DIE GOLDENE TROMPETE

Die Handlung dieses beschaulichen Romans mit einem Zehnjährigen als Protagonisten spielt 1939 in den Monaten unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet. Das Werk ist eine Art unverbindliche Autobiographie und entstand aus dem Wunsch heraus, die Kindheit wiederaufleben zu lassen, die der Autor in diesem schönen Landstrich verbracht hat, der vom Nationalitätenkonflikt zwischen Polen und Ukrainern heimgesucht wurde. Die Spannungen zwischen den polnischen Kolonisten, die an den Randgebieten der alten Republik Polen angesiedelt wurden, und der lokalen ukrainischen Bevölkerung verschärfen sich in dieser Zeit, ein Antagonismus, dessen Existenz dem kindlichen Helden nicht bewußt ist. Józek, der Junge, ist der Sohn eines polnischen Beamten, der mit einer Ukrainerin verheiratet ist. Sein Vater hat es nie verwunden, daß seine Ehe von den Kolonisten, die der einheimischen Bevölkerung gegenüber ablehnend eingestellt sind, als ethnische Mesalliance betrachtet wird. Dieser familiäre „Makel”, eines der wichtigsten Motive dieses Romans, trägt psychoanalytische Züge. Der Junge ergreift nämlich eindeutig Partei für die Mutter, mit der er gewöhnlich ukrainisch spricht, und sein Heranreifen ist vom Aufbegehren gegen die Herrschaft des Vaters gekennzeichnet. Die goldene Trompete ist vor allem ein Roman über das Erwachsenwerden. Und obwohl der enge zeitliche Rahmen des Erzählten keinen Raum läßt, den Helden mit weiteren Geheimnissen der Erwachsenenwelt vertraut zu machen, so ist der Leser dennoch– vor allem dank der Rückblenden – Zeuge, wie sich Józek allmählich die düsteren Seiten der Wirklichkeit offenbaren.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Er lief, solange die kleine Flamme in seiner Brust sich noch nicht zu einem lungenbeißenden Feuermeer ausgebreitet hatte. Die Kirche der Orthodoxen war schon ganz nahe und hinter ihr, noch außer Sicht, befand sich der Glockenturm. Erschöpft vom Laufen lehnte sich Józio an den Stamm einer Weide und blickte zur Kirche hinüber, die eigentlich ein felsiger, bräunlich bemooster Berg war. Wenn er den Spalt fände, der in ihr Inneres führte, könnte er sich dort vor dem Zorn des Vaters verstecken.
Er schaute hoch zu dem Kreuz mit dem Schrägbalken auf ihrer Spitze und bekreuzigte sich. Ihm war klar, daß der Vater noch zorniger gewesen wäre, hätte er gesehen, daß sein Sohn mit drei Fingern dreimal Stirn, Brust und Schultern berührte, so als wäre er ein Ukrainer und kein „Lach”, wie ihn die gleichaltrigen Kinder gelegentlich beschimpften, aber schließlich war der weihrauchduftende Berg keine katholische, sondern eine schweigend daliegende orthodoxe Kirche, die man mit einem riesigen silbernen Schlüssel abgeschlossen hatte. Allerdings war der dazugehörende Glockenturm immer offen. Józio, der wieder zu Atem gekommen war, bewegte sich auf ihn zu, nach einigen Schritten ließen ihn jedoch beunruhigende Stimmen innehalten. Jemand hinter der Kirche oder im Glockenturm stöhnte vor Schmerzen oder versuchte, seine Verzweiflung auszuweinen.
Hinter der Ecke der Kirche kamen zwei alte, ineinander verschlungene Frauen zum Vorschein. Sie bewegten sich in einem langsamen, unrhythmischen Tanz. Mit gespreizten Fingern krallten sie sich gegenseitig in ihre grauen und zerzausten Haare, während sie gleichzeitig versuchten, der jeweils anderen gegen die vom langen Kleid verhüllten Beine zu treten und sich sogar zu beißen, wie dies manchmal die Pferde machen, die in derselben Deichsel eingespannt sind. Ihre Sonntagskopftücher, die sie sich vor dem Verlassen des Hauses umgebunden hatten, lagen sicherlich irgendwo hinter der Kirche, festgetreten im Schlamm.
Józio wußte nicht, ob er umkehren oder sich an den Frauen, die auf ihn zutrieben, vorbeischieben sollte. Ihr krampfartiges Stöhnen und Keuchen versetzten ihn in Schrecken und er begann zurückzuweichen, aber der Gedanke, daß er sich auf diese Weise dem Garten des Oberforstrates nähern würde, ließen ihn auf der Stelle verharren.
Die Frauen waren schon ganz nahe. Es schien ihm, als spürte er ihren heißen, verbrauchten Atem. Noch ein oder zwei Schritte und ihre greisen Hände würden ihn packen und zum Mittanzen zwingen. Er zwängte sich durch die Lücke zwischen ihnen und dem mit Matsch gefüllten Graben. Die von Haß vernebelten Augen der Frauen nahmen ihn nicht wahr, aber vielleicht war das Geräusch von Józios Schritten an ihr Ohr gedrungen, denn sie hielten inne, und ihre Köpfe wandten sich ihm zu. Er sah, wie aus den von den Lidern fast vollständig verdeckten Augen über die Furchen ihrer greisen Runzeln Tränen flossen.
Sofort ließen die Frauen voneinander ab. Die etwas Kleinere und Beleibtere hob den Rock hoch, beugte sich vor und zeigte der Größeren ihren nackten Hintern. Die Größere stand für einen Augenblick wie vom Blitz getroffen da, drehte sich dann mit dem Rücken zur Kleineren, beugte sich ebenfalls vor und schob den Rock in die Höhe. Entsetzt von der Weiße und den gewaltigen Ausmaßen der nackten Frauenhintern rannte Józio los. Wie Steine flogen ihm Beleidigungen hinterher. Er wartete auf das für ihn besonders unangenehme Wort: „Lach”. Aber offensichtlich war ihnen diese Beschimpfung unbekannt.
Er hielt an und stellte verwundert fest, daß die alten Mütterchen überhaupt nicht in seine Richtung schauten und weiterhin nur ein ums andere Mal sich ihren blitzeblanken nackten Hintern zeigten.
Er betrat den Glockenturm, klammerte sich krampfhaft an die Sprossen und kletterte auf die Plattform hinauf. Dem Glockenkelch, der verkehrt herum mit der Öffnung nach unten zeigte, entströmte eine Ruhe, die Józios Inneres erfüllte. Er war bedacht, diese Stille nicht zu stören, auf Zehenspitzen näherte er sich dem kleinen Fenster und schaute hinunter. Auf dem Weg gab es keine Frauen mehr. Vielleicht hatten sie sich an Gottes Wort erinnert und waren am Eingang zur Kirche, den man von hier nicht sehen konnte, auf die Knie gefallen, um für die kurz zuvor begangenen Sünden um Verzeihung zu bitten?
Auf dem Sims des Nachbarfensters ließ sich eine schneeweiße Taube nieder, sie schaute auf Józio und flog fort.
Józio starrte auf den Weg, der von der Oberförsterei hierher führte. Er wußte nicht, was er tun würde, wenn er die Kalesche mit dem erzürnten Vater erblicken würde. Vielleicht würde er in den Himmel aufsteigen wie die Taube gerade eben und für immer aus Jasień wegfliegen?
Sogleich kam ihm der Gedanke, daß dieser ungewöhnlich große Vogel keine Taube, sondern der Heilige Geist war, der seit Jahrhunderten auf Ölgemälden und Stichen von Künstlern verewigt wurde, denen die göttliche Gnade zuteil geworden war.
Von abergläubischer Furcht ergriffen, kniete Józio nieder, legte Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand zusammen und machte dreimal das Kreuzzeichen, wonach er den Blick gen Himmel hob und inbrünstig den schneeweißen Geist anflehte, er möge Loleks zerschlagene Nase heilen, bevor der Herr Förster die Oberförsterei verließ, und falls IHM dies nicht gelingen sollte, daß die Kalesche nicht auf dem Weg auftauchen möge, der von der Oberförsterei hierherführte.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk