DAS WUNDER VON ESFAHAN

Das neue Buch von Andrzej Czcibor-Piotrowski ist die Fortsetzung des vor zwei Jahren erschienenen Romans Unersättliche Dinge, der vom Heranwachsen eines Jungen in den letzten Vorkriegsmonaten des Jahres 1939 und den ersten Jahren des Krieges erzählt, als er zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Kasachstan verbannt wird. Das Wunder von Esfahan ist ein ebenso fazinierender wie suggestiver Roman. Nachdem er Kasachstan verlassen hat, irrt der elfjährige Andrzej als Kriegsvertriebener durch die Welt. Mit anderen Waisenkindern durchwandert er ausgedehnte und fremde, aber gleichzeitig auch bezaubernde Länder. Der Weg führt durch Alma Ata, Sarmakand und Taschkent nach Esfahan, der Märchenstadt, in der sich in jedem Augenblick ein Wunder ereignen kann, und nach tausendundeiner Nacht weiter nach Ägypten und bis ins entfernte Schottland. Die Geschichte der Vertreibung ist zugleich eine lyrische Erzählung über erotische Initiation und erwachende Gefühle. Liebe und Sinnlichkeit werden dem von der Geschichte furchtbar leidgeprüften Kind zum Asyl. Sie schirmen es ab vor dem Alptraum des tobenden Krieges und verleihen seinen dramatischen Erinnerungen eine poetisch-märchenhafte Dimension. In der Erinnerung des Helden von Das Wunder von Esfahan verbinden sich die Ereignisse, Orte und Menschen zu einem wundervollen, faszinierenden Märchen, und das Böse verschmilzt mit der leidenschaftlichen Gier nach Leben. 

AUSZUG

Die Wandlung Von uns gibt es hier einige Dutzend: kahlgeschoren, nackt, wir stehen im gewölbten Refektorium, trauen uns nicht, die Stimme zu heben, auch nicht einmal richtig zu atmen, denn es scheint uns, es würde wie ein Schuß hallen, und mustern uns nur gegenseitig: Noch kennen wir einander nicht, noch wissen wir nicht, wer wer ist, wer wie heißt und woher kommt, obwohl wir alle wissen, von wo wir gerettet wurden, und schon schämen wir uns nicht mehr voreinander, halten nicht mehr die Hände vor unsere ungefiederten Piephähne, aber in mir regt sich merkwürdigerweise Scham, wie ich sie nie zuvor, nicht für eine Sekunde, erlebt hatte, obwohl es ringsum nicht an nackten Mädchen gefehlt hatte, hier jedoch, inmitten lauter Jungen, wird mir mit einem Mal klar, so wie Adam und Eva nach dem Verzehr des verbotenen Apfels im Paradies, daß ich nackt bin, daß ich mich selbst vor Knirpsen wie mir mit etwas bedecken sollte, was mir bis dahin noch nie in den Sinn gekommen ist, ganz im Gegenteil: ich hatte mich immer danach gesehnt, daß man mich und ich die anderen, seien es Mädchen oder Jungen, unverhüllt sehen würde, so wie Gott sie erschaffen hat, aber ich hebe meine Hand nicht, in mir, wie in uns allen, ist Erwartung und Anspannung, die plötzlich auseinanderstiebt, denn da treten vier bärtige Mönche in braunen Kutten ein, händigen jedem von uns ein kleines Stück Seife und ein großes flauschiges Handtuch aus und zeigen uns den Weg zum Waschraum, unter die Duschen, aus denen plötzlich in Strahlen warmes Wasser sprudelt, also legen wir die Handtücher auf den Bänkchen ab und laufen freudig unter die Brause, das Schweigen bröckelt, birst, Stimmen ertönen, zuerst vereinzelte, aber Augenblicke später, beim Waschen, bilden sie Paare: ich seife ihm den Rücken ein, er mir, und schon weiß ich, daß er Albin heißt, er wiederum, daß ich Andrzej bin, wir starren uns an und entdecken in der zufälligen Annäherung etwas außerordentliches, den Vorboten einer Freundschaft, und ich lache, und er lacht, wir bespritzen uns gegenseitig mit Wasser, und tollen herum, denn nun sind wir wieder nichts weiter als noch nicht ganz elf Jahre alte, unbekümmerte Jungen, die niemand zwingt, erwachsen zu sein, und die sich, mit dem Ablegen ihrer alten Kleidung, denen die mehrmonatige Wanderung von den Orten der Verbannung anzusehen ist, für einen Augenblick von den gar so schlimmen Erinnerungen befreit haben, die für kurze Zeit all das vergessen haben, was fast zwei Jahre lang ihr Leben war, dort im Norden, und später im Südosten, in den usbekischen Dörfern, und wir spielen Fangen – erst jagt er mich, dann ich ihn, dabei weichen wir geschickt den Jungs aus, die sich immer noch nicht aneinander gewöhnt haben, unbeweglich, stumm, mißtrauisch unter dem Wasserstrahl verharren, als müßten sie gleich losweinen, wir reißen also die Widerspenstigen und Sich-Widersetzenden mit uns, so daß kurze Zeit später eine lange Schlange über den Steinfußboden des Waschraums flitzt, in die Gesichter kommt Leben und bald darauf singen alle vom Lagefeuer im Wald und vom Wind, der das wehmütige Lied davonträgt, und schon sind wir nicht mehr im Waschraum, sondern in einem Kosakendorf am Rande der ukrainischen Steppe, dann wieder vom Bach, der gemächlich dahinfließt, und vom Mai, der die Heilkräuter sprießen läßt, wir sind frei und ungebunden, aber plötzlich wird mir bewußt, daß ich wieder allein bin, daß ich – wer weiß, ob nicht für immer – meine dritte Mama und meine drei schönen Schwestern verloren habe, sowohl sie, als auch meinen Bruder, ich bin also wieder verwaist und denke: Wie oft werde ich noch die Menschen verlieren, die mir am nähesten stehen, denn sie blieben – noch weiß niemand für wie lange – in der Sowjetunion zurück, ab Krasnowodsk am Kaspischen Meer reiste ich schon ohne sie weiter: im ersten Transport befanden sich nur Soldaten, Militärs und ihre Familien sowie Waisen, aber auch so fanden alle auf dem Schiff Platz,
und ich war nicht mehr das kleine Brüderchen dieser bildhübschen Mädchen, die mich wirklich geliebt hatten, die mir eine Familie sein wollten, ich aber wußte, daß ich das meiner schönen, toten Mama verdankte und betete kurz zu ihr, voller Zuversicht, daß ich erhört , daß ich auch hier eine Mutter haben würde, denn sie, im Himmel, hatte es mir versprochen, und das brachte mich wieder zum Lächeln, und wieder stand ich unter diesem Wolkenbruch, und wir plantschten noch lange, und als wir uns nach dem Duschen abtrockneten, ging ich zu Albin, der mir von Anfang an so sehr gefallen hatte, weil er mich, obwohl ein Kopf kleiner, an Włodek erinnerte, jenen hübschen Ukrainer vom Schulhof in Lemberg, und ich bat ihn, mir zu helfen, da ich hinten nicht überall hinkäme, er aber nahm wortlos das Handtuch und rieb mir behutsam den Rücken trocken, und dann – mir nichts dir nichts – glitten seine Händen über meine rundlichen Hüften und molligen Pobacken und er beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr: „Du hast einen hübschen Po, wie ein Mädchen... genau wie Lidka dort bei uns im Norden...“ und ich drehte mich zu ihm um, langsam, um diese schüchterne Liebkosung nicht allzu jäh zu unterbrechen, die mich plötzlich mit unbegreiflicher Rührung erfüllte, und mein Mund näherte sich seinen Lippen, niemand beachtete uns, und küßte ihn, so wie mich Sara und Ania, und Ludka geküßt hatten, er wich jedoch nicht zurück, und ich zog den Kuß in die Länge, denn wir wußten beide, daß er viel versprach, daß es schon bald geschehen könnte – obwohl es nicht geschehen mußte –, und es war kein Zufall, daß ich mit der Hand seine süße Hülsenfrucht mit den zwei Erbsen umschloß, und als unsere bärtigen Betreuer zurückkommen, um uns in den Schlafraum zu führen, schütteln sie ihre Köpfe und schauen uns an: Sie erkennen uns nicht wieder, das sind schon nicht mehr die gleichen Jungen, obwohl immer noch nackt und kahlgeschoren, und sie flüstern ungläubig: „Ach, diese Polen...“

Aus dem Polnischen von Andreas Volk.