LOTS TÖCHTER

Diejenigen, die den urkomischen Film Das Leben des Brian von Monty Python kennen oder Joseph Hellers ausgezeichneten Roman Weiß Gott gelesen haben, wissen bereits fast alles. Roman Praszyński hat nämlich ein faszinierendes und irreführendes Apokryph verfasst, in dem er Bibel- und Thoramotive parodiert und obendrein Geschichten aus dem Alten Testament mit Episoden aus dem Koran und Tausendundeine Nacht verknüpft. Ein wahres Durcheinander, das stellenweise sehr witzig zu lesen ist. Protagonisten der Geschichte sind die Titelheldinnen, denen zwar die Flucht aus dem brennenden Sodom gelingt, die aber dennoch ihr Glück nicht finden. Man könnte sagen, dass sie das echte Sodom erst noch vor sich haben: Terror, Vergewaltigungen, riskante Unternehmen und ungewollte, von Mea und Lea heimlich zur Welt gebrachte Kinder. Der Autor von Lots Töchter reiht nicht nur einen Witz an den anderen und ersinnt komplizierte Abenteuer, sondern bemüht sich auch, eine Formel für das Los der Frau an sich zu finden. Die feministische Perspektive, die im Roman durchscheint, ist wohl der einzige ernsthafte Aspekt dieses schriftstellerischen Unterfangens. Alles andere ist Spaß und Abenteuer.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Es war kurz nach Mittag. Vom Wüstenmeer zog eine salzige Brise herüber. Zwei Engel kamen von den Bergen herunter und standen vor dem Tor Sodoms. Sie hatten die Baumwollmäntel an. In den Händen hielten sie Wanderstöcke.
“Klopfen wir oder gehen wir durch?”, fragte der Jüngere. Engel unterscheiden sich nicht im Alter, aber dieser hatte eine jüngere irdische Hülle. Blondere Haare, blauere Augen.
“Nur keine Effekthascherei”, brummte der Ältere.
Er klopfte an den großen Türrahmen aus Holz.
Auf der hohen Mauer aus gebrannten Ziegeln stand ein Wächter. Er hatte seit den frühen Morgenstunden Dienst und eine Midlife-crisis. Seine Kumpane tranken Starkbier und würfelten, und er verdorrte in der Wüstensonne. Er war frustriert.
“Wer seid ihr?”, rief er, den Blick auf die Ankömmlinge geheftet.
Engel können nicht lügen, sie müssen aber auch nicht die ganze Wahrheit sagen. Der Ältere machte von dieser Regel Gebrauch.
“Wir sind mit dem Herrn.”
Den Wächter schien die Antwort zufriedenzustellen. Er spuckte über die Köpfe der Wanderer.
“Und wer ist euer Herr?”
Der ältere Engel antwortete geduldig, mit sanfter Stimme, mit der Erwachsene zu Kindern sprechen.
“Der Herr hat keinen Namen. Der Herr ist einfach.”
Den Wächter schien das nicht zu überzeugen.
“Mann”, rief er, “erzähl mir keine Märchen. Selbst der schlechteste Sklave hat irgendeinen Namen.”
Der jüngere Engel entrüstete sich.
“Müssen wir mit ihm diskutieren?”, flüsterte er. “Vielleicht zünden wir die Bude gleich an?”
Der ältere Engel hob beschwichtigend die Hand.
“Alles zu seiner Zeit.”
Die Sonne blendete. Das Wüstenmeer zwängte den Bauch in eine Bleischüssel. In ihr spiegelten sich die großen Wolkenteller. Der Wind zerrte an ihnen mit seinen scharfen Krallen. Der ältere Engel winkte dem Wächter zu.
“Freund, wir kommen aus einem fernen Land, das sehr hoch gelegen ist. Direkt im Himmel, könnte man sagen. Dort regiert ein großer Herrscher, den wir nur mit Herr anreden. Akzeptiere, dass dies sein Name ist.
Der Wächter dachte einen Augenblick lang nach.
“Ich kann euch nicht reinlassen. Es wimmelt hier von babylonischen Spionen.
“Großer Gott!”, regte sich der jüngere Engel auf. “Wir sind keine Spitzel, wir suchen nur eine Unterkunft für die Nacht. Habt ihr in diesem Sodom kein Herz in der Brust?”
Der Wächter fühlte sich in seiner Ehre gekränkt.
“Du Landstreicher willst die Sodomiten belehren!”
“Sodomiten?”, murmelte der jüngere Engel vor sich hin. “Interessant, und wo leben dann die Nekrophilen?”
Der ältere Engel schaute missbilligend den Jüngeren an. Er schreibt einen Bericht, schienen seine Augen zu sagen. Freundlich winkte er dem Wächter zu.
“Ich weiß, dass du kein schlechter Mensch bist. Nur aufbrausend. Denk an deine Tochter und ihr unglückliches Schicksal.“
Der Wächter seufzte. Eine ägyptische Sklavin hatte ihm ein süßes Mädchen geboren. Ein Engelchen. Er aber hatte sie schlecht behandelt. Sie flohen in die Wüste, wo sie von einem Löwen gefressen wurden. Mit den Jahren zweifelte der Wächter immer mehr, dass jemand mit Liebe diese Welt gemacht hat.
“Woher zum Henker weißt du von meiner Kleinen?”, rief er dem Ankömmling zu.
Über das Gesicht des Engels huschte ein Lächeln der Ewigkeit.
“Ich habe dir gesagt, dass unser Herr groß ist. Mach das Tor auf!
Der Wächter spuckte durch die Zähne und rückte sein Schwert zurecht. Am liebsten hätte er die Fremden zum Teufel geschickt aber die Erwähnung seiner Tochter hatte sein ausgetrocknetes Gewissen gerührt.
“Gut”, ließ er unwillig vernehmen, “ich spreche mit dem Befehlshabenden.”

II.
An dem Tag, an dem Sodom unterging, schleppte sich Lot erst spät aus seinem Bett. Er hatte die Nacht in der Schenke “Zum Wüstenhund” durchgezecht. Er erinnerte sich an das Würfelspiel, und dass er viel gesetzt hatte. Dann gab es ein Loch. Er wachte mit einem grässlichen Kater auf. Er stand langsam auf, das Gehirn klapperte im Schädel wie die Nuss in der Schale. Er tauchte seinen Kopf in die Zisterne mit Regenwasser im Innenhof des Hauses. Dies verschaffte ihm Erleichterung. Er rief seine Frau, damit sie ihm Kefir brachte.
“Du versäufst noch das Haus und uns alle”, hackte Adit auf ihm herum, als sie den Krug vor ihm hinstellte. Sie war hager und hässlich. Seit langem schlief Lot nicht mehr mit ihr.
“Das Meer trinkst du nicht leer, wie mein Urgroßvater Noah zu sagen pflegen”, erwiderte er. “Außerdem ist es mein Geld.“
“Als wir noch mit deinem Schwager Abraham waren, hast du dir solche Niederträchtigkeiten nicht erlaubt”, sie gab sich nicht geschlagen. “Mit dir kann man es nur schwer aushalten.”
“Frau”, setzte er sich unter Schmerzen auf die Erde. “Der Herr hat dir befohlen, deinen Mann zu ehren und nicht ihm auf der Nase herumzutanzen, schweig also.
“Ich mache mir Sorgen um unsere Töchter. Du bist ihnen ein schlechtes Vorbild.“
Er klatschte die Hände zusammen.
“Immer musst du das letzte Wort haben. Pass auf, dass ich nicht irgendwann die Geduld verliere!”
Sie gab keine Antwort. Sie wusste, dass sie sich auf sehr gefährlichem Terrain bewegte.
Wütend rieb er sich die rote Wunde über dem Auge, ein Andenken an einen Streit mit Abraham. Damals war es um besseres Weideland für seine Herde gegangen. Mit Bitterkeit dachte er daran, wieviel Geringschätzung er im eigenen Haus ertragen musste. Und ausgerechnet von der eigenen Frau, die den Liebreiz eines Eremiten hatte. Gut, dass wenigstens die Töchter hübsch sind.
Adit hatte ihm zwei Mädchen geboren: Lea und Mea. Er wünschte sich einen Sohn von ihr. Aber ihr Schoß war leer. Er seinerseits bevorzugte statt ihrer weiblichen Formen die Rundungen des Weinkrugs.
“Unsere Fräulein wachsen heran.”, er wischte sich den Kefir vom Schnurrbart. “Es ist höchste Zeit, sie zu verheiraten.”
“Bist du verrückt geworden?”, Lots Frau erstarrte. “Schließlich sind sie noch Kinder!”
“Mein Entschluss steht fest.” Lot war es nicht gewohnt zu diskutieren. “Heute noch gehe ich zur Brautwerberin. Und du, mach dir Gedanken über die Hochzeit. Damit es billiger wird, machen wir zwei auf einmal.”

Aus dem Polnischen von Andreas Volk