Schwerelosigkeit

Schwerelosigkeit ist einer der besten polnischen Frauenromane der letzten Jahre: universell, vielsinnig und offen für unterschiedliche Interpretationen. Wie in Fiedorczuks früheren Erzählbänden sind auch in diesem Roman die Hauptfiguren Frauen. Wir folgen den drei Protagonistinnen von der Kindheit in einem kleinen Ort unweit von Warschau bis ins Erwachsenendasein in der Großstadt. Jede von ihnen – auch das ein häufiges Motiv bei Fiedorczuk – entstammt einem anderen sozialen Milieu, doch sind sie durch ihre mädchenhafte Sensibilität, ihre Weltwahrnehmung und ihr Verhältnis zur Umgebung miteinander verbunden. Jede von ihnen wird mit ihrem Körper, mit der Gleichgültigkeit der Eltern und mit männlicher Gewalt konfrontiert. Zuzanna ist die Tochter eines Universitätsdozenten, der sie zu Kunstkursen schickt. Die erwachsene Zuzanna ist reich, gebildet und weltgewandt. Eine typische Vertreterin der Mittelklasse: einsam, selbstbezogen, auf der ewigen Suche nach einer besseren Version ihrer selbst. Anders ihre Kindheitsfreundin Helena. Ihre Mutter war Näherin, und auch sie übt als Zimmerfrau in einem Hotel eine körperliche Tätigkeit aus. Außerdem zieht sie zwei Töchter auf und besucht ihre sterbende krebskranke Mutter im Krankenhaus. In diametralem Gegensatz zu den beiden steht der Lebenslauf ihrer Schulfreundin Ewka. Sie wurde von der Müllsammlerin Maria geboren und in eine Sonderschule in Warschau gegeben. Die erwachsene Ewka ist obdachlos, lebt auf der Straße und verwendet ihre ganze Energie darauf, ihre tägliche Dosis Alkohol und einen warmen Schlafplatz zu finden.

Schwerelosigkeit ist ein soziologischer Roman über Frauenfiguren, die unfähig sind, die durch ihre soziale Herkunft bestimmten Grenzen zu überwinden. Intelligenz, Ehrgeiz, Sensibilität und Interessen sind ohne Belang – alle drei Frauen sind dazu verurteilt, das Schicksal ihrer Mütter zu reproduzieren.

Darüber hinaus bietet Julia Fiedorczuks Roman dem Leser aber weitaus mehr, denn die titelgebende Schwerelosigkeit hat auch einen metaphysischen Aspekt, sie bezieht sich auf die Unmöglichkeit, im eigenen Leben Fuß zu fassen und Wurzeln zu schlagen. Alle drei Frauen versuchen auf ihre Weise, ein vertrautes Verhältnis zu ihrem Körper, ihrem Schicksal und dem Ort, an dem ihnen zu leben bestimmt ist, zu entwickeln. Immer wieder aber erweist sich der Körper als unbekannt, die eigene Biographie als fremd und unverständlich, die Familie als Ansammlung von Fremden. Jeden Tag ringen daher die Frauen darum, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden und ihr eigenes Dasein zu bestätigen.

In dieser Konfrontation von soziologischer Beobachtung und metaphysischer Dimension liegt der größte Wert von Fiedorczuks Roman, denn gerade sie verleiht dem Text eine neue Qualität. Die Autorin gelingt es nämlich, ihre Erzählung aus paradoxen Konstellationen heraus zu entwickeln, die Komplexität des vermeintlich einfachen Lebens zu zeigen und die Frau ohne sentimentale Ausschmückungen als Mensch zu zeigen. In Schwerelosigkeit wird der Kampf gegen den Staub in den Rang einer philosophischen Tätigkeit erhoben (eine Spur in der Welt hinterlassen), die Suche nach dem Selbst vollzieht sich in alkoholisierten Traumvisionen. Fiedorczuk zeichnet die Mädchen als ebenso sensible wie extrem grausame Wesen, die in ihrer Welt die Verhältnisse nachbilden, die sie zwischen den Erwachsenen beobachten. Zuzanna sagt zu ihrer Puppe „Hör endlich auf zu heulen“, Ewka schlägt den sich an sie schmiegenden Hund. Auch als erwachsene Frauen bleiben sie ambivalent: Sie verabscheuen die männliche Dominanz, aber sie unterwerfen sich ihr und nutzen sie aus, sie sprechen nicht über die Gewalt, die ihnen widerfährt.

- Paulina Małochleb

AUSZUG

Ewka wusste auch ohne Uhr, dass die Kleingartenanlage bald abgeschlossen würde. Der Stand der Sonne verriet es ihr. Oder genauer gesagt, nicht der Stand der Sonne, sondern die Farben. Der Himmel blasste langsam aus, alles andere wurde dunkler und gewann an Kontur. Nun musste Ewka versuchen, sich unbemerkt vom Hausmeister in die Anlage zu schleichen.

   Das Tor quietschte leise. Ewka schloss es sorgfältig hinter sich und schaute sich um. Niemand zu sehen, keine Menschenseele. Sie ging los. Langsam, aber würdevoll, unter dem Arm eine Plastiktüte mit der Aufschrift Triumph. Sie folgte ihrem Instinkt. Und der Vision eines verlassenen Gartenhäuschens in einem der Schrebergärten. Dem Traum von einem bequemen Schlafplatz. Der Tag war lang gewesen, sie hatte es geschafft, sich zwei Mal zu betrinken und zwei Mal auszunüchtern. Das Gartenhäuschen war ein glühender Punkt auf dem Stadtplan, der bei Ewka an einer weitaus beständigeren Stelle als dem Gedächtnis abgespeichert war, ein pulsierender Lichtfleck, der sie anzog.

   Sie bog in den nächsten Weg ein. Gleich hinter der Ecke waren in einem der gepflegteren Gärten fröhliche Menschen am Grillen. Der Geruch von gebratener Wurst war eine Qual, aber er beeindruckte Ewka nicht, denn sie war Qualen gewohnt. Sie richtete sich auf, ging weiter, als ob nichts wäre, als hätte auch sie ein Recht darauf, abends zwischen Fliederbüschen über die Aleja Kota zu spazieren. Sie schaute nach vorn. Die Gespräche am Grill verstummten kurz und dann, als sie schon ein Stück weiter war, hörte sie eine laute Lachsalve. Sie brummte einen Fluch, aber ohne Leidenschaft. Sie war so müde, dass sie noch nicht einmal mehr fluchen mochte. Doch das verlassene Gartenhäuschen war offenbar nicht mehr weit, das Licht pulsierte immer stärker und gab Ewka Kraft. Geleitet von diesem unsichtbaren Leuchtturm bog sie wieder ab, diesmal in einen etwas breiteren Weg, der die Kleingartenanlage der Länge nach durchschnitt. Sie ging genau auf die untergehende Sonne zu. Vor der Sonne, noch weit genug entfernt, erkannte sie den Schatten des Hausmeisters auf seinem Fahrrad.

   Es war einer der wenigen Momente, in denen sie schnell reagierte. Sie drehte reflexartig um und zog sich in die Aleja Kota zurück. Die Gespräche am Grill verstummten diesmal nicht. Sie blieb am Tor gegenüber stehen, stellte die Plastiktüte ab und tat so, als werkele sie am Schloss. Eine Frauenstimme sagte: „Achja, man wird wohl das Vorhängeschloss wechseln müssen…“ Aus den Augenwinkeln sah Ewka, wie der Hausmeister die Kreuzung überquerte und weiterfuhr. Sie kehrte auf den Hauptweg zurück und schaute aufmerksam um sich – er war verschwunden. Das Licht aber flackerte noch immer. Noch… dort und dort entlang, dachte Ewka. Dort. Hinter dem Jasmin nach rechts. Sie war schrecklich müde, aber das Wissen, fast am Ziel zu sein, verlieh ihr zusätzliche Kraft. Diesmal lugte sie, bevor sie abbog, vorsichtig um den Zaun, um zu sehen, ob die Luft rein war. Sie war rein. Auf dem schattigen Weg war niemand zu sehen.

   Sie bog ab. Es war der weniger gepflegte Teil der Anlage, zugewachsen von alten Bäumen und Sträuchern. Auf einigen Parzellen war lange kein Gras gemäht worden. In diesem Meer von Grün, im Schatten, wurde es Ewka plötzlich kalt. Ein Schauer überlief sie. Doch es war nicht mehr weit. Das Licht pulsierte. Nur noch… dort herum, dachte sie. Nur noch einmal abbiegen. In Richtung der untergehenden Sonne. Die Vorstellung, wie gemütlich sie es gleich haben würde, schmerzte fast. Auch wenn da wieder wer hingeschissen haben sollte. Na wenn schon. Nawennschon nawennschon.

   Genau in diesem Moment stand plötzlich und völlig unerwartet, wie aus dem Nichts, eine Frau mit einem großen Weißfliederstrauß in den Händen fast vor ihrer Nase. Ewka sah zuerst nur die üppigen, schweren weißen Dolden. Und der Blütenduft hätte Ewka erdrückt, wenn nicht ihr eigener strenger Geruch wie eine undurchlässige Sperre gegen alle anderen Gerüche gewirkt hätte. Die Frau kam aus einem der wilderen Gärten und schloss gerade das Tor hinter sich. Sie war unmittelbar vor Ewka aufgetaucht. So plötzlich und so nah, dass sie sich unwillkürlich in die Augen sahen, die Frau und Ewka, obwohl es normalerweise nicht vorkam, dass jemand Ewka in die Augen sah. Die Frau, eine ältere Dame in einem leichten hellen Mantel und mit rötlichen, sorgfältig gelegten Locken, erstarrte. Und Ewka wusste, das war’s. Schluss. Aus. Vorbei. Sie standen einen Moment da und maßen sich mit Blicken, Ewka und die Frau, bis letztere sagte:

   „Aber Sie… können hier nicht…“

   „Warum denn nicht, verdammte Scheiße?“, fragte Ewka geistesgegenwärtig. „Es war offen, also bin ich reingekommen.“

   „Wie reden Sie denn mit mir?“, empörte sich die Frau. „Warum denn diese Kraftausdrücke?“

Ewka zuckte die Schultern. Das Licht erlosch wie ein ausgeblasenes Streichholz, es wurde noch kälter. Ein Schauer überlief sie.

   „Wir schließen hier nachts ab“, fuhr die Frau fort. „Nachts dürfen hier nur die Besitzer…“  Sie schloss das Gartentor und stand jetzt in der Mitte des Weges und versperrte Ewka den Durchgang. „Wir müssen hier alle eine gewisse Ordnung halten“, erklärte sie, als hoffe sie auf Ewkas Verständnis.

   Aber Ewka zeigte keinerlei Verständnis. Ganz im Gegenteil, in einer jähen Willensanstrengung ging sie los. Direkt auf die gepflegte Ordnungshüterin zu. Und auf ihren großen Fliederstrauß.

   „Was tun Sie?“, protestierte die Frau, aber sie musste beiseite treten, denn Ewkas Haltung verriet wilde Entschlossenheit.

   Ewka ging weiter. Ohne sich umzusehen. „Aufsicht!“, schrie die Frau. „Aufsicht!“ Ewka ging weiter. Nur noch ein paar Schritte, und sie würde in Richtung der untergehenden Sonne abbiegen, und das wäre endlich die letzte Kurve, denn kurz dahinter, wortwörtlich ein paar Gärten weiter, stand der leere Holzpalast für die Königin Ewa, in dem sie, die Königin Ewa, heute Nacht schlafen würde.

   „Aufseher!“, schrie die Frau. Nur ein paar Schritte noch. Nur ein paar. „Was ist los?“, fragte eine raue Männerstimme. Ewka hörte das bremsende Fahrrad. Sie ging weiter. „Sehen Sie nur, sie hätte mich fast umgerannt!“, klagte die Frau. „Heda!“, rief der Hausmeister Ewka nach. Ewka ging weiter. „He, wo willst du hin?!“, brüllte er. „Sie hätte mich fast umgerannt“, wiederholte die ältere Frau.

Ewka ging weiter. Langsam und würdevoll schritt sie auf ihren Palast zu. Sie kam zur Kreuzung. Und bog ab. Das war die letzte Kurve. Am Himmel hing orangefarben die Sonne, auf die ging sie zu. Nur ein kleines Stück noch. Ein kleines Stück nur.

   „Halt!“, bellte der Hausmeister. Doch Ewka ging weiter. Kurz darauf hörte sie wieder die Fahrradbremse, nun dicht hinter sich. Jemand packte sie an der Schulter. „He, verpiss dich von hier“, sagte der Hausmeister. „Hier wird nicht übernachtet.“ Sie blieb stehen. Die Sonne war groß und schwer und brannte in den Augen. Es schüttelte sie. „Verpiss dich“, sagte er etwas sanfter. Die Frau mit dem Fliederstrauß war herangekommen. „Aber mein Herr, so redet man nicht“, japste sie. „Sie haben mich doch selbst gerufen“, erwiderte er. „Also was wollen Sie?“ „Ja, aber… Das ist doch auch ein Mensch.“ Die Frau deutete mit dem Strauß auf Ewka. „Vielleicht ein Notasyl…“ Der Hausmeister zuckte die Schultern. „Hören Sie“, wandte die Frau sich an Ewka, die sich nicht rührte. „Vielleicht gehen Sie über Nacht in ein Notasyl? So etwas gibt es, ich habe es oft im Fernsehen gesehen…“

   „Jetzt fangen sie an zu beratschlagen“, brummte der Hausmeister. Ewka machte einen Schritt nach vorn. „He“, blaffte er. „Sehr verehrte Damen, dort ist der Ausgang.“ Er zeigte in die Richtung, aus der Ewka gekommen war. „Und wenn ich dich noch einmal hier sehe, rufe ich die Polizei.“

   „Ich begleite sie zum Tor“, bot die Frau an.

   „Und wenn ich dich noch einmal hier sehe, hole ich die Polizei“, wiederholte der Hausmeister.

   Ewka blinzelte; die Sonne schien wirklich kräftig, und zwar rot. Nur Wärme spendete sie überhaupt nicht. Vielleicht lag es aber auch am Schatten. Vielleicht an der Kühle der Bäume. Vielleicht an der Feuchtigkeit der Bäume.

   „Na, lassen Sie uns gehen“, sagte die Frau.

   Ewka wandte sich um und ging, ohne auf ihre Begleiterin zu warten, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Es war ein wenig so, als spule jemand unter Überwachung einen Traum zurück. Diesen Traum anzuschauen war eine Qual, was aber Ewka wenig beeindruckte, denn Ewka war Qualen gewohnt. Sie hatte die Sonne jetzt im Rücken. Sie fühlte sich schrecklich müde. Doch sie wusste, sie würde keine Ruhe finden, solange sie nichts tränke. Auf gar keinen verdammten Fall.

   Die Frau trippelte ihr hinterher. Sie war kleiner als Ewka und machte sehr kleine Schritte, deswegen musste sie fast laufen, um nicht abgehängt zu werden.

   „Vielleicht ein Notasyl?“ wiederholte sie atemlos. „Und warum leben Sie auf der Straße? Warum arbeiten sie nicht?“

Ewka ging weiter. Sie befand sich auf dem Hauptweg, nur dass sie sich jetzt von der Sonne entfernte, die ohnehin langsam hinter den Bäumen verschwand. Ewka sah das nicht, sie spürte nur, wie die oberflächliche Wärme, die von ihr ausging, nachließ. Es wurde noch kälter.

   Ewka bog in die Aleja Kota ein. Der Bratwurst-Geruch überfiel sie noch brutaler als zuvor. Die Leute am Grill amüsierten sich prächtig. Ein Kind schrie, aber niemand schenkte ihm Beachtung. Genau so wenig wie dem vorbeiziehenden zweiköpfigen Trauerzug.

- Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann