Alicyjka

„Roman/eventuelles Theaterstück", so lautet der Untertitel von Alicyjka [„Alieschen“], Liliana Hermetz' erstem Buch, für das sie mit dem Conrad-Preis für das beste literarische Debüt 2015 ausgezeichnet wurde. Roman oder Stück? Am liebsten möchte man antworten: beides. Und das wäre nicht übertrieben, denn in dem schmalen Band ist tatsächlich das Beste von allem enthalten, was Prosa und Drama zu bieten haben. Hermetz' Debüt ist jedoch nicht nur virtuoses Jonglieren mit der Form, sondern in erster Linie ein Text über Mütter-Töchter-Beziehungen, über Familienerinnerung, über individuelle Identität und darüber, wie Nähe geschaffen werden kann, die keineswegs immer selbstverständlich entsteht.   

Und so fängt alles an: Eine Tochter erinnert sich, wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Garten auf einer Decke sitzt. Plötzlich löst sich die Beinprothese der Mutter. Die Tochter erinnert sich nicht an Einzelheiten, nur noch an das Gefühl der Ratlosigkeit und Angst, weil die Mutter Hilfe braucht, weil sie abhängig von ihnen ist, den kleinen Kindern. Im Anschluss an dieses starke Prosabild, ein ironisches Familienidyll, kommt die Erinnerung der Hauptfigur in Gang. Familienbilder, Versatzstücke von Erinnerungen im zweiten Teil tauchen als Elemente der Diskussion zwischen Erzählerin (Tochter) und Geist (Mutter) auf. Seltsam ist diese Diskussion, bei der man einen unversöhnlichen Tonfall erwarten würde, rechnet doch die Tochter mit der Mutter und mit erfahrenem Leid ab. Nichts trügerischer als das.      

Hermetz überwindet den abrechnenden Ton mit seinen Vorwürfen und seinem Schmerz, indem sie das Illusorische an diesem Zwiegespräch mit dem Geist demaskiert. Die schmerzhaften Erkenntnisse über mütterliche Liebe, über gekünstelte, phrasenhafte Kommunikation in der Familie, über die keineswegs selbstverständliche Nähe zwischen Mutter und Tochter fasst sie in platte Reime, grotesk ausstaffiert mit Absurdität und Ironie. Ein spottender Chor tritt auf, und auch an schwarzem Humor fehlt es nicht. Alles ächzt und knirscht, die Sprache der saloppen Reimspiele und vulgären Gegenschläge will so gar nicht zur Bedeutsamkeit dieser schwierigen Erfahrungen passen. Geist und Erzählerin kommunizieren mittels literarischer Klischees, Phrasen, kultureller Schemata, und genau das macht die eigentümliche Authentizität ihrer Unterhaltung aus. Hermetz zeigt nämlich auf, dass die Wahrhaftigkeit des Schmerzes immer eine Frage der Sprache und der mit ihr erlernten Ausdrucksregeln ist – und dass  familiäres, mütterlich-töchterliches Leid eine durch und durch sprachliche Erfahrung darstellt.    

Alicyjka offenbart, wie sehr die mütterliche Liebe in der Kultur mythologisiert wird und wie schwer es für Mütter wie für Töchter ist, mit der Last dieses Mythos zu leben. Es soll jedoch kein Anti-Mythos gezeigt werden, kein Mythos des Schmerzes, der Bedrängnisse und Schwierigkeiten der Mutterschaft. Eine solche Herangehensweise würde die Wertung lediglich umkehren. Hermetz kehrt nichts um, sie krempelt um, dreht Mythen, Anti-Mythen, Stereotype auf links. Aber nicht, um letztendlich in der Mutter-Tochter-Beziehung wieder eine Normalität herzustellen. Beim Gespräch zwischen Erzählerin und Geist stellt sich nämlich heraus, wie dehnbar und willkürlich festgelegt der Begriff „Normalität“ ist. Eine Normalität wiederherzustellen würde nur dazu führen, dass beide Seiten in einen zuvor irgendwie definierten Zustand einwilligen müssten. Deswegen ist Alicyjka kein Buch, das die mütterliche Liebe entmythologisiert. Es zeigt eine viel wichtigere und schwierigere Sache: dass man nur im Gespräch, und sei es noch so beschwerlich, versuchen kann, die eigene Verwicklung sowohl in Mythen als auch in „die Wahrheit“ zu begreifen. „Ich habe dich doch geliebt… so wie ich eben konnte“, gesteht die Mutter ihrer Tochter. Normal? Was soll das eigentlich heißen?

- Katarzyna Trzeciak

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes

AUSZUG

Bild I

Im Garten

Wir sitzen auf einer Decke, was für einer, das weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Zet ist dabei. Ganz sicher. Und Jacek. Glaube ich. Die Riemen von Mamas Prothese sind abgerissen. Es ist eine Prothese, wie Prothesen damals waren. Befestigt mit Lederriemen, die aus ihr herausführen und um die Hüfte gewickelt werden. Ich weiß nicht genau, wie, wahrscheinlich darf ich nicht oft zusehen, wenn Mama sie festbindet.

Es ist Sommer, ob es sehr heiß ist, weiß ich nicht mehr. Wir sind noch klein. So klein, dass wir nicht alleine nach Hause gehen können, obwohl es gar nicht weit weg ist? Ich glaube ja. Mama kann nicht gehen. Sie schafft es, sich hinzustellen und ein paar Hüpfer auf einem Bein zu machen, aber das Gras im Garten ist hoch, durchwachsen von wirrem, rankendem Unkraut. Mama kommt nicht weiter.

Ich erinnere mich an völlige Verzweiflung. Und Angst, was jetzt werden soll. Aber nicht Mamas. Meine. Unsere. Wir haben eine Mama, die nicht mit uns nach Hause gehen kann. Und wir können keine Hilfe holen. Wir müssen für immer in diesem Garten bleiben!

Habe ich schon damals gedacht, dass ich nichts von ihr verlangen darf? Dass ich nicht das Recht habe? Weil sie es ist, die Hilfe braucht?

Mama fängt an zu rufen.

„Mieeeeteeeek! Mieeeeteeeek!“

Dann:

„Staaaaszkaa! Staaaaszkaa! Maryyyyśkaa!“

Und schließlich hört uns ein Mietek, unser nächster Nachbar, obwohl der andere Mietek näher am Garten ist, und kommt. Er kehrt noch einmal um, holt Hammer und Nägel und repariert die Prothese. So war das, glaube ich.

An weitere dramatische Szenen mit der Prothese erinnere ich mich nicht. Es gab zwar noch ein Ereignis, aber das kenne ich nur aus Mamas Erklärung, warum sie sich über die Burdzicha geärgert hatte, unsere Nachbarin von gegenüber. Die hat zwei Beine, wie sie gesünder nicht sein könnten. Stark sind sie sicher auch, denn sie ist sehr groß und kräftig. Einmal, als ich noch nicht auf der Welt war, passierte Mama ein Unfall mit der Prothese. Oder vielleicht hatte sie die Prothese noch nicht einmal und ging an Krücken. Sie fiel hin. Aufstehen konnte sie nicht mehr, weil sie zwischen Haushaltsgegenständen eingeklemmt war. Sie rief um Hilfe, und die Burdzicha kam angerannt, half ihr auf, machte Ordnung, versorgte vielleicht auch ihre Wunden. Und holte ihre berühmte Rote-Bete-Suppe mit Kartoffeln, damit Mama etwas zu essen bekam.

Erst nach mehreren Stunden sollten Vater und Oma K. vom Feld zurückkommen. Oder aus der Stadt. Denn damals fuhren sie häufig mit dem Wagen mit Gummirädern dorthin, um Kälber und Schweine zu verkaufen oder Dünger zu holen.

Einige Zeit später stritten Mama und die Burdzicha über irgendwas, wie Nachbarinnen es eben tun, und da hielt ihr die Burdzicha vor:

„Wenn ich dir damals nicht geholfen hätte, dann würdest du heute noch da liegen und wärst  längst verhungert! Wenn ich dir nicht meine Rote-Bete-Suppe mit Kartoffeln gebracht hätte!“ 

***

Bild VI

Rührei oder Er geht vor

Mama ist meistens nicht da. Morgens geht sie in den Laden, der aufmachen muss, damit die Leute im Dorf Brot kaufen können. Manchmal macht sie mir Frühstück, aber nicht allzu häufig. Darum kümmert sich Oma K., und ich habe nicht das Gefühl, dass es ihr Spaß macht. So viel Arbeit, und jetzt auch noch das. Sie klagt; sie hat Kopfschmerzen und die jammervolle Miene einer Frau, die es nicht leicht hat im Leben.

„Ach ach ach! Ruhe werde ich wohl erst im Jenseits finden.“

Ich hätte Oma K. gerne aufgemuntert, wenn das gegangen wäre. Ich will ihr um den Hals fallen und etwas Liebes sagen, aber sie schiebt mich weg.

„Ach was denn, was denn. Iss jetzt! Und trink deine Milch!“

Dann geht sie in den Stall, zu Kühen oder Schweinen. Ich esse allein auf, was sie mir hingestellt hat. Brot und Milch oder in Milch getunktes Brot. Manchmal darf ich Butter essen, die Oma K. im hölzernen Butterfass gemacht und auf ein Tellerchen gelegt hat. Oma K. malt auf die Butter kleine Muster, die aussehen wie umgedrehte, traurige Gesichter. Sie zeichnet mit einem kleinen Löffel, eher aus Gewohnheit als um die Butter zu verzieren. Die Butter riecht gut.

Ich sehe gerne zu, wie die Butter entsteht. Das heißt, wie Oma K. die Butter macht, denn „nichts kommt von alleine“. Ich gucke immer wieder ins Butterfass, kümmere mich nicht darum, dass fettige Tröpfchen mein Gesicht sprenkeln, und frage: „Fertig? Fertig, Oma? Lass mal sehen!“ Jedes Mal bin ich erstaunt, wie geduldig Oma K. die gleichförmigen Bewegungen mit dem Schlegel vollführt. Erst wird die Milch allmählich dicker, dann bilden sich an den Seitenwänden des Butterfasses fettige Schlieren. Immer mehr. Und obwohl es jedes Mal unmöglich scheint, dass aus der flüssigen weißen Sahne so etwas wie ein fester Körper wird, und ich den Eindruck habe, schon wieder den wichtigsten, magischen Moment der Verwandlung verpasst zu haben, entsteht er doch. Oma K. füllt ihn mit einem Holzlöffel in eine große Schüssel oder einen tiefen Teller, weil noch eine Zeitlang Buttermilchtropfen von dem Butterhügel rinnen werden. Oma K. gießt die Buttermilch in einen Tontopf um, und wir trinken sie schnell. Das Buttermachen geschieht immer am Nachmittag. Danach bekommen wir jeder eine Scheibe frisches Brot von einem runden Laib, wie man sie heute nur noch selten sieht. So eine dicke Brotscheibe mit ganz frischer Butter und dazu Buttermilch, das schmeckt so gut, dass man es nie vergisst.

Aber zum Frühstück essen wir meistens Brot ohne Butter. Vater bekommt Eier auf verschiedene Art. Für uns ist Rührei etwas Besonderes, das Mama uns sonntags macht oder wenn wir krank sind. Oder wenn Oma K. viele Eier eingesammelt hat und nicht alle in die Stadt gebracht worden sind, als Proviant oder weil sie zu Geld gemacht werden sollen. So ein Rührei wird später keiner mehr hinbekommen. Wir wissen nur, dass Mama die Eier gut verquirlt und in einem bestimmten (welchem?) Moment Mehl und noch etwas anderes (was? vielleicht Milch?) dazugegeben hat. Rührei gab es immer viel, es hatte einen anderen Geschmack als Spiegeleier und eine viel hellere Farbe. Und dazu Brot. Und Malzkaffee mit Milch. Wenn Mama uns Rührei machte, war sie nicht nur in Gedanken ganz bei der Sache, sondern außerdem guter Laune. Und vielleicht war das das ganze Erfolgsgeheimnis bei ihrem Rührei.

Und der Chor spricht:

Für ihn allein der Eierschmaus. Und die Kinder? Gehen leer aus. Wie werden sie dann groß und stark? Bedenke, Mutter, Tag für Tag: Auch Kinder brauchen Liebe.          

***

Bild VIII

Ich bin gestorben, oder Rette mich

Manchmal, wenn wir in der Nähe waren und spielten, aber eigentlich nur um dich herum gravitierten, starbst du deine Tode. Du legtest dich auf Bett, Liege oder später Sofa, machtest die Augen zu und sagtest: „Ich bin gestorben.“ Wir wussten, dass das ein Scherz war. Am Anfang. Und wir sagten: „Hör auf, du tust doch nur so, das wissen wir.“ Aber du reagiertest nicht.

„Lass das, Mama! Mach die Augen auf! Jetzt sofort! Wir glauben dir nicht!“

„Mama, das ist doooof. Mach die Augen auf. Wir haben keine Angst. Los!“

Wir versuchen, dich zu kitzeln. Nichts. Noch eine Zeitlang tun wir so, als mache es uns nichts aus, doch ich sehe Zet an, dass er den Tränen nahe ist. Er fing meistens als Erster an zu weinen, denn er glaubte, dass es stimmte. Aber auch ich weinte. Erst wenn wir eine Weile geweint hatten, lauter und lauter, und schließlich anfingen, dich auf Mund, Augen, Stirn zu küssen, wohin es nur möglich war, schlugst du die Augen wieder auf und lachtest ein Lachen, das es gar nicht geben sollte, weil es schrecklich ist und kaum zu ertragen für Kinder. Wir schämten uns für unseren spontanen Ausbruch von Zärtlichkeit, und du lachtest uns aus. Dieses grausame Spiel spieltest du jahrelang mit uns, und wir fielen jedes Mal darauf herein.

Vielleicht warst du wirklich grausam? Und hattest noch dazu großes Schauspieltalent? Immerhin konntest du eine schaurige und geheimnisvolle Stimmung heraufbeschwören, wenn du sagtest: „Ein Verbrechen unerhört, die Frau hat ihren Mann getöt’t, alsdann verscharrt sie ihn im Hain, dicht an Bach und Feldesrain... Im Garten nun sein Grabe steht, Lilien hat sie ausgesät, wachse, Blümlein, hoch sollst werden, wie die Leich’ tief in der Erden“, mit völlig verändertem Gesichtsausdruck, die Augen rund, ich weiß gar nicht, wie man das macht, und dumpfer Stimme.

„Blutbefleckt eilt sie dahin, ihres Gatten Mörderin, über Wiesen durch den Wald...“

„Lauf zur Straße, lauf zum Wald, vielleicht kommt wer zu uns schon bald.“

Dieses Theater war im Grunde sehr makaber, aber es gefiel mir auch in gewisser Weise, denn du wurdest dadurch weniger abhängig. Du gabst uns den Beweis, dass du dich auch auf etwas anderes konzentrieren konntest als auf deinen Mann. Dass du es schafftest, nicht darüber nachzudenken, wo er jetzt wohl war und ob er dich betrog. Dass du dich wenigstens eine Zeitlang auf uns konzentrieren konntest.

Denn sonst schimpftest du eigentlich nur mit uns. Weil wir irgendwas nicht gemacht hatten, weil wir stritten, uns schlugen, petzten. Dabei teilte Jacek den Pudding wirklich nicht gerecht! Er schaufelte sich selbst die größte Portion auf einen großen Teller, und Zet und ich bekamen nur kleine.

Manchmal sagte ich zu dir: „Wenn du so mit uns schimpfst, dann gehen wir zu Staszka Majchrowska und fragen, ob sie unsere Mutter sein will.“

„Sie hat schon ihre eigenen Kinder, Malina und Zdziś. Warum sollte sie euch wollen?“

„Sie schimpft nie so mit ihren Kindern wie du!“

„Weil die nicht so frech sind wie ihr. Da hat sie keinen Grund zu schimpfen.“

Aber ein bisschen traurig hat es dich doch gemacht. Also war das Ziel erreicht.

In Wirklichkeit wussten wir aber immer, dass man von Mama nichts verlangen durfte, nichts erwarten. Entweder war sie beschäftigt oder traurig, zumindest aber war sie in Gedanken versunken und hatte keine Lust, mit uns zu spielen. Wir sahen, dass sie sich sorgte, dass sie gereizt war. Wir wussten, worüber sie sich Gedanken machte (wann und in welchem Zustand er heute nach Hause kommen würde). Und wir machten uns auch Gedanken. Wir bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft in Erwartung des Unglücks. 

Und der Chor spricht:

Traurig die Kinder, traurige Zeit. Kommt er zu euch, schon bald vielleicht? Halt nicht Ausschau, lauf nicht fort, bei deinen Kinder ist dein Ort. Mit ihnen sollst du spielen.   

***

Bild X

Jetzt bitte das Fenster schließen oder Der Name

[...]

Mama.

Große Abwesende.

Geisterhafte Mama.

In schönen französischen Kleidern.

Wenn sie heute reden könnte, was würde sie dann über damals sagen? Was würde sie noch wissen?

Wo sie jetzt ist, könnte sie wohl offen reden.

Es gäbe so viele Themen.

Mutterschaft, sagen wir mal. Großes Thema.

Also, Mama, fangen wir an?

Szene I

Die Erzählerin sitzt am Computer, aber sie kann auch am Schreibtisch sitzen, mit einem Gänsekiel, oder ganz gewöhnlich am Tisch. Wahlweise auch in einem Sessel oder sogar auf einem roten Kunstledersofa.

Geist:

Was willst du von mir? Warum wolltest du immer etwas von mir? Das fand ich anstrengend.

Erzählerin:

Bei allen guten Geistern! Wer spricht denn da?

Geist:

Geist ist schon mal richtig.

Erzählerin

Mama!

Geist:

Also was willst du? Sag schon! Was wolltest du immer von mir?

Erzählerin:

Gewinnt ihre Fassung zurück.

Ich?! Ich wollte etwas von dir? Ich wollte ja eben leider gar nichts. Ich habe dich nie belästigt. Ich habe dich immer in Ruhe gelassen.

Geist:

Ruhe? Welche Ruhe? Ständig diese erwartungsvollen Blicke! Diese Traurigkeit!

Erzählerin:

Traurigkeit? Ich war nicht traurig. Ich wollte nichts. Ich habe mich nicht mal auf deinen Schoß gesetzt, wie andere Kinder es machen.

Geist:

Hättest du es mal versucht. Vielleicht hätte ich dich ja auf den Schoß genommen...

Erzählerin:

Was, wolltest du etwa, dass ich dich darum bitte? Bettele? Weine?

Geist:

Nun ja, das machen Kinder doch.

Erzählerin:

Vielleicht war ich nie Kind.

Geist:

Soso! Du warst Kind, und zwar ein schreckliches, freches, furchtbares Kind.

[...] Schon seit deiner Geburt. Nachts hast du geschrien, dass ich nicht schlafen konnte. Wie viele Nächte habe ich kein Auge zugetan!

Erzählerin:

Das ist wohl normal bei einem Neugeborenen.

(Zu sich selbst: Meine Tochter hat ziemlich schnell durchgeschlafen. Aber das sage ich ihr nicht.)  

Geist:

Du hast weder tags noch nachts geschlafen

Erzählerin:

Das ist wohl kaum möglich. Du übertreibst.

Geist:

Leider nein. Es ist möglich, und es ist wahr. Ich wiegte dich eine Stunde lang, schlich auf Zehenspitzen davon, nur um nach fünf Minuten wieder dein „uäh, uäh, uäh“ zu hören. Ich konnte nicht mehr. Papa nahm dich dann auf den Arm und wiegte dich die nächste halbe Stunde. Alle im Haus auf Zehenspitzen. Und ein paar Minuten später wieder: „uäh, uäh, uäh“. Dann Oma – und wieder dasselbe. Es war zum Verrücktwerden.

Erzählerin:

Und deswegen hast du meinem Kinderwagen einmal so einen Schubs gegeben, dass ich darin durch Zimmer, Küche und Flur gesaust bin? Ich bin ja nur durch Zufall noch am Leben, sozusagen.

Geist:

Na, jetzt übertreib du aber nicht, so fest habe ich dich nicht angeschubst. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was das für eine Quälerei war? Wir waren völlig am Ende.  

[...]

Erzählerin:

Und dann, Mama?

Geist:

Und dann, und dann... Ich fing an, mich zu freuen, dass es ein Mädchen war. Ich wollte immer ein Mädchen haben. In der Schwangerschaft hatte ich mir vorgestellt, wie ich die Kleine anziehen und ihr Frisuren machen würde. Beim Einschlafen malte ich mir aus, wie hübsch sie sein würde. Weniger schön war es, wenn sie mir zum Stillen gebracht wurde. Sie zerrte und zog. Meine Brüste taten weh. Alles tat mir weh, ich war gar nicht in der Lage, sie zu halten. Eine Quälerei. Die Krankenschwestern begannen, sie – das heißt dich – mit der Flasche zu füttern.

Erzählerin:

Jetzt wollen alle stillen, denn das ist besser fürs Kind. Es wird viel darüber gesprochen.

(Denkt laut: Weißt du, Mama, meine Tochter hat gleich vom ersten Mal an gut die Brust genommen. Nur dass am Anfang fast nichts darin war. Ich habe die Brüste mit der Milchpumpe traktiert, die Kleine angelegt, und Żipi hat ihr im selben Moment unauffällig eine Sonde mit der abgepumpten Milch in den Mund geschoben. Das war unser erster elterlicher Betrug.)   

Geist:

Dein Papa freute sich, dass er eine Tochter hatte. Er lachte viel, als er ins Krankenhaus kam. Ich sah schon wieder etwas besser aus. Er küsste mich: „Haneczka, Haneczka.“ Ich roch seine Wodkafahne.

Erzählerin:

Och, neeeeiiiiin! Das hättest du mir nicht sagen dürfen! Von Anfang an Wodka. Mama, hab Erbarmen!

(In Gedanken: Gleich bricht mir das Herz und es gibt einen großen Knall.)

Ich habe mir vorgestellt, wie er mit einem Strauß Tulpen zu dir kommt. Er ist glücklich. Vor dem Krankenhausfenster liegt der Winter in den letzten Zügen, matschiggrauer Schnee, aber im Süden wärmt die Sonne schon fast frühlingshaft. Und er schenkt dir eine Bluse. Eine weiße, sehr schöne Bluse. Aus Nylon, mit Fältchenmuster. Du hast sie lange getragen. Ich dachte, du hättest sehr gute Erinnerungen an das Krankenhaus.

Geist:

Das ist leider nur deine Wunschvorstellung.

[...]

Erzählerin:

Warte! Du kannst nicht einfach gehen! Warum läufst du immer vor mir davon? Das darfst du nicht!

(Zum Zuschauer: Sie blickt mich triumphierend an und erinnert mich mit einer Handbewegung daran, dass sie ein Geist ist und ich sie nicht festhalten kann. Ich kann ihr nichts tun.)

Mama, warte! Sag mir wenigstens, ob du mich... geliebt hast.

(Zum Zuschauer: Ich kann es selbst nicht glauben, dass ich das gesagt habe. Ich würde die Frage gern zurücknehmen, aber zu spät. Jetzt steht sie im Raum und dröhnt wie eine Glocke noch lange, nachdem sie angeschlagen wurde. In einer Pfarrkirche.

Nein, das hat keinen Sinn, wozu frage ich, wozu rede ich überhaupt mit ihr. Ich bin doch, verdammt nochmal, ein großes Mädchen. Ich habe selbst eine Tochter, um sie muss ich mich jetzt kümmern, sie lieben. Jetzt ist sie gegangen, auf einen Stock gestützt, die Beinprothese klackte. Sie hat sich nicht aufgelöst wie ein Geist. Und umgedreht hat sie sich auch nicht. Ach, ich werde ihr nicht nachlaufen. Es ist mir nicht gelungen, als sie noch lebte, und es wird mir auch jetzt nicht gelingen.

Sie hat eine Tür geöffnet. Wohin führt sie? Was ist dort?)

Stimme:

Ist dein Name Alicja?

Erzählerin:

Nein.

Stimme:

Geh dahin zurück, woher du gekommen bist.

Erzählerin:

Will zurückweichen, bleibt aber stehen.

Und wer bist du, dass du mir Befehle gibst?

Stimme:

Du hast immer auf mich gehört.

Erzählerin:

Und das war wahrscheinlich nicht gut für mich. Ich weiß nicht einmal, ob sie mich geliebt hat.

Stimme:

Bleib. Das musst du nicht wissen. Man kann auch so leben.

Erzählerin:

Kann man vielleicht. Will ich aber nicht.

Stimme:

Sie hatte es schwer. Denk daran.

Erzählerin:

Vielleicht ist mir das ja scheißegal? Ich kann sie nicht ewig rechtfertigen. Schließlich war sie für mich verantwortlich.

Stimme:

Hör auf. Das hatten wir schon. Mir ist kalt, Mama. Und anderes. Hör auf, bevor du wieder ins Jammern verfällst. Kehr um. Das ist mein guter Rat. Hinter dir ist eine Tür. Geh hindurch.

Erzählerin:

Nein! Das ist die Tür von der Küche ins Wohnzimmer in unserem alten Haus. Sie ist mit einem grasgrünen Gürtel von Mamas Kleid festgebunden. Denn es war keiner da, der das Schloss hätte reparieren können. Durch diese Tür will ich nicht. Ich kann sie nicht hinter mir schließen.

Stimme:

Ich mache das. Keine Sorge. Geh!

Erzählerin:

Oh nein! Nicht du! Ich habe lange genug unter deiner Fuchtel gestanden! Fort mit dir! Verschwinde! Weg!*    

Das Licht geht aus.

***

Szene III

[...] 

Geist:

Hör auf. Es war nicht alles schlecht. Außerdem, kann man denn vorher wissen, wen man nimmt? Übrigens... Entscheidungen... was weiß denn ich schon, worauf ich Einfluss hatte... Ich wollte frei sein. Manchmal habe ich mir vorgestellt, er wäre nicht da. Ihr wärt nicht da.

Erzählerin:

Wie?! Wo sollten wir denn sein? Bei Oma K.?

Geist:

Nein. Es... hätte euch nie gegeben. Ich hätte noch beide Beine. Wäre Sanitäterin im Feldlazarett...

Erzählerin:

Mama, hör auf! Ich schreibe nicht über den Aufstand. Ich befasse mich überhaupt nicht damit. Wenn du willst, stelle ich für dich den Kontakt zu entsprechenden Leuten her.

Geist:

Was hast du mit diesem Aufstand?! Ich war doch viel zu jung. Dafür bin ich mit sechzehn zu einem Sanitäterinnenkurs gefahren. Ich träumte davon, irgendwo in einem Kriegsgebiet zu arbeiten. Wegzugehen. Mit anderen Mädchen. Mit Ärzten. Nur einmal habe ich mich getraut, Mama von meinen Träumen zu erzählen. Und sie: „Ich will, ich will, sitz zu Hause und sei still! Und dass du mir nicht noch einmal davon anfängst! Humbug! Nie wieder! Hast du zwei Arme und zwei Beine? Und, geht’s dir schlecht damit?“

Erzählerin:

(Zum Zuschauer: Ihr Gesicht verändert sich. Ich sehe eine Frau mit weichen, doch festen Zügen. Sanften, doch entschiedenen Augen. Ihre Haare sind wie auf dem Schwarzweißfoto, wo Mama und zwei andere junge Mädchen im Schnee posieren. Sie tragen Röcke, Jacken und Taschen wie Sanitäterinnen. Lippenstift. Und auf den Köpfen weiße Schiffchenmützen mit Kreuz. Einem Kreuz wie auf den Armbinden. Dieses Foto steht in meinem Wohnzimmer. Ich mochte es schon immer sehr. Jetzt erst verstehe ich, warum. Ich sehe also eine Frau, die es nicht gab, aber hätte geben können. Die es gab, aber nur in ihren Träumen.)

Mama!

(Zur Seite gewandt: Meine Stimme zittert. Ich habe wieder Lust, sie zu umarmen. Und sie wird wieder unscharf. Wieder Zigarettenrauch.)       

Geist:

Jaaaa. Das waren schöne Träume. Ich nahm es Mama nicht übel, dass sie es mir nicht erlaubt hat. Würdest du deiner Tochter, wenn du eine hättest, erlauben, weit wegzugehen, auf eine – wie ihr es heute nennt – Mission?

Erzählerin:

(Zum Zuschauer: Brrr, ich will nicht einmal...)

Mama, ich hab eine richtige Gänsehaut bekommen. Ich wusste nicht, dass du solche Träume hattest. 

[...]

***

Szene VIII

Erzählerin:

Ich habe neulich von dir geträumt.

Geist:

So wie immer?

Erzählerin:

Nein. Der Traum war schön.

Geist:

Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät für uns?

Erzählerin:

Deine Bilder haben mich aufgesogen. Die alten Wahrheiten sind zerstoben.

Mama, warum muss diese Missgunst in uns sein? Selbst in der Sprache... Mich reizt nur noch der Reim... Spontan kann ich nicht mehr sein.

Geist:

Aber lass es uns doch versuchen. Ich gebe dir mein Wort, diesmal verhalte ich mich ehrenhaft. 

Erzählerin:

???

Geist:

Ich werde brav Rede und Antwort stehen. Und nicht mehr klammheimlich gehen.

Erzählerin:

Siehst du, wieder Reime. Platte Reime.

Geist:

Denkt nach und versucht, ganz ernsthaft zu antworten.

Ich habe ihn geheiratet, weil ich ihn liebte. Das ist alles so schnell gegangen. Dann war dieser Unfall.

Erzählerin:

Du fühltest dich wie ein zerbrochener Stuhl, den niemand mehr gebrauchen kann... Das sagte mir Oma K.

Geist:

Schweigt interessiert.

Erzählerin:

Sie sagte, als dieser schreckliche Unfall passiert war, habe er sich vor Verzweiflung die Haare vom Kopf gerissen. Er sei vor dir auf die Knie gefallen und habe geschworen, dich nie zu verlassen.

Geist:

Schweigt mit undurchdringlicher Miene.

Erzählerin:

War das dein Preis?

Geist:

Starrt auf einen Punkt.

Ich liebte ihn immer noch. Die Zeit verging wie im Flug. Die Kinder kamen.

Später denkt man nicht mehr darüber nach, ob man sich noch liebt oder nicht. Das Leben geht weiter. Man muss Geld verdienen. Das Feld bestellen. Hausbau. Streit. Du weinst. Verzeihst. Montag. Die Bauarbeiter kommen. Du siehst zu, wie die Mauern in die Höhe wachsen. Du wartest auf Dach, Sparren, Pfette und Ziegel. Die Jahreszeiten ziehen vorbei. Die Kinder werden größer. Zum Glück sind sie gut in der Schule, machen keine Probleme. Später geht Jacek aufs Polytechnikum. Ich mache mir Sorgen, wie er wohl zurechtkommt und wer sich um ihn kümmert dort im Internat. Im neuen Haus werden Wasserleitungen und Zentralheizung installiert. Es wird fließendes Wasser geben, ein Bad. Man träumt. Und er kommt nachts wieder nicht nach Hause. Er war bei Flora. Das weiß ich ganz sicher. Schmerz in den Schläfen. Gehetzte Gedanken. Sie vergehen, wenn ich Wein trinke.

Erzählerin:

Unterbricht entschieden.

Das kenne ich alles!

Geist:

Mit verändertem Gesichtsausdruck und Tonfall:

Und auf dich... war ich eifersüchtig.

Erzählerin:

Wie bitte?

Geist:

Ja, wie alle Mütter.

Erzählerin:

Aber weswegen, um Gottes Willen?

Geist:

Wegen verschiedener Dinge. Ich weiß nicht, ob ich es dir erklären kann. Zwischen Mutter und Tochter gibt es solche Dinge... Bewunderung und Neid. Rivalität...

Erzählerin:

Hört interessiert zu.

Geist:

Überhaupt gibt es zwischen Frauen viele Boshaftigkeiten. Es reicht, wenn du die Betten anders beziehst oder die Teller nicht von beiden Seiten spülst. Oder irgendwelche anderen Dinge anders machst. Dann fällst du auf. Das mögen Frauen nicht.

Erzählerin:

O wie grausam!  

Geist:

Spotte nicht. Ich wollte ernsthaft reden.

Erzählerin:

Darum geht es mir nicht. Ich war ein Kind. Du hättest mich lieben sollen. Das ist alles.

Geist:

Ich habe dich doch geliebt… so wie ich eben konnte.

Erzählerin:

Das hast du aber schlecht hingekriegt.

Geist:

Ich habe mich dir nie verbunden gefühlt.

Erzählerin:

Äh... was?

Geist:

Du warst so... asexuell.

Erzählerin:

Pardon?

Geist:

Ach, nun tu doch nicht so, als ob du nicht verstehst.

Erzählerin:

Hör auf, Mama. Das ist kein Thema für dieses Stück hier.

Geist:

Doch. Gerade für dieses Stück.

Wovor fürchtest du dich? Du bist nicht mehr klein.

Für mich war das unglaublich wichtig. Leidenschaft. Erregung und Rausch.

Erzählerin:

Das alles hattest du?

Geist:

Natürlich. Ein Problem war es, wenn ich es nicht hatte.

Erzählerin:

Darüber grübeltest du ständig nach? Nein! Ich glaub es nicht!

Geist:

Aber was denn? Peinlich findest du das? Und wenn schon. Das lässt sich schwer kontrollieren, weißt du...

Sieht die Erzählerin seltsam an.

Du bist eine Frau. Versteck das nicht.

Erzählerin:

Also wirklich, Mama, das kannst du dir schenken.

Geist:

Was soll ich schenken? Du verdienst es.

Hm, mein Kindchen? Sag geschwindchen, kannst du dich endlich selbst akzeptieren?

Erzählerin:

O Mama, deine Spielchen irritieren!

Geist:

Irrtum, sie florieren...

Scherze und Reime können hier nicht schaden. Im Gegenteil, sie helfen zu ertragen.

Erzählerin:

Blickt zur Seite.

Ich habe dich schrecklich geliebt.

Geist:

Wen? Mich?

Erzählerin:

Dich.

Geist:

Du musst verrückt sein!

Erzählerin:

Das habe ich auch gedacht... Du verstehst mich nicht.

Was glotzt du so mit deinen braunen Augen?

Geist:

Seltsam, wirklich. Sogar sehr seltsam.

Erzählerin:

Lassen wir das! Ich bitte dich nicht mehr, zu bleiben.

Dein hässliches Entlein ist endlich schlauer geworden.

Geist:

Blickt sie provozierend an.

Erzählerin:

Nun glotz nicht mehr länger! Scher dich zum Henker!

(Zum Zuschauer: Sie steht immer noch da. Starrt mich an. Jetzt verändert sie sich plötzlich. Ist sie es? Ist sie es nicht?)

Ich gehe. Bleiben Sie meinetwegen noch. Ich bin müde.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes


*              Im Original deutsch