erst vor so kurzer Zeit geschehen war, verwischte sich die Erinnerung an jene Ereignisse immer stärker. Man konnte doch nicht unablässig gegen den Gedanken ankämpfen, dass ein Leben in der Ebene niemals von Dauer und niemals sicher sein würde.

Und wenn wir jetzt bereits ansetzen, den Wechselfällen der Schicksale unserer Helden zu folgen, sehen wir, dass sie von ihren kleinen Wünschen, angenehmen Leidenschaften vollkommen in Anspruch genommen sind und die Frage, von welcher Seite sie dieses Mal kommen werden, von sich weg schieben.

Vergessen wir auch nicht, dass wir in einem besonderen Moment beginnen, ihnen verstohlen zuzuschauen. Denn ringsum hatte sich ein großer Wandel vollzogen. Es hat sogar den Anschein, dass das Land, in dem sie leben, nach eigener Fasson leben können werde, und das war so gekommen, obwohl sie keine Uniformen angelegt hatten, keine Waffen repetiert. Die Geschichte hatte sich dieses Mal diesem Ort als außergewöhnlich gnädig erwiesen.

Wir befinden uns in Warschau, der Hauptstadt Polens, einer durchschnittlich großen Stadt, die mehr oder weniger auf halbem Weg zwischen Moskau und Paris liegt. Gleich werden wir zwei Männer kennen lernen, die noch nichts voneinander wissen. Wir sehen einen zwanzigjährigen jungen Mann mit dunkelblondem, dichtem Haar. Er hat ein Gesicht mit scharfen Zügen, hervortretenden Wangenknochen, eine hervorspringende Nase, ist nicht ganz 1,70 Meter groß. Aber durch sein ganzes Wesen, seine schlichte, geschmeidige Silhouette und seine entschiedenen Bewegungen, zeigt er, dass er bedeutend größer war. Und immer mehr Menschen werden das so sehen, und wie bekannt, ergeht es den größeren im Leben besser.

Der zweite Mann ist gerade dreißig Jahre alt geworden. Er ist dunkelhaarig, hat eine hohe Stirn. In seinem schwarzen Haar zeichnet sich jeder Anflug von Grau sehr deutlich ab. Er stellte das vor über einem Jahr voller Entsetzen beim Rasieren fest. Er hat damals beschlossen, dass sich etwas in seinem Leben ändern muss, dass es höchste Zeit sei. Er ließ sich einen Bart stehen, den er jetzt jeden Morgen voller Unruhe nach den Anzeichen fortschreitender Ergrauung absucht. Sich selbst gesteht er sich jedoch nicht ein, wie sehr dieses erste Zeichen des Alters ihn erschüttert hat und welchen Einfluss es auf wichtige Entscheidungen besaß, die er unlängst traf.

Standards

„Ja, ganz sicher, einundvierzig”. Ach, mein kleiner Euzebiusz, wie schnell du lernst, nur noch ein paar Tage, und du wirfst ohne die geringsten Schwierigkeiten einen Blick auf den Fuß und weißt die Größe. „Ja, du kannst ihn anprobieren, aber stell dich damit nicht auf den Asphalt, hier liegt ein Karton.“ Das versteht einer nicht mit dem zweiten, dann kommt der nächste, sieht sich den Schuh von allen Seiten an, ob er nicht doch gebraucht ist oder sieht einen winzigen Fehler und überschlägt sofort, wie viel er hier runterhandeln kann, macht Druck, dass ich ihn die Schuhe billiger abschleppen lasse. Scheiße, abschleppen lassen kann ich mich selbst... Am liebsten wollen sie gleich 100 Złoty runter.... Aber sie wissen ja gar nicht, dass der kleine Euzebiusz jeden Groschen zählen muss. Marek, ein noch schlimmerer Halsabschneider, gibt mir für das Paar gerademal einen Zehner, meine Preisnachlässe scheren ihn einen Dreck. „Das geht jetzt auf dein Konto“, zuckt er die Achseln und streckt seinen Wanst raus, und der kleine Euzebiusz muss schnell überlegen, ob es sich lohnt, nicht nachzulassen und nicht zu verkaufen und keinen Verdienst zu haben oder doch nachzulassen und weniger zu haben, aber doch wenigstens ein bisschen. „Mensch, das kann ich nicht, versteh das doch, was habe ich dann davon, wenn ich zwei Blaue runtergehe, wie soll ich da auf mein Geld kommen.“ Alle würden einen gerne übers Ohr hauen. „Na, so ist das Leben, das ist mein letzter Preis.“ „Ach, fick dich ins Knie. Wenn du nochmal vorbeikommst, dann siehst du, dass es im ganzen Stadion keine billigeren und schöneren Schuhe gibt.“

Und hier hat der fette kleine Marek, das musste man ihm lassen, wirklich den Dreh raus... Er hatte einen Großhandel ausfindig gemacht, da beißt die Maus kein Faden ab, so einen prima Deal gemacht, dass niemand im ganzen Stadion einen besseren Preis hat. Und er hält das, Scheißdreck, geheim, fährt selbst hin, packt in seinen Fiatwinzling, was nur reingeht... Er will nicht, dass ihm jemand den Kontakt vor der Nase einsackt, und der kleine Euzebiusz versteht das auch...

Aber denk doch, Euzebiusz, genau dich hat Marek, was gibt es hier drumrumzureden, lieb gewonnen, dir hat er vertraut, dich hat er angestellt... Euzebiusz weiß, wie man mit Leuten reden muss... und er weiß vor allem, mit welchen Leuten man reden muss... Denn wir aus unserem Städtchen, wir müssen zusammenhalten, sonst frisst uns dieses beschissene Warschau alle auf... Und als nur der Gedanke aufkam, das elende Loch zu verlassen, hat sich sofort Marek gefunden und Jerzy und die Jungs von der Bude, und irgendwie läuft das jetzt alles.

Denn der kleine Euzebiusz war in der Penne immer mit den Älteren auf Achse... ! Marek hatte, ale er, Scheibenkleister, noch nicht fett war, Euzebiusz immer einen Fünfer rüberwachsen lassen, und überhaupt... Kippen hatten sie zusammen auf dem Klo geraucht, und Marek war damals doch schon in der Abiklasse, und der kleine Euzebiusz war gerade erst an die Schule gekommen... Für ein paar Jährchen waren die Kontakte abgerissen, aber dann so ein Volltreffer, in der Siedlung vor dem Laden. Marek hatte sich verändert, kann man nicht anders sagen, aber Euzebiusz hatte er sofort wiedererkannt. Und ein Wort gibt das andere, Euzebiusz bekam einen ordentlichen Job... der Verkauf läuft, was soll er auch nicht laufen, wenn Euzebiusz ihn macht, und heute endlich rechnen wir mit dem Fetten ab, denn der Fette sagt, Lohn gibt es alle zwei Wochen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier