DIE PERFEKTE UNVOLLKOMMENHEIT

Es ist das 29. Jahrhundert, und in unserer Galaxie ist alles anders geworden. Zuallererst hat sich die innergalaktische Hierarchie verschoben: Der Mensch hat Wesen über sich, die zwar aus der menschlichen Spezies hervorgegangen sind, aber vollkommener und mächtiger sind als der Mensch. Zweitens sind die höher stehenden Wesen fast unsterblich, da sie sich der „Manifestationen” bedienen können, das sind (annäherungsweise) biologische, nanomatische und virtuelle Verkörperungen, die ihnen unerschöpfliche existentielle Möglichkeiten eröffnen. Drittens stellen Weltraumfahrten keinerlei Problem mehr da, da der Raum einer nichtgravitativen Modellierung unterliegt. Viertens ruht die Macht in den Händen der Wesen, die mit der höchsten Intelligenz gesegnet sind. Kurzum – das vollkommene Weltall? „Perfekt unvollkommen“, antwortet Dukaj. Diese Welt wurde erschaffen vom menschlichen Streben nach Sicherheit, d.h. einem Dasein frei von der Angst vor dem Tod, vor Krankheiten, Kriegen. Anstelle eines unsterblichen Körpers hat man jedoch eine Vielzahl von Verkörperungen ersonnen, anstelle von Toleranz und gegenseitiger Achtung eine Galaxieregierung, die von den höchsten Intelligenzen ausgeübt wird. Der Verstand erwies sich als treibende Lebenskraft auf der Suche nach Überlegenheit, und Überlegenheit liegt in der biologischen Anpassung. Woher kennen wir das nur? Ja, natürlich. Dukajs Roman sagt dasselbe wie zeitgenössische Philosophen: dass genetische Experimente zur Entstehung „posthumaner” Wesen führen werden. Aber Dukaj sagt auch, dass der Mensch in den kommenden 1000 Jahren in den Genen und logischen Strukturen, die die Grundlage des Verstandes bilden, wühlen müssen wird, denn der Kosmos – so lehrte es schon Papa Darwin – unterliegt dem Gesetz der Evolution: Wer sich nicht anpasst, geht unter. Also formt der Mensch sich selbst um, oder er sinkt auf den Rang eines Sklaven herab. Antiutopischen Charakter hat in Dukajs Roman die Verquickung der Evolution mit Geld und Macht. Kurz gesagt: Die Zukunft gehört den Reichen, die sich Weisheit kaufen können, und den Intelligenten, die die Spitze der evolutionären Funktion erklimmen können. Noch tiefer und weiter wird der Abgrund zwischen einer feudal organisierten Aristokratie und der demokratischen Masse klaffen, die nicht nach dem verlangt, was sie nicht haben kann, sie verlangt jedoch nach dem, was sie als Zukunftskitsch befriedigt. Die Handlung spielt gegen Ende des 3. Jahrtausends, aber wie man sieht, schreibt Dukaj in ihr unsere heutigen Denklinien fort. Auf diese Weise denkt er auch das Problem der Globalisierung weiter, einer Erscheinung, in der wir heute bis über beide Ohren stecken. Der Autor sagt nun, jene kommende Fortsetzung sei die „Kosmologisierung“ – das allmähliche, systematisch durchgeführte Aufkaufen des Weltalls durch die höheren Wesen. Will heißen, die Reicheren und Stärkeren. All das führt dazu, dass man Dukajs Buch als einen Roman lesen kann, der über eine sichtbare Welt in unmittelbarer Nachbarschaft unserer Gegenwart erzählt. Diese Welt bringt Folgendes mit sich: „das Ende des Menschen“, denn sie erschafft ein „auswechselbares“ Wesen, „das Ende der Geographie“, denn sie eröffnet die Möglichkeit, sich schier grenzenlos im Raum zu bewegen, und schließlich „das Ende der Selbsttäuschungen“, denn sie begräbt den Glauben, die Errungenschaften der Zivilisation und die Freiheit seien für alle bestimmt. Bei Dukaj fürchten nur die Mächtigen keine Krankheiten, kein Alter, keine Wunden, keine Attentate, und nur die Mächtigen kennen keinerlei räumliche Schranken. Die neue, fantastische Welt liegt ihnen zu Füßen. Die übrigen spielen Fußball am Strand. Sand und Sonnenuntergang bekommen sie kostenlos. Für den Augenblick noch. Sprich: Es ist das 29. Jahrhundert, und in unserer Galaxie ist alles anders geworden. Und alles ist beim Alten geblieben.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

„Königsfamilien sahen sich immer als einander verwandt an, nur Plebs und armes Gesindel waren Gefangene von Grenzen und Sprachen. Nur weshalb legen sie sich, wenn sie schon hier sind, selbst diese Fesseln an, diese Zivilisation?“ Zamoyskis zigarrebestückte Hand beschrieb einen weiten Bogen, er umschloss mit der Geste das Innere der „Drei Kronen“. „Warum ist das hier so theatralisch?“
„Sie spielen das seit sechshundert Jahren“, lachte Feuer, „wie soll es da sein?“
„Sieht das bei Euch genauso aus? Bei euren Parahaben?”
„Die Parahaben bilden eigene Zivilisationen. Die Dritte Fortschrittszivilisation des Kongresses RKI umfasst einen Teil des zweiten und den Anfang des dritten Tertium. Bisweilen habe ich jedoch die Ehre, im Namen unseres Fortschrittspendants der Großen Loge zu sprechen, und dann repräsentiere ich auch eine Zivilisation, die nur noch meine Animallinguen verstehen. Euer Fortschritt ist in dieser Hinsicht außergewöhnlich. Wozu in einem Mechanismus wühlen, der so tadellos funktioniert? Ihr habt eine außergewöhnliche Zivilisation. Vielleicht ist gerade dies erforderlich, um eine ähnliche Ausdehnung auf der Großen Kurve überhaupt auszuhalten – ein Anflug Theatralität, Übertreibung, Kitsch und Selbstdistanz? Ironie garantiert ein langes Leben.“
„Weil du, mein lieber Prahabe, das Ganze als Mechanismus betrachtest. Aber für mich ist eine Kultur, die sich nicht entwickeln kann, tot. Es kann kein Glück geben in der Stagnation.“
Der Botschafter zuckte seine breiten Schultern.
„Ach ja! Liegt denn das Glück in der Veränderung? Schließlich weißt du, lieber Stahos: Alles strebt auf natürliche Weise der UI entgegen. Weißt du, was der Tod ist: das Daseinsende einer Struktur, die über ihre Identität bestimmt – mit der Folge des Zerfalls oder der Umformung in eine andere Gestalt. Es gibt keine Regeln, die stärker wären, als die Gesetze des Fortschritts, das sind die allem zugrunde liegenden Prinzipien, deren Wurzeln tiefer greifen als die Gesetze der Physik. Jede Kultur, Gesellschaft, Gattung, die unter Konkurrenzdruck steht, vervollkommnet sich unter festen Bedingungen im Weltall unaufhaltsam und schreitet die Große Kurve hinauf zur UI empor. Von schlechter angepassten Formen hin zu besser angepassten, erstere sterben demnach. Der Fortschritt ist seinem Wesen nach die Geschichte der Vernichtung aufeinanderfolgender Realisierungen des Phren. Die Große Kurve ist eine Friedhofskarte der Kulturen. Jede Kultur balanciert auf Messers Schneide, wird zum Opfer der sie zerreißenden konservativen und progressiven Kräfte. Wenn die progressive überwiegt, geht die Identität verloren – und das bedeutet den Tod. Wenn die konservative überwiegt, dann ändert sich bis ans Ende nichts, wenn dann andere, besser angepasste Kulturen jene zermalmen – und auch das bedeutet den Tod. Der Unterschied entsteht im Augenblick einer so starken Beschleunigung der Reise auf der Großen Kurve, dass die obengenannten Zusammenhänge als feste, statische Gesetze wahrgenommen werden, man formuliert ein Modell – wie es bei Euch Alphonse Remy formuliert hat – und unternimmt in seiner Kenntnis Handlungen, die darauf abzielen, zugleich die Identität zu wahren und sich vor den Kulturen aus den oberen Bereichen der Großen Kurve zu schützen – denn dann besteht bereits das Bewusstsein einer Bedrohung. Und so entstehen die Zivilisationen. Zumindest ist es so in den Vier Fortschritten gewesen. Natürlich ist das auch keine endgültige Lösung, aber...“
„Und die Deformanten? Auf den öffentlichen Feldern finden sich Muster, die gegenläufige Fortschritte beschreiben.“
„Ideologiegesabber. Die Deformation entsteht fürgewöhnlich als Aufstand gegen die Zivilisation. Das ist auch eine bestimmte Veränderungslinie, aber selbstverständlich strebt sie nicht der UI entgegen. Sie Fortschritt zu nennen, wäre ein eklatanter Verstoß, denn da sie nicht zur Vollkommenheit strebt, woran wollte man dann ihr Fortschreiten oder ihre Degeneration messen? Ungerichtete Veränderung ist schlicht Deformation. Natürlich wären Deformationen – und auch die Zivilisationen auf der Großen Kurve – unmöglich, wenn das Weltall vollständig bewirtschaftet, der gesamte Raum mit Leben erfüllt wäre. Genau wie auf der Erde bestimmte exzentrische Kulturen Bestand hatten, so lange sie isoliert waren, so lange die Welt sich nicht schloss und die Konkurrenzprinzipien für sie noch nicht galten. Du magst sie „natürliche Deformationen“ nennen. Aber ich weiß, ihr hattet auch später verschiedene Enklaven des Archaismus, die religiös oder politisch begründet waren – bereits bewusste Deformationen, ihrer Fortschrittsflucht bewusst: das chinesische Kaiserreich, im Westen die Amischen, die Kommunismusmuseen auf Kuba oder in Nordkorea, die Taliban, später die Protektorate des Kreuzes oder die Schwarzen Emirate.... Und, was ist aus ihnen geworden?”
„Der christliche Kapitalismus hat sie geschluckt.“
„Sie haben verloren oder sich angepasst. In einer geschlossenen Umwelt gibt es keine Flucht. Wie habt ihr das zu eurer Zeit genannt, lieber Stahos?“
Zamoyski ließ Rauch aus seiner Lunge entweichen.
„Globalisierung.”
„Globalisierung. Die Globalisierung ist gerademal das erste Symptom des fundamentalen, universellen Prozesses der Kosmologisierung. Das Rennen beginnt auf dem Globus, aber letztendlich geht es doch nicht um das Erreichen der Vollkommenen Form einzelner planetarer Kreise, sondern um die Vollkommene Form des Weltalls, aller möglichen Weltalle.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier