Ha!art
Kraków 2008
110x180
232 pages
paperback
ISBN 978-83-89911-99-5
Translation rights: Sylwia Chutnik

Sylwia Chutnik


Der Taschenfrauenatlas


Jedes Kapitel des "Taschenfrauenatlas" beginnt mit einer „Panoramafotografie”, in der namenlose weibliche Typen dargestellt und deren Daseinsbedingungen ausgeführt werden. Danach geht die Autorin zur „Nahaufnahme”  über und konzentriert sich auf eine einzige ausgewählte Repräsentantin der von ihr unterschiedenen „Gattungen”.  Die vier Hauptfiguren stehen für verschiedene HeldInnengenerationen – eine von ihnen ist ein feminisierter Mann – und sie verbindet die Tatsache, dass sie im selben Haus leben. Ihre Einzelwelten fügen sich also zu einer Wirklichkeit. Wenn man diese als „Wirklichkeit der Opaczewska-Straße” in Warschau deutet, kann man – unter Verwendung der biologischen Kriterien Sylwia Chutniks – von dem Haus als einem Ökosystem sprechen und von seinen BewohnerInnen als RepräsentantInnen einer autochthonen Gattung, die über die Beziehungen zur Außenwelt entscheidet.
Wenn man die beiden Techniken, die die Schriftstellerin anwendet, zusammenführt, drängt sich der Vergleich zum Naturfilm auf. Aber: Die ausgewählten Typen sind nicht repräsentativ, sie spiegeln kein charakteristisches Lebensmodell wieder, sondern sind eindrucksvoll psychologisch. Die Autorin verfährt nicht wie eine Behavioristin, sondern sie blickt in die Seelen der Porträtierten. Oder besser sie erschafft ihnen eine Seele.
Zum Beispiel kann Maria sich immer noch nicht vom Kriegstrauma befreien. Sie war eine tapfere Meldegängerin des Warschauer Aufstands, durch ein Wunder entrann sie dem Tod, und stirbt jetzt in völliger Vereinsamung. Kränklich und hilflos ringt sie sich zu ihrer letzten Protesthandlung auf, sie ist sich jedoch darüber im Klaren, dass ihre selbstmörderische Demonstration unbemerkt bleiben wird. Der Fall Marias spiegelt das Schicksal der alten Helden, die gegen Ende ihres Lebens zum Vergessen und zum Dahinvegetieren unter furchtbaren Bedingungen verdammt sind.
Die anderen im Buch beschriebenen Schicksale sind ebenso rührend, auch wenn Chutnik sie in einer tragikomischen Tonlage beschreibt. Die Distanz, mit der sie ihnen begegnet und die für eine Dokumentarbiologin erforderlich ist, verdeckt ihre enorme Empfindsamkeit nicht. Sie ist es, die neben der durchdachten Konzeption des Erzählbands und der Fähigkeit, sowohl Handlungsfäden zu spinnen wie auch glaubwürdige Porträts sozialer Gruppen oder Individuen zu konstruieren, die junge Autorin auszeichnet. Chutnik ist mit Sicherheit am interessantesten unter den dieses Jahr debütierenden Zwanzigjährigen.
 
- Marta Mizuro





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2008 wird das Buchinstitut mit einem Gemeinschaftsstand an folgenden Buchmessen vertreten sein: Paris (14.-19. März 2008), Bologna (31 März - 3 April 2008), London (14.-16. April 2008), Beijing (September 2008), Barcelona (Oktober...

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