DER POLNISCH-RUSSISCHE KRIEG UNTER WEISS-ROTER FLAGG

Dieses laut Geburtsurkunde noch junge Mädchen besitzt eine unglaubliche schriftstellerische Reife und Sprachbeherrschung, eine solche Gabe zum Auftrennen und Wenden von Sprachnähten, eine Gabe, die Sprache zu Brei zu schlagen und aus diesem Brei eine eigene Sprache zu formen, die manchmal makaber und halsbrecherisch, immer aber eigentümlich poetisch ist, so daß die Möglichkeiten der weiteren Entwicklung hier grenzenlos zu sein scheinen. (Jerzy Pilch)

Der Debütroman dieser jungen Autorin ist ein Monolog der Hauptfigur Silny. Er, wie auch die anderen Figuren des Buches – Magda, Angela, Arleta, Natascha, Kasper und Lewy, Teenager aus einer polnischen Kleinstadt zur Zeit des Raubtierkapitalismus – sind von vornherein verdammt zu einem Dasein als Arbeitslose, die Stütze empfangen. Ihre Moral, ihre Vorstellungen von der Welt und Überzeugungen sind ein Gemisch modischer Banalitäten aus dem Fernsehen und den Illustrierten sowie radikaler Sprüche aus Internettagebüchern, die einen zum Lachen bringen und gleichzeitig in Schrecken versetzen. Ihre Ausdrucksweise ist eine kitschige Abart von Sprache, entfaltet aber zugleich die Energie zu einem Karneval der “Lumpennihilisten”. Die Handlung des Romans spielt am Vortag und am Tag des Volksfests “Tag ohne Iwan” (Das Fest kündigt den “Krieg” an: die ins Städtchen kommenden “russischen” Händler sind Konkurrenz für die Einheimischen, besonders für deren Boß und Lokalpolitiker Zdzisław Sztorm, den Eigentümer des Produktionsbetriebs für polnischen Sand und der Großhandlung für russisches “Siding”, d.h. für Fassadenplatten). Dadurch wird aus Masłowskas Roman (der sich zum Großteil im Drogenrausch abspielt), einer polnischen Version von Trainspotting, eine Gesellschaftssatire, eine Groteske mit Elementen des Grand Guignol-Theaters. Masłowska gibt ein ums andere Mal zu verstehen: Dies ist Literatur, eine Scheinwelt, denn diese muß irgendwie anders wirklich sein – das wahre Leben ist nämlich nicht auszuhalten.

Marek Zaleski

AUSZUG

Das Haus der Nachbarn, die auf krummen Touren eine Menge Kohle gemacht hatten, mit illegalen Autos von Ruskis eingeführt, war plötzlich auch von oben bis zur Hälfte weiß. Bis zur Hälfte. Alles bis zur Hälfte weiß. Meistens das halbe Haus. Aber was unten war, Straße, war verfickt noch mal rot. Alles. Weiß-rot. Von oben nach unten. Oben polnische Whities, unten polnische Menstruation. Oben polnischer aus polnischem Himmel importierter Schnee, unten polnische Vereinigung der polnischen Fleischer und Metzger.
Und wo ich auch hinschaue rollt ein orangefarbener städtischer Dienst durchs Bild, mit Farbeimern, mit Farbrollen, im Wind flattern weiß-rote Polizeibänder, damit die Krähen sich nicht setzen und nichts vollscheißen. Streifenwagen, irgendwelche Autos, irgendwelche Installationen, Gerüste. Krank, einfach krank sieht das aus, die Sputniks können die Stadt aus dem All knipsen, total behämmert.
(...) “Darf man erfahren, was wir anstreichen?“, frage ich sofort nüchtern. Sie blicken sich an und sagen, daß sie das Haus weiß-rot streichen werden, denn dies sei Anordnung vom Bürgermeister für den ganzen Kreis. “Und was, wenn nicht?“, sage ich, worauf sie etwas verdattert sind, sie blicken sich an. “Nein heißt wohl nein“, sagen sie mir, “das ist ihre Sache, ob ja oder nein. Ich sage ganz ehrlich, wie es ist. Bei einem Ja komme ich mit dem Kollegen rein, ratzfatz, null Problemo, umfassende Kooperation des Stadtrates mit den Bewohnern polnischer Rasse, zwischen uns alles paletti, irgendwelche Miesen auf dem Konto, in nullkommanix sind die Miesen weg, irgendwelche Mietrückstände, und so weiter, natürlich nur kleinere Summen, denn der Stadtrat kann sich keine größeren Gaunereien leisten. Ihre Frau gebärt, wenn dann beispielsweise gleichzeitig die Frau, mal angenommen, irgendsoeines prorussischen Anti-Polen, der bei der Aktion nicht mitmacht, gebärt, dann hat ihre Frau den Vorzug und die Vorherrschaft beim Gebären, und dazu gibt’s noch ‘ne weiß-rote Rose ans Bett. Die andere aber verreckt auf dem Flur. Obwohl das nicht einmal sicher ist, denn kein Taxifahrer wird sie mitnehmen, und das Auto ist mit einem Mal kaputt. Der Keilriemen, irgendeine Scheißkleinigkeit, mit einem Mal verstopft Styropor das Auspuffrohr, aber das Auto fährt nicht. Es fährt nicht und das war’s. Denn wenn ihr für Nein seid, dann kann ich euch eins versichern, es ist nicht so, daß eine solche Entscheidung keine Wirkung hat. Denn sie hat eine Wirkung. Erst passiert nichts und dann alles auf einmal. Hier geht ihnen was kaputt, fällt ihnen plötzlich die Außenverkleidung vom Haus ab, hier stirbt ihnen ihre Frau plötzlich, obwohl sie nie Schnupfen gehabt hatte. Hier geht was verloren, mir nichts dir nichts tauchen irgendwelche Dokumente mit ihrem Nachnamen, mit ihrem Vornamen nicht in dem Fach auf, in das sie gehören, sondern genau in dem entgegengesetzten von dem, in das sie gehören, es wird so sein, daß du plötzlich einfach aus dieser Stadt verschwindest, und euer Haus Stück für Stück an den Stadtrand gebracht wird, mit Benzin, Aceton übergossen und bis auf die Grundmauern abgebrannt wird. Daß man entweder Pole ist oder kein Pole ist. Entweder ist man polnisch oder man ist russisch. Klarer ausgedrückt, entweder ist man ein Mensch oder ein Haufen Scheiße. Basta, mehr gibt es da nicht zu sagen.“
(...) Dann schaue ich doch auf die Außenverkleidung, die neue, vollkommen unverbrauchte Außenverkleidung, die einen Haufen Kohle kostet. Dann macht’s mit einem Mal klick, ich hab’s. Die Außenverkleidung nur über meine Leiche, ob russisch oder nicht, was das betrifft, nein. “Angela, komm doch mal her“, rufe ich. Angela kommt angetrippelt. Sie wollen die Außenverkleidung weiß und rot streichen, tuschel ich ihr ins Ohr. Sie schaut verständnislos mal in mein eines, mal in mein linkes Auge, so als wüßte sie nicht, was ‘weiß’ heißt, und wüßte nicht, was ‘rot’ heißt, sondern wüßte höchstens, was ‘schwarz’ heißt und wenn ich gesagt hätte, ‘Sie wollen es schwarz streichen’, dann hätte sie sofort gewußt, worum es geht. “Wie streichen?“, fragt sie stumpf wie ein Plastikmesser. “Na polnisch halt“, erkläre ich ihr wie einem Vollidioten, “auf polnisch streichen, angeblich sei das für die Hündin Sunia, die die Russen vergiftet haben.“
“Drehst du jetzt völlig durch?“, daraufhin Angela plötzlich, so als würde sie kapieren, was Sache ist. “Die Außenverkleidung kannst du ihnen zum Streichen geben, wenn sie deine Mutter gevögelt oder einen illegalen Rummelplatz in die Stadt gebracht haben. Oder wenn sie dich getötet und deine Leiche vergewaltigt haben. Aber so kannst du ihnen sagen, für Sunia höchstens den Zaun.
Und Recht hat sie, gar nicht so dumm das Mädchen, Grips fürs Geschäft hat sie, wenn ich dann mal meine eigenen Geschäfte mache, ob mit Sand, ob mit Rummelplätzen, ob mit Palitüchern, was auch immer, kommt sie in die Abteilung “Taschenrechner“.
“Finger weg von der Außenverkleidung“, sage ich zu den Jungs ohne zu zögern mit fester Stimme. “Höchstens den Zaun, wenn ihr schon unbedingt was streichen wollt.“
Sie schauen sich an, einer den anderen, sie denken nach, wie sie mich einstufen sollen, pro oder contra.
“Ich hätte euch auch nicht erlaubt, den Zaun anzurühren“, sage ich schnell, “aber das ist für meinen Hund, für den Schmerz meiner Tochter Angela, der ihr von den Ruskis zugefügt wurde, als sie ihren besten Freund abschlachteten. Dafür hasse ich sie, dafür wird der Zaun meines Hauses Symbol der polnischen Kriegserklärung an die Ruskis sein.“
Und dann wundere ich mich sogar, wie gerissen, durchtrieben ich bin, von nichts kommt manchmal doch was, denn sofort holen sie die Liste mit den Bewohnern hervor und glotzen auf die Tabelle mit den Rubriken ‘propolnisch’, ‘prorussisch’ und sagen:
“Was kreuzen wir an?“ Darauf der zweite, etwas größere: “Für mich eindeutig propolnisch.“ Daraufhin der erste, kleinere: “Propolnisch, sicher doch, aber welche Punktzahl.“ Sie schauen sich einen Moment lang an. Dann sagt der größere: “Hilft nichts, da muß der Psycho-Fragebogen her. Ist zwar kurz, aber immer zusätzliche Bürokratie, drei Fragen, will gut überlegt sein. Ich schaue sie etwas mißtrauisch an, nehme aber den Psycho-Fragebogen und gehe mit Angela ein paar Schritte zur Seite.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk