LUBIEWO

Lubiewo ist ein hervorragend geschriebener, ungewöhnlicher Schwulenroman. Er lässt sich auf vielerlei Art lesen, aber für die Mehrheit der Leser scheint der Erkenntniswert des Werks im Vordergrund zu stehen. Michał Witkowski enthüllt eine bislang nicht beschriebene Welt: eine Art Schwulensubkultur. Der Schriftsteller bricht radikal mit political correctness und der Ästhetik der Sublimierung, wie sie für die homoerotische polnische Prosa des 20. Jahrhunderts so charakteristisch waren. Witkowski möchte, dass das Andere homosexuellen Verlangens ein Anderes bleibt. Ohne Schönfärberei und Veredelung. Daher die extreme Vulgarität dieses Werks, sein provokativer Charakter. Lubiewo muss jedoch nicht als skandalumwitterte Reportage gelesen werden. Der künstlerische Gehalt dieses Romans bewirkt, dass man in ihm schlicht einen lesenswerten modernen Roman sehen kann – stellenweise unterhaltsam, mit Gefallen am Getue, geistreich, voller fantastischer Beobachtungen (nicht nur gesellschaftlicher Art). Auf der Ebene der Erzählhandlung verhält es sich wie folgt: Der Protagonist und übergeordnete Erzähler in einem lauscht den Erzählungen alter Breslauer Schwuler, die mit ihren Liebeseroberungen großtun. Im zweiten Teil des Romans kommt es an dem Ostseestrand des Buchtitels Lubiewo zum Aufeinandertreffen und zur Konfrontation der Haltungen moderner und emanzipierter Schwuler mit denjenigen, die immer noch eine Sadomasoliebe in der Klappe (in der Gosse) praktizieren. In diesem Roman spielt sich nämlich ein öffentlich nie thematisierter Konflikt ab, der tiefe Riss, der das Schwulenmilieu durchzieht. Auf der einen Seite die Schwulen der Mittelklasse, Anhänger homosexueller Ehen, die gegen homophobe Tendenzen zu Felde ziehen, auf der anderen Seite diejenigen, die die Normen nicht akzeptieren wollen, die die heterosexuelle Mehrheit für sich entworfen hat. Diese Spannung ist die Antriebskraft des geistreichen Romans von Michał Witkowski.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Sie sprechen voneinander in femininen grammatischen Formen, geben vor, Frauen zu sein, bis noch vor kurzem haben sie im Park, an der Oper und auf dem Bahnhof Männer aufgerissen. Es ist nicht klar, wie viel Wahres dran ist, wie viel Subkultur und wie viel gewöhnliche Scherze. Eines ist sicher – sie sind Teil der beträchtlichen Gruppe von Menschen, die sexsüchtig sind. Welch ein Geschick sie bei der Anmache beweisen! Sogar jetzt noch, in Rente, mit diesen Bäuchlein, brächten sie gar manches zustande. Keiner von ihnen wusste etwas von Schönheitsoperationen, auch nicht von den Möglichkeiten, das Geschlecht zu wechseln. Es reichte das Winkewinke mit gewöhnlichen schwarzen Taschen, die sie Täschchen nannten. Denn sie kleiden sich in das, was sie haben – ein Extrakt der Durchschnittlichkeit aus der VRP. Es reicht ein anderes Halten der Zigarette, das Fehlen des Schnurrbarts, und all die Worte. Denn in den Worten steckt ihre Kraft. Sie haben nichts, alles müssen sie hinzulügen, hinzudenken, hinzureimen. Heute kann man all das kaufen: Geschlecht, Augenfarbe, Haare... Es gibt keinen Raum mehr für Phantasien. Deshalb ziehen sie es vor, arm zu sein und sich „zu unterhalten“.
„Aber nicht doch, meine Teure!” – jetzt kapriziert sich Patrycja und reicht den Tee in einem schartigen Glas. Ja, in einem alten, obskuren Glas, doch auf einem Tablett und mit Serviette. Formen, Formen sind am wichtigsten. Und Worte.
„Aber nicht doch! Das ist lange, lange her, das Ärschel ist welk, wo ist schon der Schnee von gestern? Gott, eine Verrückte, eine wahnwitzige Frau, lass mich! Schon der alte Villon sagte zurecht: Nimm nur Jungs! Und die haben wir genommen.“
„Sich-Kaprizieren" heißt das Frau-Vorgeben – so wie sie sie sich vorstellen – Winkewinke, piepsiges Stimmchen, „Aber nicht doch”-Sagen und „Ach Göttchen, meine Götterspeise”. Oder auf einen Kerl zugehen, ihn unters Kinn fassen und sagen:
„Das Köpfchen,Grünschnäbelchen, halt höher, wenn du mit mir sprichst”. Sie wollen gar keine Frauen sein, sie wollen kapriziöse Kerle sein. So fühlen sie sich wohl, das war ihre Art, ein ganzes Leben zu verbringen.
Weibchen-Spielen. Eine echte Frau sein, das dann auch wieder nicht – das Spiel erregt, und die Erfüllung ist, wie Erfüllung eben ist. Doch in ihrer Sprache existieren keine Erfüllungen. Sie kennen nur Ausdrücke wie „Hunger“, „Unerfülltheit”, „kalter Abend”, „Wind” und „Komm”. Den unablässigen Aufenthalt in der Creme des Abschaums, zwischen dem Bahnhof, der armseligsten Arbeit, und dem Park, in dem die Klappe stand. Man kann sogar sagen, sie war ihre verschissene Mitte der Welt.
Es stellt sich heraus, dass jemand den Boden speziell für sie mit Sägespänen und Lumpen gepolstert hatte. Gar nicht bequem.
Man hatte immer genug für eine Dosensuppe, der Sozialismus kam ihnen gerade recht, Hungrige und Obdachlose gab es nicht, eine Frau braucht nicht viel. Jetzt baut man in ihrem Park eine große Ladengalerie, hebt ihre ganze Vergangenheit aus, also will Patrycja eine Verfügung erwirken. Aber nur im Spaß. Einem immer bittreren und traurigeren, denn:
„Was, ja was soll ich Opine denn ausrichten? Mit dem Knüppel gegen das Großkapital? Mit dem Täschchen über den Schädel? Ja, und was sage ich ihnen denn, dass das eine Gedenkstätte ist? Geh jetzt besser, Lukrecja, hol einen Aschenbecher, der werte Herr weiß sonst nicht, wo er pudern (hihi!), die Aaaaaaaasche hinpudern soll!
Patrycja entdeckt unversehens, dass sie sich selbst „Opine” genannt hat, und freut sich sehr über diesen neuen Scherz. In dem irgendwo tief unten im Bodensatz ein Tropfen Erniedrigung steckt. Patrycja möchte ihn gerade trinken, indem sie ihn ausleckt wie einen Tropfen Eiercognac vom Boden eines Glases. Heute abend.
„Ich gehe schön in den Park, erst kaufe ich mir Zigarettchen, das geht schon seit Jahren so, es ist gut, der Gesundheit schadets nicht. Und da treffe ich einen Bekannten aus alten Tagen, der sich im Leben hocharbeitet, Geschäfte macht. Und nichts. Er sieht mich an wie die letzte Nutte, als ginge ich am Bahnhof in der Gwarna auf Anschaffe. Tu ich ja doch auch. Für dich bin ich keine gewöhnliche Nutte... Und ich hör mir an, womit er mir so das Ohr abkaut, aber irgendwie betrifft mich das alles so schnuckelig überhaupt nicht, denn es geht um Raten, ich bitte dich. Raten hat er, die Arbeit verliert er. Da denke ich mir, Raten fehlen mir gerade noch zu meinem Glück. So eine philosophische Reflexion hat mich da inspiriert, und Łucja Kąpielowa, der ich mich anvertraut habe, hat es bestätigt. Dass wir hier so für uns in der Creme des Abschaums leben wie im Paradies. Nichts droht uns mehr – Lukrecja räkelt sich träge – und da hat man den Sinn des Lebens”, leckt sie lüstern.
Ich sitze an einem wackelnden Tisch in ihrer alten Wohnung, in der Küche. Nichts hat sich hier seit den Zeiten der Kommune geändert, überall goldene taiwanesische Uhren vom Schwarzmarkt, Barometer vom Schwarzmarkt, glitzernde Figürchen vom Schwarzmarkt, alles von den Russen. Sogar ihre Sprache ist voller Russizismen: „Bei ihm tott in der Hosse...”
Sie nagen am Hungertuch, über dem Waschbrett trocknet auf einer Leine die Wäsche. Männerschlüpfer, aber schwarz, billigste gestopfte Strümpfe, aber schwarz, schwarz – denn erstens sind sie possierlich, zweitens herrscht in diesem Hause Trauer. Seit über zehn Jahren.
Lukrecja nimmt die Pose einer alten Gräfin an, der Kriegswirren ihr ganzes Vermögen genommen haben, legt ein Bein über das andere (zwischen Strumpf und braunem Hosenbein mit Bügelfalte lugt eine weiße, von einer Venentätowierung gezeichnete Wade heraus), zündet sich eine Zigarette an, hält den Rauch einen Augenblick lang, schließlich pustet sie ihn in inniger Versonnenheit damenhaft ganz weit von sich weg. Sie legen ihre geliebte Anna German auf. […]
Sie reichen übersüßten, lauwarmen Tee. Die Wohnung ist eingerichtet wie das Wartezimmer einer Poliklinik – man sieht, wie wenig Menschen zum Überleben brauchen, wenn sie das „wahre Leben“ anderswo leben, wenn ihre Wohnung nur der Wartesaal ist, in dem man die Zeit zwischen den nächtlichen Fischzügen zubringt. Die Wände sind bis auf halbe Höhe mit gelber Ölfarbe gestrichen – auf dem Fensterbrett dreckige, weiße Plastikübertöpfe mit banalen Gräsern und Glücksbäumchen, die unlängst vertrocknet sind. Ich warte, bis die beiden Damen (Herren?) sich endlich zum Rauchen hinsetzen. Bis sie nicht mehr herumwirbeln. Aber wenn der eine endlich sitzt, empfindet der andere das dringende Bedürfnis, sich Deo unter die Achseln zu sprühen und vor dem geborstenen Spiegelchen zu kämmen. Zu allem Überdruss brodelt in der Küche etwas, und Lukrecja macht sich daran, die Blumen mit Wasser aus einer Milchflasche zu gießen. Wo haben sie denn die noch aufgetrieben? Na, und die ganze Zeit korrigieren sie ihr Aussehen, die Frisur. Schließlich haben in einem Trauerhaus Gäste Seltenheitswert.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier