Der Anbau von Südpflanzen nach der Mitschurin-Methode

Der russische Genetiker Iwan Mitschurin befasste sich mit der Kreuzung von Pflanzen, um Arten zu züchten, die auch unter widrigen klimatischen Bedingungen wachsen. Er erscheint in den Erzählungen von Weronika Mureks Debütband nicht als Person, sondern nur mit einem Zitat, das dem Buch als Motto vorangestellt ist: „Wir können nicht warten, bis uns die Natur ihre Gunst erweist. Unser Ziel ist es, uns diese Gunst von ihr zu nehmen.“ Die Erzählungen des Bandes Der Anbau von Südpflanzen nach der Mitschurin-Methode sind de facto literarische Experimente, in denen die Autorin unter anderem zwei Perspektiven kreuzt – eine sehr nahe und eine sehr ferne. Sie arbeitet Details heraus und verankert die Narration in einem unwirklichen Raum, in den Wolken (oft wortwörtlich, denn religiöse Motive oder das Jenseits als Handlungsort spielen in den Erzählungen eine wichtige Rolle).

Die Autorin belebt Devotionalia, schöpft aus der Volkskunst und stellt nicht selten Sakrales in sehr konkrete körperliche Kontexte (an einer Stelle stört sich ein Engel daran, dass ein anderer Engel geräuschvoll an einem gezuckerten Rhabarberstengel knabbert; an einer anderen Stelle heißt es, die Muttergottes habe einen Butterkeks aus der Tasche ihres Morgenmantels gezogen, „sie steckte ihn sich in den Mund und schmatzte drauflos“).

Weronika Murek lässt Stile aufeinanderprallen und entwirft ein Mosaik aus kindlichem, volkstümlichem und journalistischem Erzählen: mal voller Grausamkeit, mal voller Poesie, mal voller Absurdität. Jedes Mal aber senkt sie schnell wieder die Stimme, als wolle der Erzähler vor dem Leser fliehen. Unter anderem deshalb sind Weronika Mureks Erzählungen anspruchsvolle Literatur, eine Art Scharade – der Leser muss hochkonzentriert sein, um dem Erzähler folgen zu können.

Die Zusammenführung verschiedener Stile sorgt für Überraschungseffekte. Auf ihnen beruht der Humor von Weronika Mureks Buch. In einer Erzählung kündigt im Rahmen der Vorbereitungen zu einer Silvesterparty für Nervenkranke die Gastgeberin eine Lotterie an: „Jedes Los wird gewinnen. Wir haben eine Kiste mit Schuhen im Keller. (…) Uns passen sie nicht, man kann sie den Kranken geben.“

Weronika Murek sagt zu ihren Vorlieben und literarischen Techniken: „Wenn ich jeden Tag durch die Ulica Stawowa in Katowice laufe, dann möchte ich beim Schreiben nicht durch diese Straße laufen. Wenn ich meine, dass in dieser Straße nichts Interessantes geschieht, dann kann ich sie mit Luken und Löchern ausstatten, die eine zusätzliche, andere Atmosphäre dieser Straße erfahrbar machen – keine andere Wirklichkeit, eine andere Atmosphäre.“ Die Erzählungen ihres Debütbandes sind genau das: ein Spiel im Raum, das eine andere Atmosphäre erfahrbar macht.

- Agnieszka Drotkiewicz

AUSZUG

Ab jetzt nur noch so und nie wieder mehr als das, dachte sie, als sie die Straße überquerte, sie sah in den Briefkasten, niemand hatte geschrieben. Wenn es stimmt, was die Leute reden, sagte sie zu sich selbst, dann wird es so bleiben und ich werde mich langsam damit abfinden müssen: immer neue, zunehmend durchsichtige Momente, die leicht über das Band der Stunden gleiten, eigentlich ohne Zweck, hinauf zu höheren Tagen und Wochen, reflexartig angetrieben von nichts anderem als der Macht der Gewohnheit – so wird es von nun an sein.

   „Da bitte nicht reingehen“, hörte sie eine Stimme hinter sich sagen.

Die Wohnungstür stand weit offen, ringsum roch es nach Wischlappen und Zitrusreiniger.

   „Hier ist jemand gestorben, ich habe gerade geputzt. Alles ist noch nass.“

   „Schon gut, schon gut“, erwiderte Maria, „ich will gar nicht hineingehen, ich schaue nur.“

Sie machte eine kurze Pause.

   „Das ist meine Wohnung, wissen Sie? Vielleicht, wenn ich die Schuhe ausziehe und nur auf Socken?“

Sie beugte sich vor und begann die Schnürsenkel zu lösen.

   „Hat man von hier aus angerufen?“

   „Was?“

Sie hielt mit der Fußspitze die Ferse des anderen Schuhs fest und zog den Fuß ein wenig heraus, dann kickte sie ihn Richtung Wand und beugte sich wieder vor.

   „Wegen der Desinfektion“, sagte die andere.

   „Nein“, erwiderte Maria, „von hier hat niemand angerufen.“

   „Irgendwer muss aber angerufen haben, Sie wissen es bloß nicht. Man muss sich schon um seine Angelegenheiten kümmern. Ich komme jetzt mit dem Wasser, und Sie bleiben bitte draußen. Hören Sie? Sie müssen warten, so leid es mir tut. Sonst gibt es hinterher Flecken. Sie müssen einen Moment warten.

   „Schon gut, schon gut“, antwortete Maria. „Ein paar Augenblicke mehr oder weniger…“

Die Frau entfernte sich langsam. Bevor sie hinter der Treppenbiegung verschwand, drehte sie sich noch einmal um und warf Maria einen misstrauischen Blick zu.

   So schnell, dachte Maria, sie desinfizieren so schnell, als ginge es darum, Spuren zu verwischen.

   Plötzlich packte sie die Wut, so jäh und so heftig, als wäre eine Luftblase gegen ihren Kopf geprallt und zerplatzt. Sie zog die Schuhe an, schnürte sie sorgfältig und mit großer Genugtuung, dann ging sie in die Wohnung. Man hatte die Gardinen und Vorhänge abgenommen, und mit einem Mal wirkte die Wohnung viel geräumiger als in ihrer Erinnerung. Im Wohnzimmer hatte man die Schlafcouch an die Wand geschoben und Plastiksäcke darübergeworfen, außerdem hatte man den Schrank geleert und die Bücher aus den Regalen auf den Fußboden geräumt.
   „Nanana“, sagte die Frau, die plötzlich direkt hinter ihr in der Tür stand, „jetzt sind Sie doch reingangen, das gibt Spuren.“

   „Dann gibt es halt Spuren“, erwiderte Maria. „Davon geht die Welt nicht unter.“

Sie ging zur Couch und sah in einen der Plastiksäcke.

   „Meine Sachen“, sagte sie. „Das grüne Kleid. Das dürfen Sie doch nicht.“

   „Desinfektion“, sagte die Frau. „Alles muss desinfiziert werden.“

Und nach einer Pause:

   „Man sollte vielleicht die Fenster öffnen, dann gibt es Durchzug und der Boden trocknet schneller.“

   „Desinfektion“, wiederholte Maria. „Ich habe doch sauber gelebt.“

   „Die Wohnung soll verkauft werden“, erwiderte die Frau.

Sie ging zum Fenster und öffnete erst eines, dann ein zweites. Jetzt im hellen Zimmer kam sie Maria jünger vor – sie hatte zwar ein faltiges Gesicht, aber überraschend dichtes und dickes glänzendes Haar, das hinten zu einem lockeren Dutt gebunden war. Vom Haaransatz an der Stirn bis zum Haarknoten im Nacken verlief ein schmaler, penibel geflochtener Zopf, der sich von der glatten, leuchtenden Halbkugel abhob wie eine frische, schräg vernähte Narbe. Sie griff in die halbrunde Tasche, zog ein Blatt Papier hervor, faltete es ein paar Mal und schob es geschickt unter den Fensterrahmen.

   „Es spielt keine Rolle, ob Sie sauber gelebt haben oder nicht. Die Wohnung soll verkauft werden und muss desinfiziert werden, das ist ganz normal. Das ist Vorschrift.“

   „Aber sehen Sie, ich lebe ja noch.“

   „Aha“, erwiderte die andere teilnahmslos, ging zu den Säcken und begann sie zu verschnüren. „Das ist gut. Sie müssen sich vor mich nicht rechtfertigen. Weshalb auch? Sie sind erwachsen, und sie haben es so gewollt. Kein Grund, sich zu schämen.“

   Auf dem Schreibtisch lagen verstreute Blätter. Maria überflog sie flüchtig: Jemand war in ihr Email-Konto eingedrungen, hatte Nachrichten ausgedruckt und gelesen und die intimeren Stellen mit Schlangenlinien unterstrichen. Jemand hatte auch ihr Tagebuch gefunden und auf einer Seite mit Einträgen vom März 2000 offen liegen lassen. Jemand hatte mit rosa Filzstift das Kennwort ihres Kontos und ihre Identifikationsnummer quer über die Seite geschrieben.

   „Jemand ist in mein Email-Konto eingebrochen“, sagte Maria. „Jemand hat meine Notizen gelesen.“

   „Vielleicht dachte er, er würde etwas Interessantes finden“, erwiderte die Frau, beugte sich vor und fing an, die Bücher in Kisten zu packen; im Rhythmus ihrer Bewegungen glitt ein goldener Lichtstreif über ihr Haar.

Gleich neben den Blättern und dem Notizbuch lag ein bunter Staubwedel, daneben stand eine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit. Maria, die ihre Gedanken sammeln und nicht antworten wollte, nahm die Flasche und tat, als lese sie das Etikett, auf dem versichert wurde: „Wir machen feuchte Wohnungen und Keller wieder trocken.“

Was für ein Leben, dachte sie mit einem plötzlichen Gefühl von Wut, jeden Tag aufstehen und sich den Zopf flechten. Früher aufstehen, um in Ruhe den Zopf flechten zu können und ihn sorgfältig zu flechten, auch wenn man den Rest des Tages ein bescheidenes Dasein führt, über den Putzeimer gebeugt, und Präparate verwendet, die feuchte Wohnungen wieder trocken machen. Und vor allem sich damit abfinden, dass man von kaum jemandem beachtet wird, und wenn doch, dass dieser Jemand über den ungewöhnlichen Luxus eines Zopfes schnell zur Tagesordnung übergeht und den vergeudeten Augenblick von sich abschüttelt.

Aber ihr macht das nichts aus, dachte sie wütend weiter, sie steht morgens auf und flicht ihren Zopf; geweckt von der Sorgfalt, die sie, Maria, nie hatte, von der Treue zur weiblichen Akkuratesse. Und hätte Maria ähnlich oder sogar genauso gelebt, dann wäre sie vielleicht nicht gestorben, und wenn doch, dann nicht jetzt und nicht so, sondern zu einer passenderen Zeit und besser.
Auf der Treppe erklangen Schritte, der Fußboden knarzte: Man hörte, wie jemand näherkam, in der Tür stehenblieb und sich jetzt die Schuhe auszog. Das dauerte ein wenig; ins Zimmer trat ein älterer Mann mit einem in ein Handtuch gewickelten Topf in der Hand.

   „Mittagessen“, sagte er. „Die Suppe ist noch warm.“

   „Gut“, erwiderte die Frau. „Diese Dame vom Tod ist vorbeigekommen.“

   „Weil es meine Wohnung ist“, antwortete Maria. „Weil ich noch lebe.“

   „Aha“, sagte der Mann und stellte den Topf auf den Tisch.

Er wickelte das Handtuch ab und hob den Deckel.

   „Das ist gut. Noch warm.“

   „Alle haben es gelesen“, sagte Maria und deutete auf den Schreibtisch. „Nicht wahr? Sie auch?“

   „Ja“, gab die Frau zurück, „wir haben es auch gelesen. Hörst du, Alter, wir haben es gelesen, nicht?“

   „Wir lesen immer alles“, sagte der Mann. „Vielleicht gibt ja es etwas zu Lachen.

   „Aber vor allem die Familie. Die unmittelbar Betroffenen.“

   „Wir haben alles nur durchgeblättert. Wir haben nicht mehr die Zeit, müssen die Brillen suchen, es macht einfach keinen richtigen Spaß mehr. Aber manchmal, zur Abwechslung… Immer nur arbeiten, leere Wohnungen putzen, wer würde das aushalten? Wie gesagt, zur Abwechslung …“ Er nickte Maria zu, dann fügte er an: „Haben Sie das Bett gesehen? Was soll man damit anfangen, wie soll man das nur sauber kriegen?“

Er brach ab und wandte sich an die Frau:

   „Iss, iss, meine Liebe, sonst wird es kalt.“

   „Was haben Sie da gesagt?“, fragte Maria. „Es hieß doch, in der Wanne.“

   „Nein“, widersprach die Frau. „Nicht in der Wanne. Im Bett. Das wurde ganz deutlich gesagt.“

   „Wir haben unsere Richtlinien, nach denen gehen wir vor“, sagte der Mann auf dem Weg ins Nebenzimmer. „Manches wird sortiert, manches den Armen gegeben, manches verbrannt.“

   „Ich nehme das alles mit“, ließ Maria verlauten, die ihm folgte.

   „Na, ich weiß nicht, die Vorschriften sind eindeutig“, sagte er. „Sehen Sie den Fleck?“

Er stand am Bett: Bettwäsche und Decke waren schon abgezogen, übrig war nur eine braune Matratze mit einem dunklen, schmalen Fleck, der an die Hülse einer Johannisbrotbaumfrucht erinnerte.

- Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann