Der alte Axolotl

Jacek Dukajs neuestes Werk ist ausschließlich als E-Book erhältlich. Vertrieben wird es über die größte polnische Plattform für Internethandel, die damit nach eigener Aussage „eine neue Dimension des Buches“ eröffnen und „neue Leseerfahrungen“ ermöglichen möchte. Das sind natürlich Marketingparolen, denn in Wirklichkeit ist Das Alter des Axolotl eine klassische Cyberpunkt-Erzählung, die – auf der reinen Gebrauchsebene – um einige technische Elemente wie Grafiken und Hyperlinks angereichert wurde.

Im Gegensatz zur innovativen, progressiven „Verpackung“ ist Dukajs Kurzroman in Form und Thematik traditionell gehalten. Letztlich handelt es sich um eine weitere postapokalyptische und zugleich posthumanistische Zukunftsvision, wobei Dukaj diese Zukunft in der Exposition seines Romans recht nah an unserer Gegenwart ansiedelt. Die Erde wird von einer Katastrophe in Gestalt tödlicher kosmischer Strahlung heimgesucht, bei der „keine organische Verbindung überlebte“. Bevor jedoch alle bisherigen Formen biologischen Lebens komplett aussterben, gelingt es einigen Menschen, ihr Bewusstsein zu kopieren und prophylaktisch auf online vernetzte Computer zu übertragen. Die wenigen Überlebenden sind hauptsächlich exzellente Programmierer und erfahrene Computerspieler. Einer von ihnen ist Grześ, der in der IT-Abteilung eines nicht näher benannten Konzerns arbeitet. Nachdem mit einem Schlag alle Staaten und sonstigen uns bekannten sozialen Strukturen ausgelöscht wurden, wird die virtuelle Welt PostApo von Vereinigungen von Online-Computerspielern (Gildies) und übergeordneten Organisationen (Allianzen) beherrscht. Die posthumanen Existenzen kämpfen unablässig um den Zugang zu den wenigen aktiven Servern und Elektrizitätsquellen. Weil interessanterweise das Internet auch in der PostApo-Realität noch funktioniert, haben Grześ und andere Transformer unbeschränkten Zugang zu den großen Wissensarchiven. Auf dieser Basis entstehen Überlegungen zu einer möglichen Rekonstruktion der Zivilisation vor der globalen Katastrophe sowie – weitergehend – zur Entwicklung einer neuen Gattung, die den Menschen ersetzen könnte. In diesem Kontext erscheint die Titelmetapher des Axolotl, das heißt einer Lebensform, die wie die vom Aussterben bedrohte Amphibie nie das Reifestadium erreicht, sondern im Larvenstadium verharrt. Dukajs Denken scheint in diese Richtung zu gehen: Das Ende des biologischen Lebens und insbesondere der Menschheit, wie wir sie kennen, markiert den Beginn eines anderen Lebens, das wir meist als virtuelles bezeichnen. Freilich kann dieses neue Leben nicht als Endpunkt, als absolut reife Form verstanden werden. Damit überschreitet Dukaj die Grenzen traditioneller Cyberpunk-Literatur. Ihn interessiert weniger die PostApo-Wirklichkeit als die Frage, was aus dieser Wirklichkeit hervorgehen könnte – natürlich immer im Rahmen der hier durchaus gelungen dargestellten literarischen Fiktion.

Wie jede bessere Cyberpunk-Geschichte speist sich Das Alter des Axolotl aus ganz aktuellen und keineswegs an den Haaren herbeigezogenen Ängsten, von denen die Sorge, intelligente Maschinen und mit einem Bewusstsein ihrer selbst ausgestattete Computerprogramme könnten sich bald emanzipieren und die Kontrolle über unsere Welt übernehmen, nicht einmal die wichtigste ist. Im Zentrum von Dukajs Kurzroman steht schließlich dessen Hauptfigur mit ihren Empfindungen und Stimmungen, zumal ihrer Trauer oder auch ihrer ergreifenden Melancholie. Grześ (nie Grzegorz!) erlebt das Ende der Welt – das in Das Alter… wohl nicht zufällig mit dem polnischen Wort für Shoah (‚Zagłada’, wörtlich ‚Vernichtung’) benannt wird – sehr persönlich, fast schon intim. Wie er die Vernichtung überlebt, klingt beunruhigend vertraut: Er schlüpft in den Körper eines humanoiden Roboters und beginnt mit einer Umgestaltung der von Programmierern und früheren Visionären, allen voran die Schöpfer von Blade Runner, geschaffenen Räume. Ganz so wie viele unserer Zeitgenossen, die nach Erlösung in Welten suchen, die nicht existieren, die ihnen aber aus den verschiedensten Gründen besser erscheinen als die Welt vor ihrer Haustür.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

 „Süße Melancholie.“

„Manga blues, Baby, manga blues.“

Manga blues, sie sitzen auf der Terrasse des Kyōbashi Tower mit Blick auf die nächtliche Ginza, nur jede zehnte Reklame leuchtet, jeder zwanzigste Bildschirm, und auf dem Bildschirm direkt über ihrer Terrasse läuft eine ironische Endlosschleife: die Szene aus Blade Runner mit dem vom Regen triefenden Rutger Hauer und dem melancholischen Neonlicht. Und sie, traurige Roboter, sitzen hier, stehen oder trippeln umher in einer Karikatur von Kaffeehausplauderei.

   „Noch einen Wodka?“

   „Ja, bitte.“

Stählerne Greifer packen mit chirurgischer Präzision das zarte Glas. Es gibt spezielle Programme zur Unterstützung der Feinmotorik beim Wodkatrinken.

Natürlich trinken sie keinen Wodka, die Getränke sind Attrappen. Sie trinken nichts, sie essen nichts, die fünf Zentner schweren Mechs in der Bar Chūō Akachōchin, sie können bloß diese Lebensgesten nachahmen, mühsam die Gepflogenheiten einer untergegangenen Biologie reproduzieren.

Der Barmann in der Hülle eines mechanischen Barmanns gießt Smirnoff nach. Der dreigelenkige Arm streift den Polymerhandrücken eines Transformers, der nicht weniger verzweifelt einen Bargast mimt. Das Knirschen übertönt sogar Hauers Monolog.

Das ist der eigentliche Fluch, denkt Grześ. Metal on metal, heart on heart, und jede Ungeschicklichkeit, jedes Einsamkeitsdrama werden tausendfach vervielfältigt. Wie unter einem Mikroskop. Wie eine Projektion auf einer hundert Hektar großen Leinwand.

Wir sind monströser schattenhafter Menschenschrott, ein Molibdän-Abbild der Verzweiflung leerer Herzen.

Manga blues, sie sitzen unter den letzten roten Lampions auf der Terrasse des Chūō Akachōchin, traurige Roboter, und erzählen sich Legenden.

Die erste Legende handelt vom Menschen.

   „Von den Flügeln hätte jeder Schmetterling geträumt“, sagt Dagenskyoll, und sein Schulterlautsprecher rasselt leicht bei den Zischlauten. „Und wenn die Propeller sich drehten, sahen sie aus wie blaue Regenbogen. Der Dawntreader XII, ganz aus Nano- und Carbonfasern gebaut“, sagt Dagenskyoll, und auf seinem Brustmonitor erscheinen aus Google-Caches stammende Skizzen und Baupläne eines Flugzeugs. „Flügelspannweite: 78 Meter. Gewicht: 1,64 Tonnen. Er kam gerade aus der Inspektion und stand in einem Hangar auf dem Flughafen in Dallas, als der Strahl die gegenüberliegende Erdhalbkugel traf. Also hatten sie hatten genug Zeit, um ihre Familien, Vorräte und Ausrüstung hineinzupacken. Sie starteten mit einigen Stunden Vorsprung vor dem Meridian. Die Erde dreht sich mit einer Geschwindigkeit von 1.674 Kilometern pro Stunde, aber das gilt für den Äquator. Der Dawntreader schafft maximal 300 Stundenkilometer, um also den Abstand zum Todesmeridian zu halten, mussten sie oberhalb des achtzigsten Breitengrads bleiben. Von allen Solarflugzeugen war dazu nur der Dawntreader in der Lage.“ – Dagenskyoll zeigt die Anordnung der Solarzellen, die Flügel und Rumpf des Flugzeugs bedecken. Auf den Aufnahmen schimmern sie tatsächlich schmetterlingshaft in der Sonne. ‒ „Bei der zweiten Umkreisung überflogen sie schon eine Erde, auf der alles organische Leben komplett ausgelöscht war, auf ihre Funksprüche reagierten nur noch Maschinen, automatische Systeme von Flughäfen oder Militärbasen. Als nach 177 Stunden der STRAHL erlosch, konnten sie auch dies nur aus automatisch übermittelten Informationen von der anderen Halbkugel erschließen. Sie nahmen keinen Kontakt zu Transformern auf, sie gingen nicht ins Netz. Sie flogen weiter. An Bord des Dawntreader wurde abgestimmt: Landen oder nicht? Kurz landen, Vorräte auffüllen und weiterfliegen oder warten und herausfinden, ob der STRAHL tatsächlich erlosch? Schließlich teilten sie sich auf. Ein Teil der Gruppe hatte nach zwei Wochen die Nase voll, also landeten sie im Norden Grönlands auf einer Landebahn unweit einer Ansiedlung auf dem Eis, luden Wasser und Lebensmittel ein, ließen die Unwilligen zurück und setzten ihren Flug fort.“ – Dagenskyoll hebt einen seiner vier skeletthaften Mosaikarme und deutet auf den Zenit des sternlosen Tokioter Himmels. – „Sie fliegen noch immer dort oben in transozeanischen Höhen.“

Und jetzt weiß jeder sicher, dass es sich um einen Legende handelt.

Grześ sitzt am äußersten Rand der Terrasse, sein sentimentales Requisit ist eine leere, mit grellen Katakana-Zeichen bedruckte Budweiser-Dose. Wenn man sie senkrecht auf den Tisch stellt, beginnt sie zu wackeln und zu tanzen wie eine Hula-Hoop-Tänzerin. Grześ hält die Dose mit dem kilojoulestarken Griff eines Star Troopers.

Wir sind alle nur Spielzeug, denkt er. In der Ferne, schleudert der Wind auf Höhe des vierzigsten Stockwerks ein losgerissenes Kabel hin und her, und immer wieder sprüht ein elektrischer Funkenregen auf das dunkle Tokio hinab. Grześ überlegt kurz, wieviel Strom den königlichen Kraftwerken auf diese Weise verloren geht. Dann denkt er an Feuerwerke und Hollywood-Spezialeffekte. Die Luft ist kalt, aber das Metall spürt den Wind nicht. Das Metall spürt nichts.

So verbringen sie ihre Abende, so verbringen sie ihre Nächte.

Fremd im eigenen Land. Umso mehr als es unter den Transformern keinen einzigen Japaner gibt, ganz Japan wurde beim ersten Auftreffen des STRAHLS vernichtet – Asien lag in der Stunde Null in der Todes-Hemisphäre.

„Anyway.“

Die zweite Legende handelt vom Paradies.

„Sie haben es geschafft. Sie haben es wirklich hinbekommen. Auf den Servern eines der großen Studios in Kalifornien haben sie mit Hilfe fertiger Scans auf der anderen Seite des Uncanny Valley die Welt wiedererschaffen. Oder wenigstens Haus, Garten und Körper. Und sie haben einen absolut sicheren Zugang geschaffen, so dass du dich endlich direkt ins Netz einloggen kannst, mind-to-mech oder sogar mind-to-mind, und keine Malware bricht deinen Speicher auf und infiziert dein Bewusstsein. Sie loggen sich also dort ein, auf der anderen Seite, und haben wieder weiche, warme, feuchte Organismen, wunderbar sinnlich im direkten Kontakt, sie haben wieder einen Tastsinn, können wieder riechen und schmecken.“ – Dagenskyoll kommt in Fahrt, und die kantigen Roboter im Kreis der konzentrierten Zuhörer rücken noch näher und beugen sich vor, sie fahren ihre Zungen-Mikrofone und Scanner-Barthaare aus. – „Sie können schmecken, und sie trinken, und essen, und trinken …“ – Er hebt sein Wodkaglas und ringsum ertönt ein langanhaltendes Rasseln, krrrschachrrr, eine Interferenz von Lautsprechern und Mikrofonen oder vielleicht das Aufseufzen einer schamhaften Maschine. – „… und sie trinken, trinken und schlafen, selbst wenn sie nicht träumen, und laufen über das Gras und wärmen sich in der Sonne.“

Ein schwarzer Mech-Medicus brüllt Dagenskyoll aus seinem übersteuerten Lautsprecher direkt in den Stirnmonitor:

„Aber wo! Wo ist es!“

„Kalifornien, House of the Rising Sun.“

Eine Legende, zu schön, um wahr zu sein.

Inzwischen hat sich Johnny zu Grześ gesetzt. Johnny hat seinen Vorführ-Mech-Terminator verschrottet und läuft jetzt in demselben Sexbot herum wie die meisten Transformer in Japan: Weibliche Version, Gesicht vom Fließband, Geisha V oder VI.

„Jemand sucht dich.“

„Wer?“

Johnny zeigt das Bild eines gelb-schwarz gestreiften Roboters mit großem Schultergürtel.

„Nie gesehen, vermutlich ein Bastard aus dem Recycling“, wundert sich Grześ.

Die dritte Legende handelt vom Bösen Gott.

„… und dann drückte er auf RESET, und alles Leben begann zu sterben …“

Grześ berührt mit dem Ende seines Finger-Greifers die Dose und sieht zu, wie das Budweiser vor ihm nach links und rechts kreiselt. Ein Mech kann reglos verharren wie kein lebender Organismus, die Bewegung ist es, die dem Mech Leben verleiht. Ein Roboter, der nicht arbeitet, ist ein Haufen Schrott, nichts weiter. Grześ und Johnny, wie zu Stein erstarrt, betrachten die tanzende Bierdose. Auf dem großen Bildschirm über ihnen leuchtet mit Millionen Lichtern die nächtliche Stadt von Blade Runner – ein prächtiges Lichtspiel vor dem düsteren Hintergrund von PostApo-Tokio.

Gleichsam im Rhythmus der wippenden Dose jagen und wiegen sich die aus Metall und Plastik bestehenden Körper zweiter Sexbots, die auf der Bühne im Inneren der Bar eine grausige Parodie des menschlichen Geschlechtsakts aufführen. Geisha und Geisha, zwei weibliche Mechs von unbekannten Transformern, simulieren mit der Präzision und Empfindsamkeit gehärteten Stahls lesbische Küsse und Liebkosungen von Brust und Schenkeln, Panzerfinger in Panzerschößen, ein im kalten Ritual der Maschinen monströs verunstalteter Tanz animalischen Begehrens im Laserlichtgewitter zu soldatischer Striptease-Musik. Grześ sieht zu, er sieht zu und emotet atemlose Verlegenheit. So viele Ebenen von Künstlichkeit, so viele Schichten von Anführungszeichen – er kommt durcheinander, als er versucht ihre Zahl zu bestimmen. Sie können sich nicht betrinken, sie haben keine Programme, die einen Rausch simulieren. Sie können keinen Sex haben, sie haben keine Programme für Erotik und sexuelle Erregung. Das Einzige, was sie noch haben, ist das trockene Sex-Theater dieser Roboter, die zur erotischen Befriedigung echter, organischer Menschen konstruiert wurden. Der zur Salzsäule erstarrte Grześ betrachtet das Schauspiel zweihundertsiebenundachtzig Sekunden, dann hält er es nicht mehr aus und erhebt sich mit quietschenden Sehnen. Das Maß der Tokioter Bitternis ist übervoll.

„Süße Melancholie, Melancholie Mikado …“

- Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann