Die andere Seele

Zu schreiben, dass Łukasz Orbitowski mit dem großartigen Buch Inna dusza [Die andere Seele] ein neues Kapitel in seinem künstlerischen Schaffen aufgeschlagen hat, verrät noch gar nichts. Denn die Sache ist ein wenig komplizierter. Man muss mit der Entstehungsgeschichte des Buches beginnen: Die Reihe „Na F/Aktach“ [Auf F/Akten], in der Die andere Seele als eines der ersten Bücher erschienen ist, soll, dem Herausgeber zufolge, „auf der Grundlage von Dokumenten, Anschuldigungen und Aussagen vor Gericht sowie Presseartikeln […] bekannte Verbrechen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten begangen wurden, in Form von ausgeschmückten Geschichten präsentieren“. Orbitowski sah diese Ausgangssituation als künstlerische Herausforderung – und gewann auf ganzer Linie. Die andere Seele handelt von einem minderjährigen Mörder, einem Jungen aus gutem Hause und gescheiterten Konditor, der Mitte der 1990er Jahre im düsteren Bydgoszcz seinen Cousin und ein paar Jahre später seine junge Nachbarin ermordete. Für die Verbrechen gab es keine eindeutigen Motive – was, wie Orbitowski betont, entscheidend für ihn war, gerade diesen Fall zu wählen. Angeblich hat der Mörder, der in dem Roman als Jędrek auftritt, ausgesagt, dass ihn eine „andere Seele“ beherrscht habe und er habe tun müssen, was er getan hat.

Die Handlung von Orbitowskis Roman erstreckt sich über mehrere Jahre, doch alle Episoden sind im Präsens geschrieben – ein großartiger stilistischer Kunstgriff, der der Erzählung Dynamik verleiht und Spannung erzeugt –, was nicht leicht ist, weil es kein Ermittlungsverfahren gibt, weil klar ist, wer der Mörder ist, und ebenfalls bekannt ist, dass er eine langjährige Gefängnisstrafe absitzt. Da die Motive für Jędreks Taten unbekannt sind, rekonstruiert Orbitowski die Begleitumstände, Szenerie, Topografie, das mutmaßliche Familienleben des Mörders, den mentalen Hintergrund jener Jahre in dem düsteren Bezirk einer düsteren Stadt. Das tut er, wie ich meine, meisterhaft, und zeichnet das Bild eines gewöhnlichen, hoffnungslosen Lebens, in dessen Zentrum das Verbrechen steht, ohne dass man wüsste, was der Grund dafür ist. Wenn man Orbitowski liest, kann man sich überlegen – und das verleiht dem Buch zusätzliche Spannung – welche Ereignisse auf Fakten beruhen und welche der Autor vermutet oder erfunden hat. Mit Sicherheit erfunden ist einer der Erzähler, Krzysiek, ein enger Freund von Jędrek, der eine Vermutung hat, wer das Verbrechen begangen haben könnte – und dessen ekelhafte Familie, in der der Vater, ein unheilbarer Alkoholiker und Mythomane, den der Autor überaus überzeugend skizziert, die erste Geige spielt. Bei dieser Gelegenheit greift Orbitowski zum wiederholten Male sein wichtigstes Thema auf: die Pubertät, das Ins-Leben-Treten von Jungen im frühkapitalistischen Polen. Und – sagen wir es noch einmal – er macht das wirklich großartig.

Die andere Seele halte ich für ein außerordentliches Buch, an das man sich für lange Zeit erinnert. Ich meine auch, es ist ein neuer Beweis für die immer ausdrucksstärkere schriftstellerische Kunstfertigkeit Łukasz Orbitowskis.

- Marcin Sendecki

AUSZUG

Malwinas Geist verflüchtigt sich deutlich vor zehn Uhr und hinterlässt eine andere Art Gespenst: Langeweile. Nicht einmal Jędrek ist am Monitor – er hat sich auf den Boden plumpsen lassen, sitzt im Schneidersitz und sieht sich den Schrott dort unten an, sammelt die Disketten, Hefter, zerbrochenen Kugelschreiber zusammen und wirft sie auf einen Haufen an der Wand. Darek hat es aus einem anderen Grund gut gemacht. Hier wird nichts passieren. Wir werden so bis zum ersten Bus hier sitzen, die Jacken bis zur Nase zugezogen. Das Haus ist ungeheizt, die Fenster sind nicht dicht, aber es kommt noch schlimmer. Ich frage Jędrek, woher er von der Frau wusste, die mit dem Kabel von einem Bügeleisen erwürgt wurde.

„Man spricht davon, und basta.“ Jędrek hat etwas Verpackungsfolie gefunden und lässt die Luftblasen knallen. Ich würde ihn bitten, dass er mir ein Stück gibt, aber das ist peinlich. „Die Leute erzählen verschiedene Dinge, wenn ihnen langweilig ist. Ich habe gehört, dass es noch ein wenig anders war, dass diese Tante einfach verschwunden ist. Ihr Kerl hat gesagt, dass sie mit jemandem abgehauen ist, aber in Wirklichkeit hat er sie mit diesem Kabel erledigt und im Keller eingemauert. Später ist er davon verrückt geworden, von dem Geist. Und sitzt überhaupt nicht im Gefängnis, sondern ist in einer Zwangsjacke losgelatscht, nach Świecie.“

Er rutscht auf dem Boden ein Stück weiter zu den durcheinander liegenden Kabeln. Eins nach dem anderen zieht er heraus. Ich frage, ob er das ernst meint oder ob er versucht, mir einen Schrecken einzujagen. Er zögert mit der Antwort. Ich wiederhole meine Frage. Jędrek legt das Kabel zurück und senkt den Blick zu Boden. Jedes Wort bereitet ihm Schwierigkeiten:

„Ich bin zu dumm für solche Sachen. Ich meine nicht, dass ich überhaupt dumm bin, nur zum Nachdenken über solche Sachen bin ich nicht geeignet. Solche Geister, die sich auf Friedhöfen rumtreiben, gibt es bestimmt nicht. Die hätte jemand gefilmt, oder? Aber es gibt wahrscheinlich andere Geister, weißt du, solche, die in den Menschen leben neben unseren Seelen, den gewöhnlichen. Und sie wollen dort etwas. Manche sind still, andere laut. Sie brüllen und machen Lärm. Das ist nicht zum Aushalten. Das heißt, es scheint mir, dass das Leben mit einem solchen Geist in sich drin sehr schwer ist, besonders wenn er etwas will, auf was du keine Lust hast.“

Er wendet sich wieder seinem Schrott zu. Er sieht jetzt wie jemand aus, der Gegenstände eines ihm Nahestehenden ansieht, der kürzlich verstorben ist. Ich würde gern fragen, ob Wodka so ein Geist ist. Jędrek lehnt sich abrupt nach vorn. Er hebt einen Stahlstab auf, einen halben Meter lang. Wahrscheinlich stammt er von einem Zaun. Ich verstehe nicht, was vor sich geht. Jędrek ist schon auf den Beinen und geht zu der mit einem Vorhängeschloss gesicherten Tür. Er kommt nur noch einmal zurück, um seinen Rucksack zu holen.

***

Ich weiche dem aufgebrochenen Vorhängeschloss aus, als würde es stinken, und lande nach Jędrek in dem zuvor abgeschlossenen Zimmer. Es ist dort schwül und sauber. Am Fenster steht ein Schreibtisch mit einer kleinen Lampe, daneben eine Autobatterie und ein Drehstuhl. Die Bretter des Regals sind leer, abgesehen von ein paar Fotoalben, die so weit oben stehen, dass ich mich auf die Zehenspitzen stellen müsste, um an sie heranzukommen. Auf dem Klappsofa finde ich eine Decke und ein Kopfkissen ohne Bezug. Die Wände riechen frisch.

Ich schalte die Lampe an, unterdessen flitzt Jędrek zur Loggia und plagt sich mit der Tür ab. Als sie nachgibt, laufe ich durchs Zimmer und versuche zu ergründen, wozu es dient. In der Schreibtischschublade finde ich einen Stapel Papiere, obenauf einen Kreditvertrag. Die Kreditfirma Fortuna leiht einem gewissen Wacław Korczyński 7.000 Złoty und erläutert in langen Absätzen die Rückzahlungsmodalitäten. Ein Geleitbrief von Ganoven sieht daneben bestimmt aus wie ein Liebesbrief. Jędrek treibt sich währenddessen in der Loggia herum. Er lehnt sich an eine Säule und blickt in die Nacht. Ungewöhnlich sanft, als würde er sich gleich in Luft auflösen.

Ich lege den Vertrag zurück. Die anderen Schubladen sind leer. Rund um das Bett liegen Taschentuchpackungen, jede Menge Taschentücher sind im Mülleimer, benutzt und verklebt. Unter der Decke, die in eine Vertiefung gedrückt ist, liegt Aloe-vera-Öl in einer kleinen Flasche aus weichem Plastik. Ich verstehe das nicht und rufe Jędrek, aber der rührt sich nicht. Es sind nur noch die Fotoalben übrig. Ich nehme das erste, schlage es auf. Diesmal kommt Jędrek sofort angelaufen.

Jungen. In unserem Alter, viele jünger, sorgfältig hinter Folie geschoben. Halbnackt, beim Turnunterricht oder beim Baden. Ausgeschnitten aus Westzeitungen. Am Schluss finde ich ein einzelnes Polaroid-Foto, von oben aufgenommen. Mein Altersgenosse liegt auf einem Kissen, bunter Bettwäsche. Seine Augen sind wie dreckiges Wasser, sein Lächeln angespannt. Das ist die letzte Seite. Jędrek nimmt das Album, setzt sich auf das Sofa und sieht es sich an. Er geht mit seinem Gesicht nah an die Fotos und blinzelt, als wollte er jedes Detail erkennen: die vorstehenden Rippen, den Flaum auf dem Unterbauch. Das Zimmer beginnt zu wirbeln, gleich drücken die Wände meinen Kopf zusammen. Auf der Treppe hallen Schritte.

***

Ich hätte schwören können – ein riesiger Kerl. So laut schallt es. Ich greife nach der Balkontür. Jędrek hebt träge den Kopf. Er legt das Album aufs Sofa. Nimmt den Rucksack und kramt darin rum. Er steht mit dem Rücken zu mir, also weiß ich nicht, was er hervorgezogen hat – obwohl ich es doch weiß, nur möchte ich es lieber nicht wissen. Ich stürze auf die Loggia und schätze die Höhe ab. Unten sind Büsche. Das Geräusch der Schritte wird lauter. Wer auch immer gekommen ist, ist schon im ersten Stock und sieht gleich, jeden Moment, die offene Tür zu seinem Rückzugsort. Ich zische Jędrek zu. Pfeife, damit wir abhauen, aber er rührt sich nicht. Schließlich kann ich ihn nicht allein lassen. Ich will aber auch nicht Zeuge dessen werden, was gleich geschieht.

Ich springe ins Zimmer und reiße Jędrek am Ärmel. Er dreht sich plötzlich um, bleckt seine Zähne und macht eine Miene, als würde er mich nicht erkennen. Das dauert nur einen Moment. Er setzt den Rucksack auf, schließt den Gurt und gemeinsam springen wir vom Balkon, genau in dem Moment, als ein Typ in Lederjacke, mit Zigarette und prall gefüllter Plastiktüte in der Tür steht. Ich hechte ins Unkraut ohne mich umzusehen. Jędrek jagt zum Tor und ich hinterher. Ich fliege beinahe über den Zaun. Erst auf dem Weg erlaube ich mir einen Blick zurück. Herr Korczyński hat die Tüte fallen lassen. Eine Hand klammert sich ans Geländer der Loggia, die andere hat er in ohnmächtiger Wut erhoben, aber sein Gesicht ist nicht zu erkennen, es verschmilzt mit dem Haus.

Wir halten nicht an der Wendeschleife an, sondern erst einen Kilometer weiter. Das Dickicht bietet uns Schutz. Ich halte mich an einem Stamm fest und keuche, Jędrek schnauft auch. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also sage ich irgendwas. Sofort, gleich die Polizei. Sollen sie ihn einlochen. Jędrek hat keine Lust zu sprechen, er schüttelt nur den Kopf, spuckt aus, beugt sich vor und stützt seine Hände auf die Oberschenkel. Wir verharren so ein paar Minuten, Dampf steigt aus unseren Mündern auf. Wir hören Motorenlärm, auf dem Weg blitzen die Lichter eines Autos auf. Wer auch immer damit fährt, er hat jedenfalls keinen Bleifuß. Wir pressen uns auf die Erde und die Lichter fahren langsam an uns vorbei. Ich kann nicht erkennen, wer der Fahrer ist, die Automarke auch nicht. Die nächsten schweren Augenblicke verbringen wir hockend, verborgen hinter Bäumen, bis Jędrek das Zeichen zum Aufbruch gibt. Ich blicke mich nicht einmal um.

Wir laufen Richtung Bydgoszcz, es ist dunkel und ruhig. Jedes Mal, wenn wir ein Auto hören, verstecken wir uns im Gestrüpp oder auf einem Hof. Wir tauschen Blicke, hören unseren eigenen Atem. Ich würde mich gern hinter Jędrek verstecken. Ich würde hinter seinen gewaltigen Ausmaßen verschwinden, aber ich würde ihn auch verteidigen, wenn das notwendig sein sollte. Anfangs geht Jędrek gebeugt, mit weichen Knien. Als der Lichtschein der Stadt in ein Gewimmel von Lichtpunkten, Nachtbussen, Tankstellen und Nachtschwärmern zerfällt, wird Jędreks Schritt wieder kraftvoll. Wir verstecken uns nun nicht mehr am Straßenrand, weil Jędrek stark ist und ihn nichts vom Weg abbringt.

***

Es ist bald drei Uhr. Jędrek verabschiedet sich, springt aus dem Nachtzug und läuft mit schnellen Schritten durch Bydgoszcz-Fordon, ohne auf den Boden zu blicken. Die Stille des Hauses, in dem sie waren, begleitet ihn bis hierher. Jędrek senkt den Kopf und wird noch schneller. Er joggt auf die Gordon-Straße, nur um sich auf eine Bank fallen zu lassen. Er starrt auf das Fenster seines eigenen Zimmers, knöpft die Jacke zu, versucht den Kragen über die durchgefrorenen Ohren zu ziehen, doch dabei entblößt er seinen Bauch. Er schiebt sich also das Sweatshirt in die Hose.

Anstatt nach oben zu gehen, zu sich, nimmt er die Treppen nach unten in den Keller. Den Zugang dorthin verweigert ihm eine Stahltür, die Jędrek nicht öffnen kann. Er rüttelt an der Klinke und setzt sich in den Vorraum unter ein hoch gelegenes Fensterchen. Den Wecker in seiner elektronischen Armbanduhr stellt er auf sieben Uhr. Er schiebt sich die Hände unter den Kopf und schläft sofort ein.

- Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel