Die Solfatara

Solfatara [Die Solfatara] von Maciej Hen ist ein wunderbarer historischer Roman, absolut ungeeignet für zeitgenössische Moden und ideologische Streitigkeiten. Das hier ist ausgezeichnete, elegante, in sich schlüssige Literatur, deren Lektüre eine Menge Freude bereitet. Ihr kultureller Bezugspunkt liegt weit in der Vergangenheit, in Zeiten, als die Tradition des weltlichen Abenteuerromans entstanden ist, sprich in der Epoche von Lazarillo de Tormes, Miguel Cervantes und Daniel Defoe. Deshalb ist Solfatara [Die Solfatara] ein regelrecht dreistes Unterfangen, weil es in gewisser Weise ein Traktat über das Schreiben von Romanen im 17. Jahrhundert ist, aber ein praktisches Traktat, das ohne Fußnoten und Kommentare auskommt und als fertiger Text dieses Buch hervorgebracht hat. Es gibt hier keinerlei postmoderne Ironie, keine Anführungsstriche, keine Klammern und kein Augenzwinkern für den Leser – wenn sie vorkommen, dann außerhalb der Geschichte selbst, schlau platziert in der Definition der Situation, in der wir einen italienischen Roman des 17. Jahrhunderts lesen, der von einem 1955 geborenen polnischen Autor verfasst wurde.

Im Juli 1647 bricht in Neapel der Eisaufstand aus. Ursache sind die hohen Steuern und der Zoll, die der Stadt von den damaligen spanischen Behörden auferlegt wurden. Doch der Aufstand entwickelt sich schnell zu einem chaotischen Angriff der Straße auf sowohl die Spanier als auch die lokale Aristokratie. Die Revolte wählt spontan einen Anführer, den örtlichen Fischer Tommaso Aniello, genannt Masaniello. Die Karriere dieses Anführers – für die einen ist er ein gerechter Held, für die anderen ein Unmensch und Wahnsinniger – dauert kaum zehn Tage, nach denen aufgrund einer neuen Intrige auch sein Kopf fällt. Diese zehn Tage beinhalten auch die Handlung von Solfatara [Die Solfatara], die von dem Hauptprotagonisten und Erzähler, Fortunato Petrelli, einem alternden lokalen Journalisten, in seinen Aufzeichnungen dargestellt wird, die er laufend ergänzt.

Petrelli gerät, wie es sich für den Protagonisten eines Abenteuerromans gehört, in die verschiedensten Schwierigkeiten: Er versucht, die Identität einer entzückenden Prostituierten festzustellen, die sich ihm im Halbdunkel hinzugeben pflegt; er rettet auch einer schönen Adligen das Leben, erfährt dann allerdings, dass diese seit sechs Jahren im Grab liegt. Hen bedient sich in Solfatara [Die Solfatara] vortrefflich eines der Trümpfe der alten Literatur – der Verschachtelung. Immer wieder wird der Leser in die farbige Retrospektive von Petrellis Leben entführt, tritt in die Geschichten neuer Figuren ein, denen Petrelli begegnet, und sogar in Geschichten innerhalb von Geschichten. Erst diese ganze gelehrte mehrstöckige Konstruktion, die eine Art „Handschrift von Saragossa“ von Jan Potocki ist, fügt sich zu einer richtigen Erzählung über Freundschaft, Eifersucht, Verrat und künstlerische Ambitionen.

Erwähnenswert ist die Sprache des Romans – sie ist einfach, aber geschmackvoll archaisiert, entbehrt jedoch jeglichen Pathos’ und überflüssiger Verzierungen. Das ist polnische Sprache der höchsten Qualität, schön und saftig.

In Solfatara [Die Solfatara] pulsiert nicht nur das literarische Element, sondern auch die Energie der neapolitanischen Straßen. Schließlich ist Neapel eine Stadt, die seit über dreitausend Jahren durchgängig besiedelt war – Revolutionen, Steuern, Mafia und Krieg schrecken sie nicht. Wenn sie sich vor etwas fürchtet, dann allein vor dem Vulkan, in dessen Schatten sie liegt.

- Piotr Kofta

AUSZUG

Sonntag, 7. Juli 1647

Ob ich aus diesem Chaos wohl lebend herauskomme? Man muss guter Dinge sein, obwohl es eigentlich keinerlei Garantie dafür gibt. Es würde mich nicht wundern, wenn das Neapels Ende wäre. Bekannter Weise ist ja nichts auf der Welt ewig. Dabei wünscht man sich doch, eine Spur zu hinterlassen.

Deshalb verfluche ich dich, wer auch immer du bist, der diese Papiere in der Hand hält: bevor du sie ins Feuer wirfst, versuche, meine im Dunkeln dahin geschmierten Notizen zu entziffern, weil ich in deine Hände meine Erinnerung an dich und an alle anderen gebe, die ich auf diesen Seiten in der Zeit, die mir gegeben sein wird, unterbringen konnte.

Sicherlich wäre das auch ohne meine Person gegangen, da ich, Fortunato Petrelli, weder jemand besonderes bin noch in diesen wilden Vorfällen irgendeine Rolle spiele. Vielleicht aber wirst du in der Lage sein, leichter zu beurteilen, inwieweit man meinen Berichten Glauben schenken kann, wenn du weißt, wer zu dir spricht. Wisse deshalb, dass ich seit über dreißig Jahren täglich in der hier jedem bekannten Zeitung „Neapolitanische Nachrichten“ alles beschreibe, was in unserer Stadt geschieht. Ich habe mir alle möglichen Verbrechen, Exekutionen, Kämpfe des Pöbels, Stammeszwistigkeiten und Brände aus nächster Nähe angesehen. Ich war sogar am Fuße des Vesuvs während des großen Ausbruches vor sechzehn Jahren – doch etwas wie das, was jetzt hier veranstaltet wird, hat man in dieser Gegend wohl noch nie gesehen.

[…] In den letzten Tagen habe ich mir mit besonderer Unruhe die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten des bevorstehenden Feiertags der Gottesmutter mit dem Skapulier angesehen, und wie sich herausgestellte, hat mich meine Vorahnung nicht getäuscht. Es gibt in Neapel den Brauch, dass das Volk alljährlich auf dem Platz vor der Basilika der Karmeliter ein Schlösschen aus morschen Brettern, alten Papieren und Lappen aufbaut, wonach es am Tag des Festes zu einer großen Schlacht kommt, bei der die einen mit Stöcken die Festung verteidigen, und die anderen sie stürmen. Mehr Freiwillige gab es immer unter der Fahne der Angreifer, sicherlich weil die Festung so oder so erobert werden musste, und keiner Lust hatte, für eine von vornherein verlorene Sache zu kämpfen. Hinzu kommt, dass die Neapolitaner die Maskerade lieben, und diese Angriffsarmee tritt immer mit Turbanen und Fesen verkleidet auf, die Gesichter schwarz gefärbt mit Ruß oder rot von zerbrochenen Ziegelsteinen. Diese wunderlichen Krieger werden seit eh und je Alarben genannt, was sicherlich von „Arabern“ stammt, allerdings ist es mir, obwohl ich bereits seit fast vierunddreißig Jahren in Neapel lebe, nicht gelungen, in Erfahrung zu bringen, auf welche Ereignisse dieser Brauch anspielt und was er bedeutet. In diesem Jahr hat die Rekrutierung für die Armee der Alarben vor einigen Tagen begonnen, sprich mit langem Vorlauf, schließlich ist der Feiertag erst am 16. Juli. Am Freitag war ich am Nachmittag auf der Piazza del Carmine, wo die Manöver dieser Bettlerarmee stattfinden, weil ich gehofft hatte, dort vielleicht auf etwas zu treffen, was die Leser meiner Zeitung unterhaltsam finden könnten. Auf dem benachbarten Piazza del Mercato, genauer gesagt in dem Teil ohne Stände, wo dienstags und donnerstags der Pferdemarkt stattfindet, wurde auf der Seite der Kirche des Heiligen Eligius ein Marmorpostament errichtet, auf dem sich auf einem aus festen Balken gezimmerten Gerüst der Galgen erhebt, an dem die stinkenden Kadaver der Bösewichter baumeln. Sie werden selten weggeräumt, denn in dieser Gegend geht der Leichengeruch sowieso im allgemeinen Gestank der überall herumliegenden Abfälle von den Fisch- und Fleischständen unter, die von Hunden und Katzen ausgewalzt werden. (Anders war es, wie ich gehört habe, zu Zeiten des berühmten Vizekönigs Don Pedro de Toledo, als zehn Verurteilte täglich gehenkt wurden, jeder an einem frischen Seil, dank dessen die Taumacher für ihre Ware gesicherten steten Absatz hatten). Dieses Mal jedoch waren zwei Haken des querliegenden Galgens frei. Als ich auf den Platz kam, sah ich die hin- und her marschierenden, bunt gekleideten „Mauren“, die zackig mit den Stöcken fuchtelten und in Bastlatschen im Takt stampften, so dass von dem angetrockneten Schlamm Staub aufstieg. Ich muss gestehen, es war zu sehen, dass sie das Zeug zum Militärhandwerk hatten: wie sie auf jedes Kopfnicken des Befehlshabers flott marschierten, geradeaus, nach links, dann wieder nach rechts, und auf ein verabredetes Zeichen, ohne die geschlossene Formation zu verlieren, eilig zum gelingenden Angriff auf den Galgen rannten, die Stöcke wie Degen vorgestreckt, dann wieder über den Kopf gehoben wie Säbel. Zu denken gab mir dennoch, warum sie so hartnäckig übten, dass ihr Schweiß in alle Richtungen spritzte wie von einem Hund das Wasser, wenn dieser sich nach einem Tümpelbad schüttelt, wenn das doch alles nur eine billige Vorstellung sein sollte. Hatte sich der zerzauste Bursche mit dem aschfahlen Schnurrbart, der diese Menschen befehligte, vorgenommen, alle Angriffe der Alarben, die in der menschlichen Erinnerung gespielt worden waren, in den Schatten zu stellen? Und was würde er davon haben?

Ich hatte den Eindruck, dass ich diesen Menschen schon einmal irgendwo gesehen hatte. Ich blieb an einer Bude stehen, an der heiße Schokolade verkauft wurde, bestellte eine Tasse und als ich mich auf die Bank setzte, ließ ich mich auf einen Plausch mit denen ein, die sich gemeinsam mit mir an dem duftenden süßen Trunk labten. Unter irgendeinem Vorwand lenkte ich das Gespräch auf den Anführer der Alarben und brachte auf diese Weise seinen Namen in Erfahrung. Als er dann seinen Untergebenen eine Übungspause ankündigte, ging ich zu ihm, lüftete höflich meinen Hut und fragte, ob ich das Vergnügen mit Herrn Tommaso Aniello d'Amalfi habe.

„Wieso?“, antwortete er barsch, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Als ich mich jedoch mit vollem Namen vorstellte und hinzufügte, dass ich Herausgeber der „Nachrichten“ sei, und sogleich fragte, wie die Vorbereitungen auf den Angriff liefen, heiterte sich sein Gesicht auf, zeigte er mir grinsend seine kaputten Zähne und fuchtelte zackig mit dem Arm neben seinem Ohr.

„Aha, der Herr selbst!“, rief er. „Dass ich Sie nicht gleich erkannt habe, Don Fortunato, ich verneige mich tief! Oh, ehrwürdiger Herr“, seufzte er lachend. „Mir hat wohl der Herrgott den Verstand geraubt, dass ich wieder so eine Last auf mich genommen habe. Im letzten Jahr ist es nicht schlecht gelaufen, da hat man mich auch in diesem dazu bestimmt. Naja und es hat mich gereizt, ich Dummkopf, es dieses Mal noch schöner zu machen. Zuhause herrscht Armut, die Kinder weinen, da ist nichts, womit man ihnen die Mäuler stopfen könnte, das Weib ist toll wie ein Wespenvolk, und ich, mein Herr, spiele hier Krieg.“

„Heißt das, dass Ihr kein Militär seid?“, fragte ich, Verwunderung vortäuschend.

„Ich?“ Er lachte und straffte sich gleich vor Stolz und schlug sich mit beiden Händen vor die magere Brust. „Ich bin Fischer! Ein echter neapolitanischer Fischer seit Urväterzeiten!“

„Ach ja? Ich dachte, Sie kämen aus Amalfi.“

„Woher denn, das ist nur ein Beiname vom Vater. Ich war nie dort. Ich bin von hier, jeder hier kennt mich! Masaniello, Fischer von der Vico Rotto.“

Gleich aber wurde er verdrießlich, spuckte aus, schaute auf den Boden und gestand finster: „Was bin ich eigentlich für ein Fischer? Das Boot, das ich von den Vätern geerbt hatte, musste verkauft werden, und zwar für ein paar miese Carlinos, weil es schon fast auseinander fiel. Jetzt handle ich ein bisschen mit altem Papier zum Verpacken von Fischen. Aber“, fügte er hinzu und zwirbelte draufgängerisch seinen riesigen Schnurrbart, „wenn es gelingt, etwas beiseite zu legen, dann kaufe ich mir ein neues Boot und kehre zur Fischerei zurück.“

Nach diesen Worten erinnerte ich mich daran, dass ich ihn tatsächlich schon vorher vom Sehen gekannt hatte. Von Zeit zu Zeit war er in der Druckerei meiner Zeitung aufgetaucht, wo er die Druckpapierabfälle, die wir wegwerfen wollten, erbat oder buchstäblich für ein paar Cavallos aufkaufte. Jetzt lächelte er plötzlich breit, wobei er mir alle Löcher in seinen Zähnen zeigte.

„Wenn man erst einmal etwas gegen diese Betrüger findet, werde ich leben wie ein König!“, fügte er hinzu und deutete mit dem Kinn auf die Bude der Zöllner, die rechtmäßig die Gebühren von allen Waren einkassierten, die auf dem Markt verkauft wurden.

Damals kam mir nicht in den Sinn, dass hinter den Worten des Mannes, der mit Verpackungspapier für Fische handelte, mehr stecken könnte als ein frommer Wunsch.

- Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska