DER GOLDENE PELIKAN

Obwohl der Roman im Danzig der Gegenwart angesiedelt ist, schert sich Stefan Chwin weder um die Realien noch kümmert er sich um die Plausibilität der Handlung. Der goldene Pelikan läßt sich leicht verwechseln mit einem realistischen Sittenroman, der davon erzählt, wie ein angesehener Juradozent zum Bettler wird und mit den finstersten Seiten der Wirklichkeit Bekanntschaft macht. Der Ehrgeiz des Schriftstellers ist jedoch ein viel größerer: Chwin hat ein modernes Gleichnis geschaffen, eine Art Legende, die an die mittelalterliche Geschichte vom Heiligen Alexius angelehnt ist. Jakub, die Hauptfigur der Parabel, ist davon überzeugt, daß ein Mädchen aufgrund eines von ihm verschuldeten Fehlers bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen ist und sich aus Verzweiflung darüber umgebracht hat. Dieses Ereignis, obwohl es nur eine Vermutung des übersensiblen Jakub ist, quält den Helden und verwandelt sein Leben in einen Alptraum. Die Geschichte vom Fall des hoch geschätzten Professors dient nur als narrativer Vorwand, da das Wichtigste in diesem Buch sich auf der diskursiven und reflexiven Ebene abspielt. Chwin interessiert sich nämlich für die moralische Verfassung des zeitgenössischen Menschen. Er geht der Frage nach, was aus der Seele des heutigen Menschen geworden ist, aus seiner Religiosität, seinem Verantwortungsgefühl und Gewissen. Aus diesem Buch ertönt die Stimme des Protests, der ernst genommen werden will, eines Protests, der aufbegehrt gegen eine Welt ohne Gott, Liebe und Empfindsamkeit. Einen derart „scharfen“ Roman hat es in der polnischen Literatur schon lange nicht mehr gegeben. Seine Klinge ist auf die Wirklichkeit gerichtet – keineswegs nur auf die polnische! – in der die „Heiligen Drei Könige namens Guerlain, Kenzo und Lagerfeld“ uns die gute Nachricht überbringen.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Wohltuendes Licht erfüllte die Seele. Endlich! Was für eine Erleichterung nach all diesen Alpträumen!
Er hatte geträumt, daß er gerade zu Miloš Formans Larry Flynt das Filmplakat entworfen hatte – ein hübscher Knabe auf einem nackten Frauenschoß gekreuzigt – und stolz auf sein Werk, lächelnd, sprudelte er wie italienischer Spumante, nahm die Gratulationen der berühmten Schauspielerinnen entgegen, schüttete der freudetrunkenen Janka nagelneue Euro-Scheine in die Hände, als ihm plötzlich eine schlanke Hostess, die wunderschön war wie Pamela Anderson aus Baywatch, ein Schmucktelegramm aushändigte, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß Kardinal Ratzinger höchstselbst bei der Staatsanwaltschaft wegen „Verletzung religiöser Gefühle” gegen ihn Anzeige erstattet habe und von Jakub fordere, daß er sich beim Volk entschuldige. „Die Worte Jesu”, schrieb der Kardinal, „sind oft ungeheuer schroff formuliert und lassen jegliches diplomatisches Gespür vermissen. Indessen ist unserer Zeit die Erfahrung göttlichen Zorns völlig abhanden gekommen, und unter den Christen hat sich allgemein die Überzeugung breitgemacht, daß Gott niemanden verdammen könne. Die These, daß jeder sich selbst nach eigenem Belieben erlösen könne, ist in der Tat eine zynische Betrachtungsweise, die für die Problematik der Wahrheit und des wahrhaftigen Ethos nur Verachtung erkennen läßt.”
Jakub blieb das Herz stehen. Sofort eilte er zum Gericht, lief fünf Treppenstufen auf einmal nehmend in den dritten Stock hinauf, machte eine Aussage, die ihn selbst belastete, er hatte einen Riesenschreck bekommen, denn die Todesstrafe war noch nicht aufgehoben worden, eine gutaussehende Richterin in einem himbeerroten Kostüm verurteilte ihn zum dreimaligen Absingen der Nationalhymne, und nachdem er umgehend die Hymne abgesungen hatte, klagte sie ihn noch wegen eines Werbeplakats an, das er für die Firma Bennetton angefertigt hatte, auf dem sich ein Priester und eine Nonne küssen.
Also keine Hoffnung auf eine Begnadigung durch den Präsidenten!
Jakub brach in Tränen aus. Er war nicht zu trösten. Im Gerichtssaal, der proppenvoll war mit einer bunten Menge, schrie jemand: „Mehr Sex und Freiheit, aber ohne Solidarność!”. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der sich auf dem VIP-Balkon zeigte und „Peace! Freedom!” rief, lud alle zu einer „Präsentation von Süßwaren mit verlängerter Haltbarkeit” ein, als aber ein hagerer Araber mit Turban ihn mit einer Fatwa belegte, begann das Publikum begeistert zu applaudieren. Ein Beifallssturm! Jakub schaute aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite erblickte er Lenin im Polohemd, der ein Drahtwägelchen mit dem Warensortiment eines osteuropäischen Touristen vor sich herschiebend gen Westen ging. Beim Anblick Jakubs grüßte ihn der Führer des sowjetischen Imperiums mit ausgestreckter Hand – wie einen alten Bekannten! Jakub erstarrte vor Schreck. Wie sollte er der Gauck-Behörde jetzt beweisen, daß er nicht für die Stasi gearbeitet hatte?
Aus einer Ecke des Saales schob sich ein grauhaariger alter Mann vor die Richterbank und donnerte mit schrumpligen Lippen: „Die Menschen stehen heutzutage der New-Age-Bewegung, dem Feminismus, Dekonstruktivismus und Nihilismus wehrlos gegenüber. Sie haben sich in einem geistigen Second-Hand-Laden verloren. Wir haben es hier mit etwas zu tun, was in der Sprache unserer Zeit mit dem Terminus „Tod Gottes”, dem „Ende des Absoluten”, und in seiner logischen Konsequenz auch als das „Töten des Subjekts”, „Verschwinden des Menschen” und als „Aufgabe des Humanismus” bezeichnet wird. Auslöser dieser Krise der Neuzeit ist die Humanisierung des Gottesbildes, das sich am Menschen und dessen Bedürfnissen orientiert. Der Gott der Neuzeit ist ein „menschlicher” Gott, der zu Zugeständnissen bereit ist, einer, den man gehörig herunterhandeln kann. Wir brauchen jedoch wieder den „unmenschlichen” Gott, der uns armselige Geschöpfe mit seinem gerechten Maß messen und uns dabei den Dünkel und die Überheblichkeit austreiben wird. Über eine solche Forderung regen sich die dogmatischen Tanten längst vergangener Revolutionen auf, ebenso die Taufpaten jenes Terrors, der den unschuldigen Namen Political Correctness trägt.”
„Armseliges Geschöpf!”, rief die Menge im Gerichtssaal Jakub zu. „Auf die Knie! Jetzt wird dich der unmenschliche Gott richten!”
Der Erzengel Michael stieg aus Memlings berühmtem Bild herab, im Nu hatte er in der Mitte des Gerichtssaals eine große eiserne Waage aufgestellt, packte dann Jakub an den Haaren und warf den wie eine Stange welker Porree Erschlafften auf die rechte Waagschale, die nach oben schnellte so als wäre sie leer. „Löscht ihn! Löscht ihn! Delete! Delete!”, schrie die Menge. „Wir wollen lieber Barabbas und Starwars! Der Erzengel Michael hob das Schwert, Jakub zog den Kopf ein, schloß die Augen, als auf einmal, was war das? „Er ist mein! Er ist mein!”, Danuśka bedeckte seinen Kopf mit einem weißen Tuch. „Kardinal”, wandte sich diese Miss Wet T-Shirt an Kardinal Ratzinger, „der Strom der Schönheit fließt durch ihn, obgleich er selbst keine Schönheit ist!” „Ach Madame”, verneigte sich der Kardinal, „ich bitte um Nachsicht, daß ich den Geist des II. Vatikanischen Konzils nicht in seiner Gänze begriffen habe! „Du bist frei! Du bist frei!”, rief Danuśka Jakub zu, den man mit Wasser wieder zu sich brachte. Alle erhoben sich. Blumen und die höchsten Staatsorden wurden hereingebracht. Der ganze Saal fing an Don’t cry for me, Argentina! zu singen. „Frei das Vaterland, frei”, rief Danuśka, „ich werfe also von mir, werfe von den Schultern den Mantel Konrads!”, und sie begann sich auszuziehen.
„Ich bin der Meinung”, flüsterte jemand Jakub zu, der wieder zu sich gekommen war, „daß die Menschen innerlich unfrei sind, sie fürchten sich vor der Politik, dem Sex, der Religion. Sie fürchten vor allem die Kirche.” „Kinder solltst du in Schmerzen gebären!”, rief jemand aus dem hinteren Teil des Saales. „Dies ist die Strafe für die Erbsünde.” „Das ist patriarchalischer Humbug!”, antworteten weibliche Stimmen aus den letzten Reihen. „Den Handel mit dem weiblichen Körper unter der Schirmherrschaft der Kirche müssen wir ausrotten! Hände weg von unseren Gebärmüttern! Kopernikus war eine Frau!” „Darf ich das ganze Parlamentsgebäude samt Inhalt verschwinden lassen?”, fragte der berühmte Magier David Copperfield, dessen Verhältnis mit dem Supermodell Claudia Schiffer Millionen Frauen auf der ganzen Welt begeisterte.
Die Menge war vor Freude außer Rand und Band.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk